Die pechschwarzen, buschigen Augenbrauen des armenischen Pass-Beamten fallen Carina Kümpel als erstes auf. Es ist der 5. September 2008, vier Uhr früh, am Flughafen Jerewan. Carina, ihre fünf Kommilitonen der FH Wiesbaden und Professor Guido Ludes sind endlich angekommen. "Ich wusste überhaupt nichts über Armenien," meint die Design-Studentin rückblickend. Und sie ergänzt: "In ein Land innerhalb von Europa wäre ich wahrscheinlich nicht mitgefahren." Ludes ist bekannt für seine ungewöhnlichen und gut organisierten Exkursionen. Und so wagte auch Carina den Sprung ins kalte Wasser.
Die armenische Studentin Natalya Etaryan hatte Ludes während eines Diplomgespräches auf ihr Heimatland aufmerksam gemacht und einen ersten Kontakt herhergestellt. 2007 reist Ludes daraufhin nach Armenien - das gemeinsame Projekt mit Studenten der Kunsthochschule Jerewan und der FH Wiesbaden ist bald beschlossene Sache. Keiner ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass die Exkursion in ein aufwendig gestaltetes Buch münden würde.
Sieben Design-Studenten der FH Wiesbaden reisen im September 2008 nach Jerewan und entwickeln mit Studenten der Hochschule der Bildenden Künste Konzepte für eine künstlerische Zusammenarbeit. Begleitet werden sie unter anderem von Professor Guido Ludes und dem seinerzeit amtierenden FH-Präsidenten Clemens Klöckner.
Zurück in Deutschland wird die gemeinsame Arbeit über E-Mail, Skype und Blogs weitergeführt. Insgesamt sind an dem Projekt schließlich jeweils acht Studenten aus Wiesbaden und Jerewan beteiligt.
Mit Unterstützung der FH-Hochschulleitung kommen die armenischen Studenten im Januar 2009 nach Wiesbaden.
Im Mai 2009 wird mithilfe des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit das 175-seitige Buch Drawn Together gedruckt, in dem die Ergebnisse der Zusammenarbeit vorgestellt werden. Fotos, Illustrationen, Collagen, Malerei und Texte erzählen die Geschichte eines ambitionierten und außergewöhnlichen interkulturellen Austauschs. (vb)
Zwölf Monate später auf der Fahrt vom Flughafen zum Sevan-See ist Carina trotz der Müdigkeit ziemlich aufgeregt. Im Morgenlicht zieht das langsam erwachende Armenien vorbei. Als die Studenten um fünf Uhr morgens bei ihren Gastgebern ankommen, erwartet sie eine opulent gedeckte Tafel. "Die Tische haben sich unter dem Essen gebogen", sagt Ludes. Die Begrüßung ist warmherzig, bald werden emotionale Ansprachen gehalten, man stößt mit Wodka an. Die Studenten sind überwältigt von der Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Armenier. Um halb neun werden die Tische zur Seite geschoben - und es wird getanzt.
Später treffen Carina und ihre Kommilitonen am Sevan-See die armenischen Studenten der Kunsthochschule. Schnell wird das Gespräch persönlich: Es geht um Vorurteile, das Rollenverständnis der Frau, Lebensentwürfen und um Studienbedingungen. Fazit des ersten Tages: viele neue Freunde, acht Mahlzeiten und kein Schlaf, Schwimmen im Sevan-See mit der Gruppe.
In den folgenden Tagen ist die Frage, die alle beschäftigt: Wie kann man dieses Zusammentreffen visualisieren und in ein Projekt gießen? Carina etwa ist begeistert von der kargen, schroffen Berglandschaft, den jahrhundertealten Kirchen und Klöstern. Der tiefe Glaube, der wie selbstverständlich im Alltag integriert ist, beeindruckt sie nachhaltig. Die armenische Schrift fasziniert sie ebenfalls: In allen möglichen Varianten fotografiert Carina das fremde Alphabet. Die Studenten sind fleißige Sammler. Sie halten ihre Eindrücke in Fotografien, Notizen und Zeichnungen fest. Drei Arbeitsgruppen aus armenischen und deutschen Studenten erstellen immer wieder neue Konzepte. Als die Gruppe nach sieben Tagen nach Wiesbaden zurückkehrt, wird die Projektarbeit über das Internet fortgesetzt.
Das Konzept von Carinas Arbeitsgruppe ist die Gegenüberstellung der armenischen und deutschen Lebenswirklichkeit. In sorgfältiger Kleinarbeit dokumentieren die Studenten ihre jeweilige Umwelt. Per Mail stimmt man sich ab, schickt sich gegenseitig in Innenstädte und Supermärkte auf der Fotojagd nach Waschmitteln, Taxen und Cognacflaschen. Die Einsicht: Die Lebenswelten sind nicht so verschieden, wie man glauben könnte. Dennoch gibt es natürlich Unterschiede: Ist der Mainzer Karneval eine Kostümparty, die nur noch wenig mit traditionellen Formen zu tun hat, sind traditionelle Musik und Tanz in Armenien tief in der Alltagskultur verankert.
Fotos, Illustrationen, Collagen und Zeichnungen werden eingescannt und den 3000 Kilometer entfernten Kollegen zugemailt. Kunst macht nicht an Ländergrenzen halt.
Nach mehreren Monaten Arbeit beschließen die Studenten, die Arbeiten in einem Buch festzuhalten. Der Titel "Drawn Together" symbolisiert die zwei Facetten des gemeinsamen Projektes, die Arbeit und das Private: "zusammen gezeichnet" und "zueinander hingezogen".
Auch Carinas Professor ist zufrieden: "Wir sind uns ans Herz gewachsen." Dabei hatten die Deutschen, als es bei dem ersten Zusammentreffen um Vorurteile ging, nicht besonders gut abgeschnitten. Als "überpünktlich" und "kalt" galten sie. Nach dem Besuch der Armenier in Wiesbaden brauchen sich Carina und ihre Kommilitonen darüber keine Gedanken mehr zu machen: Ihnen werden armenischen Tugenden attestiert.
Carina hat mit dem Land im Kaukasus längst nicht abgeschlossen. Im Gegenteil: "Ich habe mich total in Armenien verliebt", sagt sie und ergänzt: "Es ist ein superschönes Land". Kurz nach ihrer Abschlussprüfung reist sie ein zweites Mal nach Armenien, dieses Mal in aller Ruhe. In ihrem Handgepäck hat sie ein frisch gedrucktes Exemplar von "Drawn Together". Ihre armenischen Freunde sind begeistert.

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