Aktuell: Zuwanderung Rhein-Main | Fotostrecken | Polizeimeldungen
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

06. Juni 2008

Interview: Ein hohes Gut

Kritischer Begleiter Israels: Micha Brumlik.  Foto: FR/Arnold

Professor Micha Brumlik über Idee und Realität des Staates Israel, über Antisemitismus und Katholizismus.

Drucken per Mail
Zur Person

Micha Brumlik, 1947 in Davos geboren, lebte nach seinem Abitur am Frankfurter Lessing-Gymnasium von 1967 bis 1969 in Israel.

Der Pädagoge und Philosoph lehrt seit dem Jahr 2000 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität.

Das Fritz-Bauer-Institut leitete Brumlik zwischen 2000 und 2005.

60 Jahre Israel - in in der Paulskirche wurde gefeiert und auf dem Römerberg getrauert. Sie, Herr Brumlik, zählten mit schwarzem Luftballon eher zu den Trauernden?

Ich habe mich wesentlich mehr für die palästinensische Kundgebung auf dem Römerberg interessiert, weil ich wissen wollte, wie Palästinenser heute die politische Lage einschätzen. Die Äußerungen der Palästinenser waren politisch korrekt, ausgewogen und weiterführend.

Sie haben sich eindeutig für die Zwei-Staaten-Lösung und den Rückzug Israels aus dem Westjordanland und Erleichterungen in Gaza ausgesprochen. Weniger glücklich waren der Moderator und eine jüdische Menschenrechtsvertreterin, die in sehr undifferenzierter Weise den Staat Israel pauschal als Unrechtsstaat bezeichnete, was der Realität des Landes - sieht man einmal von den besetzten Gebieten ab - in keiner Weise gerecht wird.

Und der schwarze Luftballon?

Den hat mir jemand in die Hand gedrückt, ein demonstratives Mittel, um an die vielen arabischen Dörfer zu erinnern, die im Zuge des Krieges von 1948 zerstört wurden.

Teilen Sie diese Trauer der Palästinenser ein Stück weit?

Nein, die teile ich nicht. Ich bin kein Palästinenser, es ist nicht meine Heimat, die verlorengegangen ist. Aber auch die Palästinenser haben ein Recht auf Trauer.

Sie sind für Ihre Anwesenheit auf dem Römerberg angegriffen worden…

In zwei, drei Internet-Foren, die ich allerdings für unerheblich, weil unseriös, halte.

Als es nach Shoah und Zweitem Weltkrieg um die Gründung Israels ging, gab es nicht wenige, die die Vision eines binationalen Staates für Juden und Palästinenser entwickelten. Die Realität heute lässt nur noch zwei Staaten zu?

Ja. Aber nach allem, was ich höre ist die Siedlungstätigkeit und der Straßenbau im Westjordanland so weit fortgeschritten, dass eine physische Trennung nicht mehr gelingen wird. Die Zwei-Staaten-Lösung wird nur noch eine symbolische Bedeutung haben: infrastrukturell, ökonomisch und demographisch sind die israelische und die palästinensische Gesellschaft nicht mehr zu trennen.

Es wird immer wieder die besondere Verantwortung Deutschlands Israel gegenüber betont. Was wäre in Ihren Augen verantwortliches Handeln?

In einem Hamburger Wochenmagazin war gerade zu lesen, dass Israel an engeren Beziehungen zur EU interessiert ist. Ich habe schon seit längerem vorgeschlagen, dass Deutschland sich dafür einsetzt, dass Israel Mitglied der EU wird und in diesem Rahmen dann eben auch den menschenrechtlichen Kriterien der EU genügt.

Ist die Zeit reif dafür?

Das Öl im Nahen und Mittleren Osten wird für die USA längerfristig aus ökonomischen und ökologischen Gründen an Bedeutung verlieren, sie werden sich aus der Region zurückziehen und dem pazifischen Raum zuwenden.

Dann fällt das Problem den Europäern auf die Füße. Etwas anderes kommt hinzu: Das iranische Streben nach Atomwaffen ist ein reelles unerträgliches Risiko. Ich bin der Meinung, dass Deutschland und Österreich viel zu wenig tun, um die am Horizont aufziehende Bedrohung zu bekämpfen.

Sie haben sich 2007 in einem Buch kritisch mit dem Zionismus auseinandergesetzt. Ist die Idee, mittels eines Staates Sicherheit für Menschen jüdischen Glaubens zu schaffen, gescheitert?

Sie ist insofern gescheitert, als sie einfach nicht funktioniert hat. Leib und Leben von Juden in Israel und speziell im Westjordanland sind gefährdeter als anderswo. Man kann natürlich sagen, es ist besser, in Würde in Gefahr zu leben, denn als abhängige Minderheit in der Diaspora.

Aber Tatsache ist, dass - außer im arabisch-islamischen Raum -Juden weltweit in einer besseren Situation leben als in hunderten, tausenden Jahren zuvor. Das ist ein hohes Gut, auch wenn wir mit Trauer feststellen müssen, dass diese Sicherheit und Anerkennung erst nach dem Mord an sechs Millionen Juden Wirklichkeit wurde.

In Frankfurt wurde ein Rabbiner angegriffen und schwer verletzt. Eine Einzeltat, die Entsetzen hervorrief. Ist sie ein Anzeichen für wiedererstarkenden Antisemitismus?

Bei einem Teil der jungen Männer aus der arabisch-islamischen Emigration gibt es einen massiven islamistischen Judenhass. Auch die ethnisch deutsche Bevölkerung zeigt in hohem Ausmaß als Antizionismus verkleidete antisemitische Gefühle.

Im konkreten Fall würde ich das aber anders beurteilen. Derlei Gewalttätigkeiten kommen bei benachteiligten männlichen Jugendlichen immer wieder vor. Als Symptom einer generellen Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas werte ich das nicht. Als Erziehungswissenschaftler füge ich hinzu: Das Strafmaß von dreieinhalb Jahren ist für einen jungen Mann sehr hoch, zumal der hiesige Strafvollzug im allgemeinen nicht zur moralischen Besserung der Verurteilten beiträgt.

Sie sind dem Katholikentag ferngeblieben, aus Protest gegen die neue Karfreitagsfürbitte, die um Erleuchtung für die Juden bittet, damit sie Jesus als Retter erkennen. Wie viel Porzellan ist damit zerschlagen worden?

Sehr viel. Die auf dem Katholikentag vollzogene Versöhnung ist anerkennenswert, aber wertlos, weil der Papst sich nicht bewegt hat. Unser Fernbleiben hat doch mehr ausgelöst, als wenn wir stillschweigend hingegangen wären. Im Übrigen diskutieren wir weiter.

Interview: Susanne Schmidt-Lüer

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Von Hanau über Offenbach bis Wiesbaden, von Friedberg über den Taunus bis nach Darmstadt: Die Frankfurter Rundschau berichtet mit ihren Redaktionen vor Ort aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet.

Twitter

Anzeige

Altenhilfe der FR
Altenhilfe

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

ANZEIGE
- Partner