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Interview mit Johnny Klinke: Speer provoziert die Kreativität Frankfurts

Tigerpalast-Chef und Klabautermann Johnny Klinke über die Umsetzung von Albert Speers urbanen Visionen. Im Gespräch mit Matthias Arning

Der Chef des Tigerpalastes.
Der Chef des Tigerpalastes.
Foto: FR/Arnold

FR: Herr Klinke, Kritiker halten Albert Speer vor, mit seiner Studie "Frankfurt für alle" allein eine Marketingstrategie zu verfolgen. Greift das nicht zu kurz?

Klinke: Diese Studie ist anders als alles, was man in den vergangenen zehn Jahren in Frankfurt probiert hat. Sie hat Substanz und unterscheidet sich eben von allen Marketingansätzen, weil sie die Entwicklung der Stadt und eine Beteiligung der Bürger im Blick hat. Speer fasst zusammen, was in dieser Stadt möglich ist. Eine Revolution war nicht zu erwarten.

Zur Person

Johnny Klinke ist Theaterdirektor und Gründer des Varietés Tigerpalast.

Der 58-Jährige gehört zu den Bürgern dieser Stadt, die sich immer wieder Gedanken um die Fortexistenz dieses Gemeinwesens machen. Für das Bestehen der Kommune in internationaler Konkurrenz empfiehlt Klinke Top-Ereignisse auf einer großen Bühne direkt am Main. Die Ideen des Stadtplaners Albert Speer versteht Klinke als Leitfaden.

Und doch fasziniert Sie Speers Arbeit?

Was mich daran fasziniert ist: Speer hat 130 Köpfe dieser Stadt befragt, die alle ein eigenes Netzwerk haben. Diese Köpfe gilt es jetzt wie Perlen an einer Schnur aufzureihen. Es ist gut, einen neuen Ansatz zu haben. Jetzt dürfte es in den kommenden Monaten darum gehen, diesen Ansatz lebendig werden zu lassen.

Doch es gibt auch andere Ansätze, um die Potenziale der Stadt wie der Region freizusetzen.

Die aber greifen einfach zu kurz. Die Themenwelt, die uns die Wirtschaftsinitiative anbietet, ist interessant, hat aber bisher nicht diesen substanziellen Tiefgang. Speers Ansatz muss jetzt unmittelbar lebendig werden.

Wie soll das gelingen?

In dem es nicht in der Bürokratie versauert. Eine Stabsstelle im Römer ist einfach der falsche Platz. Diese Studie gehört mitten in unsere Stadt.

Die Stabsstelle war ein Vorschlag von Speer, um seine Leitlinien für Frankfurt 2030 umzusetzen und diesen Prozess vom Römer aus steuern zu lassen.

Das was eine listige Provokation von Speer, der wollte mal gucken, wie die Leute im Römer reagieren.

Prompt hat die Oberbürgermeisterin abgelehnt und gesagt, das komme nicht in Frage.

Das sehe ich im Übrigen auch so. Das gehört nunmal mitten in die Gesellschaft hinein. Die Leute, die diese Studie als Signal zum Aufbruch verstehen, die müssen sich jetzt einen Aktionsplan überlegen, um die verschiedensten Energieträger dieser Stadt in Gang zu setzen und Begeisterung dafür zu schaffen. Das klingt kompliziert, aber die Stadt ist viel lebendiger und interessanter als uns alle Marketingspezialisten einreden wollen. Ist der Inhalt faszinierend, lebt er von allein. Frankfurter reagieren schneller als gedacht.

Wo sollen die von Ihnen gepriesenen Köpfe denn anfangen?

Die Kultur ist in der Studie ein bisschen kurz gekommen. Kultur muss immer dann herhalten, wenn die Immobilienfritzen nicht weiter wissen. Im Grunde genommen sind die Künstler in dieser Stadt aber keine Fassadenkletterer bei der Eröffnung neuer Einkaufszentren. Jetzt geht es um exemplarisches Handeln auf höchstem qualitativem Niveau.

Etwa in der Heinrich-Lübke-Siedlung in Praunheim, in der die Stadt und Speer ein Modell zur Sanierung von Siedlungen der 70er Jahre schaffen wollen. Also könnte es doch weitergehen nach der Formel: Die Stadt braucht konkrete Projekte der Entwicklung und entsprechendes Marketing.

Marketing ist nur eine Methode, Marketing kann nie den Inhalt ersetzen.

Wie weit sind denn Ihre Ideen gediehen, das Ufer des Mains, ganz so, wie es sich auch Speer vorstellt, zu beleben?

Erstaunlich weit. Die Fußball-WM hat bewiesen: Der Main ist das natürliche Zentrum der Stadt. Frankfurt hat im Alltag eine unglaubliche kulturelle Dichte, wir haben alles. Was uns fehlt, sind allein internationale Top-Ereignisse. Die Hochhaus-Fassaden sind das natürliche Bühnenbild dieser Stadt: Vor dieser Kulisse wollen wir die Bühne, die MainArena, für eine Woche im Jahr und 6000 Besucher pro Aufführung bauen. Der regionale Kulturfonds Rhein-Main könnte in den nächsten Jahren dazu einiges beitragen.

Wann soll das anfangen?

Wir haben überlegt, so etwas zum Turnfest zu machen, das aber ist jetzt aus vielen Gründen noch nicht der Rahmen. Zur Eröffnung der Frauenfußball-WM 2011 könnte das aber gelingen - mit der Oper Frankfurt, dem Mousonturm und dem Tigerpalast. Drei Highlights der europäischen Kultur. So stelle ich mir das vor. Das wird ein Akzent sein, der europaweit Aufsehen erregt. Damit kann man dann werben. Dann funktioniert Marketing, wenn man einen überragenden Inhalt hat. Das gehört zu den Akzenten der Speer-Studie: Wir müssen ein paar überraschende, neue Dinge in dieser Stadt inszenieren, an denen sich alles kristallisiert.

Also strafen Sie die Skeptiker, die Speers Denkschrift für nichts Neues halten, am Ende Lügen?

An Papieren hat es in den vergangenen zehn Jahren nicht gemangelt. Was wir jetzt brauchen, ist eine Aktionsstrategie, mit der sich einzelne Teile der Studie lebendig machen lassen.

Speer sucht nicht den großen Wurf, den Masterplan, sondern er versucht Wegweisungen für die nächsten Jahre, in denen sich dann einzelne Projekte realisieren lassen. Oder ist es mehr?

Er provoziert die Köpfe in dieser Stadt, selbst tätig zu werden. Das Problem ist, jenseits des Römers eine Strategie zu entwickeln, die Kreativität in unserer Stadtgesellschaft mobilisiert.

Interview: Matthias Arning

Datum:  28 | 2 | 2009
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