FR: Herr Junker, sind Sie überrascht, wie heftig die Bürger des Mainfelds auf die Umbaupläne für ihr Quartier reagieren? Junker: Ich kann verstehen, dass jemand Ängste hat, wenn er vernimmt, dass man seine Wohnung abreißen will. Vor allem aber können die Bürger aus guten Gründen nicht verstehen, warum die Belegung der Wohnungen im Mainfeld so läuft wie sie läuft. Deswegen muss man dort jetzt etwas tiefer eingreifen, um die Problemlage zu entzerren.
FR: Entzerren lässt sich das Problem aber doch nur, wenn im Mainfeld neben den Sozialwohnungen auch Neues entsteht? Junker: Davon gehen wir eigentlich aus. Man kann die Gebäude aber auch nur sanieren. Die Wohnungen aber sind in der öffentlichen Bindung bis 2078, das heißt: An der Belegung würde sich in den nächsten 70 Jahren nichts Wesentliches ändern. Deswegen haben wir überlegt, wie wir 850 Sozialwohnungen auf einem Flecken entzerren können. Dafür bräuchten wir auch Neubauten, um das gesamte Wohngebiet am Mainufer breiter zu streuen.
Frank Junker ist Rechtsanwalt und Geschäftsführer der ABG Frankfurt Holding, einer Wohnungsbau- und Beteiligungsgesellschaft.
Zentrum des Passivhausbaus ist Frankfurt am Main republikweit mit Hilfe der ABG geworden: Sämtliche Neubauprojekte geht die Gesellschaft in dieser Bauweise an. Gegenwärtig entsteht ein großer Passivhaus-Komplex entlang der Hansaallee.
Die Siedlungen der 70er Jahre, die bundesweit etwa ein Drittel des Wohnungsbestandes ausmachen, will die ABG jetzt angehen: Ihre Sanierung soll dazu beitragen, die Lebensqualität zu steigern, dem Vandalismus in problematischen Quartieren Einhalt zu gebieten und gleichzeitig die Energiekosten zu senken.
Im Namen des Klimaschutzes wirbt Junker gegenwärtig für einen energieeffizienten Umbau der Siedlungen im Mainfeld. Fortgeschritten sind bereits die Vorbereitungen auf den Umbau der Heinrich-Lübke-Siedlung in Praunheim.
FR: Wieso kommt man erst drei Jahrzehnte nach der Entstehung der Gebäude auf die Idee, dass dort kein zeitgemäßes Wohnen mehr möglich ist? Junker: Da muss man auf die Historie zurückgehen. Diese Wohnungen sind errichtet worden in Zeiten großer Wohnungsnot. Die hat man in kurzer Zeit aus dem Boden gestampft. Damals richtete sich die Förderung des sozialen Wohnungsbaus an die Familie des klassischen Facharbeiters, des Polizisten, der Krankenschwester. Das große Problem ist, dass die Einkommensgrenzen aus dieser Zeit nicht angepasst worden sind.
FR: Um es anders zu sagen: Im Mainfeld gibt es eher bürgerlich geprägte Bewohner und gleichzeitig gibt es auch weniger bürgerlich geprägte Bewohner. Allein Erstere kommen zu den Bürgerversammlungen. Wie aber wollen Sie die Anderen erreichen? Junker: Die versuchen wir zu erreichen, indem wir in nächster Zeit eine Mieterversammlung einberufen. Damit hoffen wir über den Ortsbeirat hinaus einen noch größeren Teil der Bewohner ansprechen zu können. In einem zweiten Durchgang suchen wir dann die Personen, die wir bis dahin nicht erreicht haben, mit einer Sozialarbeiterin und einem Bauingenieur auf, um zu sehen, was haben die für ein Problem, wie können wir bei denen weiterkommen.
FR: Sie haben auf der Versammlung zwei Dinge hervorgehoben: Das Quartier mischen und niemanden vertreiben zu wollen. Ist das eine gültige Zusammenfassung Ihrer Prioritäten? Junker: Das sind die gültigen Prämissen. Wir wollen keine Themenhäuser, sondern in den Wohnquartieren soll sich ein Querschnitt durch die Frankfurter Gesellschaft abbilden.
FR: Also ist die Schuldzuschreibung falsch, Ausländer bildeten Ghettos. Man hat die Bildung dessen, was Sie Themenhäuser nennen, bewusst in Kauf genommen. Junker: Ob man das in den 70er Jahren so schon gesehen hat, weiß ich nicht. Aber man hat im Laufe der Jahre eben nicht gegengesteuert. Nach der Bürgerversammlung in der Lübke-Siedlung habe ich den Eindruck, dass die Migranten wesentlich integrationswilliger sind als alteingesessene Deutsche.
FR: Wie gehen Sie mit Alten um? Junker: Wohnanlagen am Rande der Stadt, das machen wir nicht mehr.
FR: Im Grunde ist Ihr Unternehmen ein Reparaturbetrieb. Sie müssen für frühere Versäumnisse geradestehen. Warum hat man nicht mit mehr Bedacht gebaut? Junker: Frankfurt ist in der glücklichen Lage, überhaupt noch ein Unternehmen wie die ABG zu haben. Dann kann man wenigstens Reparaturen angehen. Das kann man in anderen Kommunen, die ihre Wohnungsbauunternehmen verkauft haben, nicht mehr machen. Dort finden sich nicht zu stoppende Erosionserscheinungen.
FR: Für die Sanierung der Siedlungen gibt es durchaus rationale Gründe: Die Häuser müssen auf das aktuelle energietechnische Niveau gebracht, die Nebenkosten gesenkt werden. Junker: Nehmen Sie das Mainfeld 5. Dort ist die Kaltmiete pro Quadratmeter bei 4,31 Euro angesetzt. Die Nebenkosten liegen bei 2,71 Euro. Das sieht man doch, dass da irgendwas nicht stimmen kann. Es geht bei allen unseren Projekten darum, Siedlungen nachhaltig zu sanieren.
FR: Aber die Lübke-Siedlung ist bereits in einer anderen Phase als das Mainfeld? Junker: In einer völlig anderen Phase. Da geht es jetzt bereits um die Ausschreibung des städtebaulichen Wettbewerbs. Da wollen wir im Herbst erste Ergebnisse präsentieren. Das ist ein sportlicher Zeitrahmen. Mit dieser Siedlung wollen wir modellhaft zeigen, dass diese Siedlungen umgebaut werden können.
FR: Geraten die 70er Jahre rundum auf den Prüfstand? Junker: Das sehe ich so und das ist dringend nötig. Die Frage ist, wie sich diese Gebäude für die nächsten vier Jahrzehnte umbauen lassen.
Interview: Matthias Arning

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