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Interview mit der Frankfurter Integrationsdezernentin: Anspruch auf Unterstützung

Die Frankfurter Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg, die vor 25 Jahren auf dem Iran flüchtete, hat zum Protest auf dem Römerberg aufgerufen.

Nargess Eskandari-Grünberg ist Stadträtin und Dezernentin für Integration.
Nargess Eskandari-Grünberg ist Stadträtin und Dezernentin für Integration.
Foto: Boeckheler

Frau Nargess Eskandari-Grünberg, Frankfurt erlebt in diesem Augenblick eine wirkungsmächtige Demonstration in Solidarität mit den Protestierenden im Iran. Was versprechen Sie sich persönlich davon?

Die Resonanz war in der Tat enorm: In kürzester Zeit haben sich rund 60 Gruppen und Unterzeichner dem Aufruf angeschlossen. Dies zeigt: Ganz Frankfurt tritt, über alle Parteigrenzen hinweg, für die sich nach Demokratie sehnenden Iraner ein. Uns erreichen ja Nachrichten schwer wiegender Menschenrechtsverletzungen: Der Vorwurf der gezielten Wahlfälschung ist nicht entkräftet, er ist nur unterdrückt. Die freie Berichterstattung ist unterdrückt, Diplomaten wird mit ihrer Ausweisung gedroht, Politiker, Demonstranten werden inhaftiert, niedergeknüppelt und sogar erschossen. Die friedlichen Demonstranten im Iran haben einen Anspruch auf unsere moralische Unterstützung und darauf, dass wir ein Zeichen setzen.

Zur Person

Nargess Eskandari-Grünberg flüchtete als Verfolgte des islamischen Regimes aus dem Iran. Sie lebt seit 1985 in Frankfurt, studierte Psychologie und promovierte.

Für die Grünen sitzt sie seit 2001 im Stadtparlament. Am 24. April 2008 wurde die langjährige Vorsitzende des Integrationsausschusses zur Nachfolgerin des verstorbenen Jean Claude Diallo als Dezernentin für Integration gewählt.

Politisch verfolgt wegen ihrer Opposition gegen das Mullah-Regime im Iran, setzt sie sich i für das Grundrecht auf freie Religionsausübung und einen kritischen Dialog mit Muslimen ein.

Die versammelte Frankfurter Öffentlichkeit steht mit dem Stadtverordnetenvorsteher auf dem Römerberg inmitten der Stadt. Ist das etwas Besonderes?

Das ist natürlich etwas Besonderes! Vergessen wir auch nicht: Dies ist die Stadt der Paulskirche, der ersten deutschen Grundrechtserklärung. Diese Tradition war mir immer wichtig. Diese Stadt macht damit deutlich, dass wir es auch dann nicht hinnehmen, wenn irgendwo anders auf dieser Welt grundlegende Menschenrechte verletzt werden. Unsere Bevölkerung ist weltoffen und tolerant ganz im Sinne jener demokratischen Grundrechte. Aber wir sind nicht tolerant denen gegenüber, die diese Werte verachten. Die Nachrichten, die uns in den vergangenen Tagen aus dem Iran erreichen, sind erschreckend, die Bilder von der jungen Frau, die auf den Straßen Teherans erschossen worden ist, sie graben sich tief in unser kollektives Gedächtnis ein.

Was halten Sie denen entgegen, die Ihnen vorhalten, Sie mischten sich mit der Demonstration in innere Angelegenheiten des Irans ein?

Die Mahnungen werden ja weltweit lauter. Wir ergreifen auch nicht Partei für eine Partei. Jede Bevölkerung hat das souveräne Recht, sich selbst eine Verfassung zu geben und eine Regierung zu wählen, und wir alle haben die frei gewählte Regierung eines Landes anzuerkennen. Aber wir verlangen von jeder Regierung, Grundrechte und internationales Recht zu achten und nicht zuletzt das Existenzrecht seiner Nachbarn anzuerkennen. Wo dies in Frage steht, sind wir verpflichtet, Nein zu sagen. Viele Menschen aus dem Iran habe mich in den vergangenen Wochen angemailt und gebeten: Bitte, lasst uns nicht allein. Die Welt darf nicht zusehen, wenn friedliche Demonstranten auf offener Straße angegriffen werden. Und vergessen wir nicht: Die Lage ist auch außenpolitisch nicht ungefährlich.

Welche Gefühle verbinden Sie heute mit dem Iran, in dem Sie lange gelebt haben?

Der Iran bleibt das Land meiner Kindheit, das Land, in dem meine Eltern gelebt haben. Ich bin ein Kind der Revolution: Ich bin für die Freiheit auf die Straße gegangen. Ich bin aber auch ein Kind von Unterdrückung: Ich wurde als gerade 18-Jährige inhaftiert. Ich bin aus einem Land geflohen, in dem Frauen sich nicht frei kleiden dürfen, in dem selbst vor Gericht eine Frau nur halb so viel zählt wie ein Mann. Als ich das Land meiner Eltern verlassen habe, da wusste ich nicht wohin und kam hierher so wie viele Menschen in diese Stadt. Meine neue Heimat ist Frankfurt am Main, ist Deutschland. Es ist das Land, in dem wir alle uns politisch engagieren und darum bemühen können, dieses Land auch zu verändern. Dieses Recht wünschen wir auch den Menschen im Iran. Drei Millionen Iraner leben heute im Ausland, das sind oft sehr gebildete, weltgewandte Menschen. Sie beobachten sehr genau, dass in ihrem Land mutige Menschen auf die Straße gehen, um für die Freiheit einzutreten. Es ist immer bewegend, dies mitzuerleben. Es erinnert uns aber auch daran, wie wenig selbstverständlich dies immer noch ist, in vielen Teilen der Welt.

Interview: Matthias Arning

Datum:  29 | 6 | 2009
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