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Interview mit Bischof Tebartz-van-Elst: "Mir ist nicht bang"

Seit drei Jahren ist Franz-Peter Tebartz-van-Elst Bischof in Limburg. Im FR-Interview spricht er über seine Kritiker im Bistum, den Islam und seinen Vorgänger Franz Kamphaus.

Franz-Peter Tebartz-van Elst ist Bischof von Limburg.
Franz-Peter Tebartz-van Elst ist Bischof von Limburg.
Foto: Alex Kraus

Herr Bischof, Sie sagen, die „christliche Leitkultur“ sei in Deutschland 2011 schlichtweg eine Realität. Wie weit ist es aber damit her? Eine geplante Rede des Papstes im Bundestag etwa stößt bei Parlamentariern auf Befremden und Kritik.

Es ist eine große Ehre für unser Land und das Parlament, dass der Papst dort sprechen möchte. Benedikt XVI. ist eine ganz große Persönlichkeit unserer Zeit. Er steht in engem Kontakt mit Menschen aus der ganzen Welt und steht für eine wirklich globale Perspektive. Zudem ist er der größte Theologe der Gegenwart. Was er zu sagen hat, ist von höchstem Wert für unsere Gesellschaft, daran besteht kein Zweifel. Unsere Kultur ist zutiefst christlich geprägt. Dies wird ablesbar an unserem Grundgesetz und deutlich an unserem Gerechtigkeitsempfinden, der Fürsorge und Unterstützung für Arme, der Pflege von Kranken, dem Schutz von Ehe und Familie und auch prägenden Elementen unseres Rechtssystems – wie zum Beispiel den Menschenrechten. Allerdings sind diese Dinge für uns so selbstverständlich, dass sie oft kaum mehr als spezifisch christlich wahrgenommen werden. Deshalb habe ich dieses Verständnis einer christlichen Leitkultur in Deutschland und Europa in Erinnerung gerufen.

Personalien und Kritik-Punkte

Franz-Peter Tebartz-van Elst kam aus Münster nach Limburg. Dort wurde er am 20. Januar 2008 im Dom in sein Amt eingeführt. Geboren wurde Tebartz-van Elst am 20. November 1959 als zweites von fünf Kindern einer Bauernfamilie in Kevelaer-Twisteden. Die Priesterweihe empfing er am 26. Mai 1985. 1988 ging er für ein Jahr zum Studium an die University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana. Tebartz-van Elst promovierte zum Doktor der Theologie mit einer Arbeit über die Erwachsenen-Taufe.

An der Universität Passau ist Tebartz-van Elst seit 2002 Professor für Pastoraltheologie und Liturgiewissenschaft. Habilitiert hatte er mit einem Werk über die Gemeinde in mobiler Gesellschaft. Am 18. Januar 2004 erfolgte die Bischofsweihe im Dom zu Münster.

Im Bistum Limburg leben 2,4 Millionen Menschen, davon sind knapp 680 000 Katholiken (28 Prozent). Im Süden liegt das Rhein-Main-Gebiet mit Frankfurt, dazu gehören der Rheingau, die ländlichen Gebiete in Westerwald und Taunus sowie Wetzlar, Herborn und Dillenburg.

In elf Bezirke ist das Bistum gegliedert. Im Zuge der Erneuerung und des Sparens wird die Seelsorge pfarrübergreifend in pastoralen Räumen organisiert. Die Zahl der Kirchengemeinden wurde von 368 auf 341 im Jahr 2007 verringert. Der Gebäudebestand soll um ein Viertel verkleinert werden.

Kritik am Bischof:

Als Brandbrief bekannt wurde ein Schreiben des Runkeler Pfarrers Albert Dexelmann, der dem Bischof „klerikalen Dünkel“ und „selbstverliebte Rituale“ vorwirft. Das Schreiben kursierte längere Zeit im Bistum, bis es im November vergangenen Jahres Aufmerksamkeit erregte. Es beginnt mit dem Satz „Das ist ein Aufschrei von Seelsorgern im Bistum Limburg.“ Von einem „spirituellen Desaster“ ist dort die Rede und „klerikalen Szenen“, die Betrachter verstörten. Mitgetragen wird der Text nach Angaben Dexelmanns von zehn Priestern.

