Herr Wilk, das Atomkraftwerk in Biblis läuft wieder. Für den 24. April sind dort Aktionen angekündigt. Was haben Sie vor?
Zwei Tage vor dem Tschernobyl-Jahrestag werden wir das AKW umzingeln und damit symbolisch ausgrenzen. Gleichzeitig findet eine Menschenkette zwischen dem AKW Krümmel und Brunsbüttel statt, und in Ahaus gibt es ebenfalls eine Demonstration.
Michael Wilk aus Wiesbaden ist Arzt und Sprecher der Aktion "KettenreAktion: Atomkraft abschalten!", bei der Tausende den Reaktor in Biblis umzingeln sollen.
Massenhaft Anti-Atom-Protest kündigt die Initiative für den 24. April zum Tschernobyl-Jahrestag und zum
Anfahren von Block A des Atomkraftwerks Biblis an. ( jur )
Wer ruft zu der Demonstration in Biblis auf?
Träger sind die Bürgerinitiativen und Umweltverbände, unterstützt von einem breiten gesellschaftliches Bündnis von Gewerkschaften bis zu den Grünen im Landtag, der Linkspartei und der SPD Hessen.
Warum gerade Biblis?
Hier läuft der älteste Reaktor der Republik. Block A ist 1974 ans Netz gegangen, Block B zwei Jahre später. Er hat spektakuläre Pannen hinter sich. Schon deshalb gehört dieser Pannen- oder Schrottreaktor ausgeschaltet. Es ist das extremste Beispiel von laufenden Reaktoren, dient aber am 24. April aber nur als Platzhalter für alle Reaktoren, die sofort stillgelegt gehören.
Welche Gefahren gehen von den Atomkraftwerken aus?
Bei einem atomaren GAU in Biblis, dem größten anzunehmenden Unfall, käme es zu einer zentralen Verseuchung zentraler Teile der BRD, ja Mitteleuropas. Pro Jahr entsteht in einem AKW die vielfache Menge der atomaren Stoffe einer Hiroshima-Bombe, diese könnten freigesetzt werden.
Und der Normalbetrieb?
Der Abbau von Uran in Bergbaubetrieben ist für die Arbeiter hoch gefährlich. Es gibt dort eine extrem hohe Belastung durch freiwerdendes radioaktives Radon-Gas. Schätzungen zufolge forderte alleine die Uran-Produktion in den Bergwerken der DDR 20000 Opfer. Eine Studie des Bundesamts für Strahlenschutz kommt zu dem Schluss, dass das Krebsrisiko bei Kindern unter fünf Jahren an Reaktorstandorten deutlich zunimmt. Außerdem laufen die Reaktoren, ohne dass klar ist, wo die beim Betrieb entstehenden hoch radioaktiven Stoffe entsorgt werden sollen. Wir haben eine Technik, die uns Folgelasten aufbürdet für Tausende von Jahren.
Das Kraftwerk in Biblis schafft aber auch Arbeitsplätze in einem Gebiet, wo Jobs rar sind. Wie ist die Unterstützung der Bevölkerung für Sie?
Biblis lebt vor allem vom AKW. Die Steuerabgaben fließen dort in die Stadtkasse. Früher baute man in Biblis Gurken an. Aber wer isst schon gerne Gurken aus Biblis? Dort haben wir wenig Unterstützung, weil die Leute ökonomisch von RWE abhängig sind. Im Grunde werden sie auch erpresst. Es ist an der Zeit, sich um Job-Alternativen Gedanken zu machen. Wenn man über die Gemeindegrenze hinaus kommt, gibt es eine ganz starke Gegnerschaft.
Beschert die aktuelle Diskussion über längere Laufzeiten der Anti-Atomkraftbewegung eine Renaissance?
Es gibt eine Belebung der Bewegung, die eine der größten sozialen und ökologischen der Bundesrepublik ist. Im Norden, wo mehr Anlagen stehen, noch viel stärker, als hier im Süden. Aber auch in Neckarwestheim haben 5000 Leute demonstriert. Diese Zahl wollen wir in Biblis noch toppen. Das hat auch mit der Erkenntnis tun, dass das unter Rot-Grün vereinbarte Ausstiegsszenario fehlerhaft angelegt war. Über Tricksereien können Laufzeiten verlängert werden. Kurz nachdem RWE jetzt Biblis angefahren hat, ist die Leistung um 50 Prozent wieder gedrosselt worden. Denn die Laufzeit hängt von der produzierten Strommenge ab. RWE will Zeit gewinnen, um mit der Bundesregierung noch längere Laufzeiten rauszuschinden. RWE verdient in Biblis pro Tag 1,5 Millionen Euro. Je schneller abgeschaltet wird, desto bessere Chancen haben die erneuerbaren Energien.
Interview: Jutta Rippegather

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