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Interview: Erschütternde Erinnerung an den Holocaust

Michael Stolleis plädiert im FR-Interview dafür, eine Straße im Gerichtsviertel nach Fritz Bauer, dem Chefankläger im Auschwitz-Prozess, zu benennen.

Der 67 Jahre alte Rechtshistoriker und frühere Hochschullehrer Michael Stolleis leitet das in Frankfurt am Main ansässige Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte.

Der Wollheim-Kommission der Universität, die sich mit der Schaffung eines Memorials in Erinnerung an den früheren Zwangsarbeiter Norbert Wollheim zu befassen hatte, stand Stolleis als Sachverständiger zur Seite.
Der 67 Jahre alte Rechtshistoriker und frühere Hochschullehrer Michael Stolleis leitet das in Frankfurt am Main ansässige Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte. Der Wollheim-Kommission der Universität, die sich mit der Schaffung eines Memorials in Erinnerung an den früheren Zwangsarbeiter Norbert Wollheim zu befassen hatte, stand Stolleis als Sachverständiger zur Seite.
Foto: Petra Welzel

Herr Stolleis, Sie haben im Geleitwort zur Bauer-Biografie von Irmtraud Wojak angemerkt, Fritz Bauer habe die Republik verändert. Wie meinen Sie das?

Fritz Bauer hat diese Republik in mehrfacher Hinsicht verändert, zunächst schon in seiner Braunschweiger Zeit mit der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit zu Beginn der 50er Jahre. Damals ging es um den Remer-Prozess und die Würdigung des Widerstands des 20. Juli 1944.

Eines der großen Themen für Bauer.

Damals versuchte er, wohl als erster, den Widerstand juristisch und moralisch ins rechte Licht zu rücken. Die zweite große Einwirkung auf die Bundesrepublik und für ihn das Allerwichtigste war der von ihm vorbereitete Frankfurter Auschwitz-Prozess der Jahre 1963 bis 1965. Damit trat die Suche nach den NS-Tätern erst richtig in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Als drittes Wirkungsfeld hatte sich Bauer eine Reform des Strafrechts wie des Strafvollzugs vorgenommen. In diesem Bemühen ist er allerdings nicht weit gekommen. Er gehörte nicht zur großen Strafrechtsreform-Kommission, aber er äußerte sich hierzu vielfach, und zwar kritisch.

In Wojaks Studie findet sich die Einschätzung, das Wichtigste am Auschwitz-Prozess sei es gewesen, dass er überhaupt zustande kam. Wirkten nicht vor allem die von Bauer bei Zeithistorikern in Auftrag gegebenen Gutachten über den nationalsozialistischen Unrechtsstaat in der Öffentlichkeit?

Die Gutachten spielten eher auf der wissenschaftlichen Seite eine Rolle, da gab es anschließend ja auch einen Aufbruch unter den Zeithistorikern. Das Wichtigste am Auschwitz-Prozess war wohl eher seine öffentliche Wirkung: Erstmals gab es Zeugen, die vor der Weltöffentlichkeit in erschütternder Weise versuchten, sich an Auschwitz zu erinnern und das auszusprechen. Erstmals schaltete sich die Literatur ein (Peter Weiß), erstmals sah man die Verteidiger, die versuchten, diese Zeugen zu bedrängen. Das hat eine ganze Generation geprägt.

Trotz der Bedeutung, die Sie Bauer zuschreiben - in der späteren Bundesrepublik spielte er keine Rolle. Eine Abwehrreaktion?

Nein, das glaube ich nicht, vielmehr sind viele Leute von Bauer beeinflusst worden, fühlten sich mit ihm solidarisch, sind den Weg weiter gegangen. Er hatte einen entscheidenden Impuls gegeben. Bauer war nicht der einzige Auslöser, aber er wurde zu einer Art Symbolfigur für diese politische Wende um 1965. Als Person ist er später fast wieder vergessen worden. Es gibt in Frankfurt keine Fritz-Bauer-Straße.

Die Benennung des Forschungsinstitutes an der Goethe-Uni liefert den einzigen Hinweis.

Bauers Aktivität ging in die Tagesarbeit, nicht in die Wissenschaft. Er war ein unermüdlich tätiger Jurist mit großer öffentlicher Ausstrahlung. Er hielt Vorträge, beteiligte sich an Diskussionen, wirkte für die Strafrechtsreform. Allzu viel an tiefer wirkenden Spuren darf man aber wohl nicht erwarten, auch nicht vom Holocaust-Gedenktag.

Zum 50. Jahrestag des Kriegsendes gab es intensivere Auseinandersetzungen mit dem Holocaust. Gibt es heute eine gewisse Geschichtsmüdigkeit?

Ich teile Ihre Prämisse nicht. Vor dreißig Jahren dachte ich auch, es gäbe eine Art Erlöschen des Gedächtnisses an den Holocaust. Rückblickend muss ich sagen: Das war falsch. Es kommen immer neue Wellen, ausgelöst durch Filme und Bücher, vor allem aber durch den Wechsel der Generationen. Inzwischen ist die Erinnerung an den Holocaust ein Weltphänomen. Es gibt sicherlich eine gewisse Sättigung in der Forschung, nachgelassen hat die Erinnerung insgesamt aber nicht.

Nehmen Sie die Frankfurter Schulen. Dort gibt es zu diesem Gedenktag nicht viel. Kann man nicht doch mehr erwarten?

Das kann man, aber nach meinen Erfahrungen wird seit langem der Holocaust an den Schulen nicht verdrängt, man kann sogar umgekehrt sagen, es gab Zeiten einer gut gemeinten Überfütterung, die bei den Schülern nur zu Verdruss führten, weil andere Themen dadurch zu kurz kamen. Ich kann deshalb nicht feststellen, dass der Holocaust im Bewusstsein der Bundesrepublik verdrängt würde. Das war noch in den 60er Jahren anders.

Was kann die Bauer-Biografie in dem Zusammenhang leisten?

Diese Biografie ist eine Wiedergutmachung an jemanden, der fast in Vergessenheit geraten war. Sie liefert eine ganz wichtiges Stück zur Geschichte des Widerstands, vor allem aber zur Geschichte der Bundesrepublik, in der Fritz Bauer beispielsweise den eigentlichen Anstoß gab, Eichmann zu finden. Dieses Buch ist eine der erfreulichsten Neuerscheinungen der vergangenen Jahre.

Die Biographie schildert Bauer als oft mit sich selbst hadernden Einzelgänger. Ist Bauer am Ende eine Figur der Verbitterung?

Ja, alle, die ihn gekannt haben, berichten von seinem Pessimismus, von dem Gefühl, nicht alles erreicht zu haben. Er war wohl eine Mischung aus Idealist und Pessimist, er war ein Humanist in dem Glauben an die Universalität der Menschenrechte und der Menschenwürde,und er war in der Tat ein einsamer Mensch. Er lebte auch im Widerspruch: Bauer kämpfte für ein Strafrecht der Prävention und Resozialisierung. Doch diese Ziele passten nicht auf die NS-Täter. Da gab es keine Prävention, keine Warnung vor künftigen Taten, es gab nichts zu resozialisieren. Also blieb der alte Vergeltungsgedanke und das Rätsel der Gerechtigkeit. Doch gibt es keinen Zweifel: Fritz Bauer hat Enormes geleistet.

Also wäre es gut, in Frankfurt eine Straße nach ihm zu benennen?

Das wäre eine gute Idee - möglichst eine Straße im Gerichtsviertel.

Interview: Matthias Arning

Datum:  27 | 1 | 2009
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