Der Bau eines neuen Bischofssitzes in unmittelbarer Nachbarschaft zum Limburger Dom ist im Bistum stark umstritten. Das Bistum nennt Baukosten von 5,5 Millionen Euro, die Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ spricht von zehn Millionen. Ein historisches, sanierungsbedürftiges Gebäudeensemble soll zu einem Wohn-, Konferenz- und Bürokomplex umgewandelt werden. Kritik entzündet sich vor allem an der architektonisch alles überragenden Privatkapelle des Bischofs. Deren Baukosten veranschlagt das Bistum mit 300 000 Euro, die Bischofswohnung soll 200 000 Euro kosten.

Eigenmächtigkeit, Prunksucht und Verschwendung sind Attribute, die Kritiker dem Bischof zuschreiben. Fest macht sich das unter anderem daran, dass Tebartz-van Elst einen BMW als Dienstwagen fährt. Sein Vorgänger Franz Kamphaus war im VW Golf unterwegs und saß selbst am Steuer. pgh


Die Menschenrechte hat das katholische Lehramt aber erst vor gut 40 Jahren anerkannt.
Die Quelle für alles ist das Evangelium. Mancher zutiefst christliche Impuls braucht besondere Herausforderungen, um zum Durchbruch zu kommen. Christen sind keine perfekten Menschen. Aber sie haben die Verheißung, dass Gott ihnen zur Erkenntnis seines Willens verhilft.

Was ist das „spezifisch Christliche“ in unserer „Leitkultur“?
Für Christen zeigt sich im Mitmenschen das Ebenbild Gottes. Deswegen ist unsere Gesellschaft auf ein solidarisches Miteinander, auf geteilte Lasten angelegt. Von der Solidarität verspricht sie sich Frieden und Stabilität, weil Solidarität und Miteinander nach christlicher Überzeugung dem Wesen des Menschen gemäß sind. Die katholische Soziallehre formuliert diesen Grundgedanken aus. Dazu gehört auch die Beteiligung aller an den Gütern einer Gesellschaft gemäß ihrer Bemühungen und aktiven Teilhabe und gleichzeitig die Unterstützung all derer, die weniger leisten können. Dazu gehört in unserer Gesellschaft die Verantwortung für die Schwachen und gleiche Rechte für Mann und Frau.

Wiederum Errungenschaften, gegen die sich die Kirche lang gewehrt hat.
Es ist immer schwierig, die Maßstäbe von heute an frühere Epochen anzulegen. Wir müssen sehen, welche Fortschritte es im Sinne des Evangeliums zu jeder Zeit gegeben hat, ohne dabei die Verirrungen aus dem Auge zu verlieren. Uns ist aufgegeben, aus Fehlern zu lernen. Die aber erkennt man in der Rückschau immer besser. Darum dürfen wir – recht verstanden – durchaus stolz und dankbar sein für den Beitrag des Christentums zu unserer Kultur.

Hessen steht davor, islamischen Religionsunterricht an den Schulen einzuführen. Ein Indiz, dass der Islam in Deutschland angekommen ist. Wie kann der Islam die Gesellschaft bereichern?
Die Muslime sind eine Wirklichkeit in unserem Land. Der islamische Religionsunterricht ist deshalb ein Beitrag zu einem anspruchsvollen und auf Kenntnis gestützten Dialog der Religionen.

Wir hatten nach einer Bereicherung gefragt.
Der Islam war für die Entwicklung unserer Gesellschaft nicht konstitutiv, er hat sie in ihrem Werden und in ihren Grundlagen nicht geprägt. Aber die Muslime bringen ihre Glaubenstradition mit und tragen so dazu bei, dass der Dialog der Religionen nicht nur Theorie bleibt, sondern Realität wird. Unsere Gesellschaft ist für diesen Dialog von ihren Grundlagen her gut gerüstet und muss sich in ihm bewähren.

Miteinander reden lohnt sich vor allem, wenn man sich etwas zu sagen hat. Was hätte der Islam uns zu sagen?
Der Wert des Dialogs besteht darin, aufeinander zu hören, einander verstehen, sich der eigenen Identität zu vergewissern und sich gegenseitig wertschätzen zu lernen.

