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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

21. März 2009

Interview mit Claus Leggewie: Kein interreligiöses Eiapopeia

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie. Foto: dpa

Der Politikwissenschaftler Leggewie plädiert im Gespräch mit der FR dafür, Konflikte um Moscheen-Bauten offen auszutragen.

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Zur Person

Claus Leggewie lehrt als Politikwissenschaftler in Gießen und leitet das Kulturwissenschaftliche Institut in Essen. Bereits vor zwei Jahrezehnten veröffentlichte er seine Studie über den Islam im Westen. Seither macht er sich immer wieder Gedanken zur Entwicklung der multikulturellen Gesellschaft. Den Streit um den Bau von Moscheen schätzt Leggewie positiv ein, weil sich die Kontrahenten gegenseitig deutlich machen könnten, was sie voneinander erwarten.

Herr Leggewie, Sie kommen in dem Buch, das sie gemeinsam mit der Frankfurter Religionswissenschaftlerin Bärbel Beinhauer-Köhler verfasst haben, zu dem Ergebnis: Der Moscheebau verändert die Bundesrepublik, mehr aber noch die Muslime. Was bedeutet der erste Teil dieser Bilanz?

Durch den Bau von Moscheen ist die Präsenz von Menschen islamischen Glaubens in der Öffentlichkeit unübersehbar und das jahrzehntealte Faktum der Einwanderung in Deutschland im wahrsten Sinne beglaubigt worden. Es gibt sie seit den 1960er Jahren, aber manche glauben das erst, wenn sie es sehen. Wenn sich der Islam, besser gesagt, die Islame im öffentlichen Raum behaupten, verändert das eine Republik, die sich bei ihrer Gründung vor 60 Jahren noch als Bastion des christlichen Abendlandes verstanden hat und sich seither mehr oder weniger entchristlicht hat. Eine solche Rückkehr des Religiösen verändert das deutsche Wir-Gefühl, und deswegen provoziert sie auch heftige Reaktionen.

Zugleich verändern sich vor allem die Muslime.

Wer baut, bleibt, und das bedeutet: Die Muslime passen sich an die Lebensverhältnisse wie an die Rechtsverhältnisse eines westlichen säkularen Landes an. Das geschieht bei den meisten durch tägliche Sozialisationsroutinen, bei anderen mit bleibenden Vorbehalten gegen die "westliche Lebensweise", bei einer zahlenmäßig kleinen Gruppe auch mit Widerstand und Auflehnung. Aber so unübersichtlich verläuft nun einmal Assimilation, und der Preis der Anerkennung ist, dass auch religiöse Überzeugungen verhandelbar und veränderbar sind.

Stärkt das nicht die fundamentalistischen Bestrebungen?

Sicher. Aber der fundamentalistische Widerstand zeigt auch, dass sich der säkulare Islam im Westen entwickelt. Wer wie Necla Kelek und Ralph Giordano behauptet, "der" Islam seit nicht integrierbar, treibt die Muslime geradezu in die Arme der Fundis und schreibt für liberale Muslime das Todesurteil.

In diesem Zusammenhang sprechen Sie von einem neuen Selbstbewusstsein, das bei Muslimen entstanden sei. Ist das eine Erscheinung, die in der Generationenfolge zu erwarten gewesen ist oder gibt es dafür auch politische Hintergründe?

Anders als viele Nicht-Muslime in der islamischen Welt einschließlich der Türkei erfahren Muslime hier, dass Religionsfreiheit nicht nur im Grundgesetz garantiert ist, sondern auch praktiziert werden kann. Man muss sich also nicht länger im Hinterhof verstecken, wie es die erste Generation der Einwanderer getan hat. Wer repräsentative Moscheen baut, nimmt Abschied von der verborgenen Migration der 60er und 70er Jahre und etabliert eine öffentlich gelebte religiöse Subkultur.

Es gibt einen Aha-Effekt, der sich gegenwärtig bei den politischen Parteien einstellt. Der Vorsitzende der Frankfurter Sozialdemokraten beklagt, man sehe sich mit dem Problem konfrontiert, nur wenig Resonanz bei Migranten finden zu können. Läuft an den Parteien etwas vorbei?

Das geht aber allen Parteien so. Vor 30 Jahren wunderte man sich über Frauen in Ingenieurschulen und auf Führungsetagen, genauso überrascht ist man jetzt darüber, dass sich Menschen, die die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen oder wenigstens das Kommunale Wahlrecht haben, sich in ihrem Land politisch betätigen. Parteipolitik und das Mediensystem hinken der Wirklichkeit hinterher. "Multikulti" war 1989, und wir tun so, als seien wir immer noch in der "Kennenlern-Phase".

Zu den Stärken des Buches gehört es, die Arbeitsteilung im Umgang mit Migranten deutlich zu machen: Die christlichen Religionsgemeinschaften fühlen sich als Fürsprecher des Muslime, um deren Interessen durchzusetzen. Vielleicht ist das aber gar nicht mehr nötig? Brauchen die Muslime wirklich noch Fürsprecher?

Wenn wir Überfremdungs-Panik empfinden, neigen wir zu Paternalismus. Wir sollten mit Muslimen endlich normal reden, wozu auch gehört, deutlich auszusprechen, was einem im Einzelfall nicht gefällt.

Zum Beispiel?

Dazu zählt, dass auch bei garantierter Religions- und Versammlungsfreiheit nicht jeder überall alles bauen darf, sondern sich architektonisch und urbanistisch an die Umgebung anpasst, dazu gehört Kritik an der in Moscheen festgeschriebenen Geschlechterteilung, an der Schwierigkeit, eine Gemeinde ohne Nachteile zu verlassen, an der Diskriminierung sexueller Minderheiten.

Die Moscheestreitigkeiten in Frankfurt am Main und in Köln haben doch deutlich gemacht, dass die Auseinandersetzungen in großen, sich ihrer Aufgeklärtheit rühmenden Städten am heftigsten geführt worden sind. Gibt es also noch genug Ressentiments?

Im Unterschied zu vielen anderen halte ich Moschee-Konflikte für etwas Gutes, denn so tritt die soziale Wirklichkeit eines Viertels und einer urbanen Konstellation klar zu Tage, beide Seiten können sich um bestimmte Realitäten nicht mehr herumdrücken. Der friedlich ausgetragene Konflikt ist das bessere Integrationsmittel als interreligiöses Eiapopeia, man soll ihm nicht aus dem Weg gehen.

Sie schreiben über religiöse Beheimatung und gesellschaftliche Herausforderung. Kann sich Teilhabe erst auf der Grundlage religiöser Beheimatung entwickeln?

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