Herr Kaehlbrandt, was bringt das Integrationskonzept von Frau Eskandari-Grünberg?
Es ist ein wichtiger Impuls. Allein schon, eine Bestandsaufnahme zu machen und Handlungsoptionen für diese Stadt zu bestimmen, ist hilfreich. Es ist eine nützliche geistige Übung. Und es ist darüber hinaus der Versuch, mit der Stadtgesellschaft in ein Gespräch einzutreten darüber, was die Zuwandererstadt Frankfurt eigentlich ist, was sie zusammenhält, was sie ausmacht. Frau Eskandari-Grünberg sucht eine echte Debatte, das ist zu spüren.
Roland Kaehlbrandt ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Er setzt sich seit dem Erscheinen des Entwurfs für ein Integrationskonzept mit den Ideen der zuständigen Dezernentin Nargess Eskandari-Grünberg auseinander. Die Politikerin der Grünen stellte ihre Gedanken Anfang Oktober zuerst im Depot Sachsenhausen der Frankfurt Rundschau vor.
Gemeinsam mit dem Architekten Albert Speer und seinem Kollegen Klaus Ring legte Kaehlbrandt im Februar die Studie "Frankfurt für alle" zur Entwicklung der Bürgerstadt vor. (ing)
Die Studie bietet neue Bilder, nimmt Abschied von der multikulturellen Gesellschaft und zeichnet das Bild einer am Aufstieg orientierten Gesellschaft. Ist das zu optimistisch?
Offen gestanden vermag ich den Unterschied zwischen dem alten Konzept der multikulturellen Gesellschaft und der jetzt entworfenen transnationalen Gesellschaft noch nicht ganz zu fassen. Das blieb mir schon bei der öffentlichen Vorstellung im Sachsenhäuser Depot der FR undeutlich. Zu dem vielen Positiven in dieser Studie gehört es aber, dass sie die kräftigenden Seiten der Zuwanderung herausarbeitet: Einwanderung ist für unser Land und unsere Stadt auch eine Chance. Außerdem schafft der Versuch der Studie, eine städtische Identität zu bestimmen, Klarheit - das ist immer eine nützliche Grundlage einer Debatte. Gefallen hat mir auch der Slogan: "Zuhause sein statt integriert". Es ist dagegen sicherlich kein Identifikationsangebot, wenn wir von Aufnahmegesellschaft oder Mehrheitsgesellschaft sprechen. Dieser technokratische Jargon ist nicht hilfreich. Passender ist es zu sagen, dass Zuwanderer in dieser Stadt zu Hause sind. Ankommen und seine eigene Zukunft in diesem Land sehen - das ist ein Fortschritt für uns alle. Übrigens müssen wir aufhören, das Thema Integration nur als Ausländerthema zu verstehen. Unter sozialen Gesichtspunkten betrifft das hier auch viele deutschstämmige Familien. Die darf man nicht übersehen.
Was sind für Sie die zentralen Aspekte der Studie?
Zentral sind für mich zunächst die neuen Begriffe, die in der Studie verwendet werden. Etwa die transnationale Stadt. Oder auch der Begriff der Supervielfalt, der in der Studie hoch im Kurs steht. Man liest davon, dass Frankfurt eine Stadt der Szenen und Milieus sei. Mir sind Begriffe sehr wichtig. Sie bündeln unsere Weltsicht. Manchmal bringen sie auch Reales hervor. Die genannten Begriffe regen mich zum Nachdenken an. Das Ergebnis: Es gibt in Frankfurt auch die traditionellen Milieus. Es gibt kleinstädtische Formen, nicht nur weltstädtische. Es gibt in der Stadt auch Kontinuität und einen Zusammenhalt, der traditionell von der Bürgergesellschaft erbracht wird. Es gibt die Arbeit der klassischen Vereine und Vereinigungen in der Stadtgesellschaft. Ich meine: Wir sollten nicht das Transnationale gegen das Traditionelle setzen. Es sollte uns beispielsweise gelingen, noch mehr Zuwanderer für die klassischen deutschen Vereine zu gewinnen.
Muss es also nationale Bezüge weiterhin geben?
Ich finde die Studie etwas geschichtslos. Frankfurt ist eine 1200 Jahre alte Stadt. Daraus erwächst eine große Kraft. Deswegen haben wir in der Studie "Frankfurt für alle" diese Stadt auch als eine Bürgerstadt charakterisiert. An diese Tradition kann man auch unter dem Aspekt der Zuwandererstadt anknüpfen. Zusammenhalt unter der Bedingung von Mobilität und Vielfalt braucht Kontinuität, also auch Tradition und Geschichtsbewusstsein.

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