Könnte der Islam einmal etwas Konstitutives in Deutschland werden?
Mir liegt an der Wertschätzung und aufmerksamen Wahrnehmung anderer Traditionen, ohne die eigene Prägung durch das Christentum zu relativieren. Wir dürfen unsere Identität nicht zugunsten der Vermischung von allem zu einer Art allgemeinen Zivilreligion aufgeben. In unserer Gesellschaft greift – mit einem Wort von Papst Benedikt XVI. gesprochen – der Relativismus um sich. Es ist aber ein Trugschluss zu glauben, dass dieses Verblassen der Identitäten zur besseren Verständigung beiträgt. Im Gegenteil, dies führt nur dazu, dass alles als gleich-gültig angesehen wird und damit letzten Endes zur Gleichgültigkeit wird.

Letzter Versuch: Was können Sie am Islam wertschätzen – für unsere Kultur?
Eine Spiritualität der Innerlichkeit, wie wir sie im Christentum haben und pflegen wollen. Und die Bedeutung der Fest- und Feierzeiten. Wenn Nichtgetaufte beispielsweisel dem Sonntag eine ganz andere Bedeutung beimessen als Christen erfahren sie den Wechsel von Arbeit und Ruhe doch als einen verbindenden und verbindlichen Lebensrhythmus, der unserer ganzen Gesellschaft gut tut.. Insofern leistet die Feiertagskultur gläubiger Menschen einen wichtigen Beitrag zur Wertebildung insgesamt. Davon profitieren alle.


Sollte der Staat den Muslimen einen eigenen Feiertag zugestehen, um das zu betonen?
Die Muslime pflegen längst ihre Festtage und Feierzeiten. Zu den bedeutenden Festen tauschen Christen, Juden und Muslime regelmäßig Grußadressen aus. Aber in der öffentlichen Feierkultur spiegelt sich die Prägung einer Gesellschaft wider. Und unsere Gesellschaft ist christlich geprägt.

Die katholische Kirche könnte einen „ihrer“ konfessionellen Feiertage – Fronleichnam, Allerheiligen – generöserweise zur Verfügung stellen.
Sie werden sich vorstellen können, dass ich als katholischer Bischof den Fronleichnamstag nicht aufgeben möchte, so sehr ich den Muslimen zugestehe, dass sie ihre Feste begehen wollen.

Das derzeitige Verhältnis von Christentum und Islam in Deutschland lässt sich als gegenläufige Bewegung beschreiben: das Christentum defensiv, im Abstieg – der Islam offensiv, im Aufstieg. Was sagen Sie Menschen, denen eine solche Sicht Angst macht?
Mir ist vor der Zukunft unseres christlichen Glaubens überhaupt nicht bang. Ich erlebe viele Aufbrüche, gerade unter Jugendlichen, denen ich bei Schulbesuchen oft begegne. Junge Menschen sind heute erfrischend unideologisch. Sie kommen ganz existenziell auf die Frage nach Gott zu sprechen. Und sie schauen, ob jemand seinen Standpunkt authentisch und klar vertritt. Der Versuch, irgendwie alles und jedes abdecken zu wollen, ist für sie nicht attraktiv. Sie schätzen „Position in Kommunikation“, so will ich das einmal formulieren.



Ihnen werfen Kritiker eine Strategie der „Position ohne Kommunikation“ vor. Wie kommt es zu diesem Unterschied in der Selbst- und Fremdwahrnehmung?
90 Prozent oder noch mehr von dem, was mir die Räte und Gremien des Bistums empfohlen haben, habe ich mir zu Eigen gemacht. Nur an einigen wenigen Punkten habe ich aus meiner Verantwortung bewusst anders entschieden. Das gehört auch zum Amt des Bischofs, dass er, um ein altes biblisches Bild aufzugreifen, als Hirte der Herde vorangeht.

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Autor:  Peter Hanack und Joachim Frank
Datum:  21 | 1 | 2011
Seiten:  1 2
Kommentare:  26
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Seit vielen, vielen Jahren ist "kit" Eishockey-Berichterstatter. Im Blog berichtet er über die Löwen Frankfurt - "in your face".