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Interview mit Jugendpsychiater Paul: "Die meisten haben Probleme mit Alkohol"

Facharzt Günter Paul über den Drogenentzug bei Jugendlichen, Hintergründe der Sucht und ihre Behandlung.

Behandelt junge Süchtige: Jugendpsychiater Günter Paul.
Behandelt junge Süchtige: Jugendpsychiater Günter Paul.
Foto: Privat

Im ersten Jahr hat Ihre Drogenentzugsstation für Jugendliche 147 Patienten behandelt. Mag man da eigentlich von Erfolg sprechen?

Es ist eine Bestätigung dafür, dass wir ein spezielles Behandlungsangebot für Kinder und Jugendliche mit Suchtproblemen brauchen. Inwieweit es ein Erfolg im Kampf gegen die Suchtproblematik von Kindern und Jugendlichen ist, wird man längerfristig sehen müssen.

Zur Person

Günter Paul (61) ist Ärztlicher Direktor der Vitos-Klinik Bad Wilhelmshöhe, zu der die Drogenentzugsstation mit angeschlossener Ambulanz gehört. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.

Die Drogenentzugsstation für Kinder- und Jugendliche mit zehn Betten wurde vor einem Jahr eröffnet. Sie ist in Wabern (Schwalm-Eder-Kreis) angesiedelt und eingebettet in ein größeres pädagogisch-medizinischen Zentrum des Vitos-Konzerns des Landeswohlfahrtsverbands.

Behandelt werden Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren, die Suchtmittel konsumieren, deren Leben sich zunehmend um ihre Sucht dreht, die an psychischen Erkrankungen und körperlichen Folgeschäden leiden.

Im ersten Jahr wurden 147 Jugendliche (108 Jungen und 39 Mädchen) behandelt. Im Durchschnitt waren sie knapp 16 Jahre alt. 76 Prozent der Patienten kamen aus Nordhessen, die übrigen aus anderen Teilen Hessens, einzelne aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

90 Prozent der Patienten haben nach Angaben der Klinik Probleme mit Alkoholkonsum, 70 Prozent mit Cannabis, 97 Prozent mit starkem Rauchen. Die meisten der jungen Patienten leiden außerdem unter Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Ängsten und haben ein gestörtes Sozialverhalten. Etwa 35 Prozent der Jugendlichen seien bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Welche Patienten hatten Sie erwartet und welche sind gekommen?

Es sind die gekommen, die wir erwartet hatten: Die allermeisten der Jugendlichen hatten Probleme mit Alkohol- und Cannabiskonsum und in geringerem Maße mit Amphetaminen - weit weniger mit so genannten harten Drogen wie Heroin. Und es hat sich gezeigt: Schon in Nordhessen ist der Bedarf für eine solche Station da.

Plant Vitos ähnliche Angebote in Südhessen?

Wir sind als kinder- und jugendpsychiatrische Klinik, zu der die Suchtstation mit Ambulanz in Wabern gehört, für Nordhessen zuständig. Einen Bedarf für ein solches jugendpsychiatrisches Angebot sehe ich aber auch in Südhessen.

Wie alt waren die jüngsten Patienten?

Wir hatten mehrere zwölfjährige Jungen und Mädchen.

Was hat Ihre jungen Patienten in die Sucht getrieben?

Die meisten kamen aus Familien, in denen es schon seit Jahren Probleme gibt: Gewalt, psychische Erkrankungen von Eltern, Sucht, Trennung. Ein nicht geringer Teil stammt allerdings auch aus Familien, die äußerlich intakt wirken. Dort kommt es meistens in der Pubertät zu Problemen zwischen Eltern und Kindern.

Und wo setzt die Behandlung auf Ihrer Station an?

Das geringste Problem ist der körperliche Entzug. Die Entgiftung kann zwar bei Cannabis Wochen dauern. Insgesamt haben Jugendliche aber wenig mit Entzugserscheinungen zu kämpfen. Ganz zentral in der Behandlung ist es, die Jugendlichen überhaupt dazu zu motivieren, dass sie drogenfrei leben wollen. Dazu muss man auch die Eltern ins Boot holen. Unser Konzept setzt außerdem bei psychischen und sozialen Störungen an, die fast alle neben der Suchtproblematik haben.

Wie groß ist die Chance, Eltern aus einer kaputten Familie ins Boot zu holen?

Größer als man vielleicht glaubt. In einigen Familien gibt es eigentlich gar keinen Kontakt mehr zwischen den Generationen - außer das die Kinder noch zu Hause wohnen. Neue Gespräche zu vermitteln, ist ein Anfang.

Was können Sie über die Nachhaltigkeit der Behandlungen auf Ihrer Station sagen?

Nach nur einem Jahr kann man dazu natürlich erst recht wenig sagen. Wir haben allerdings auf unseren allgemeinpsychiatrischen Stationen bereits langjährige Erfahrungen mit Entzug. Viele unserer Patienten begeben sich anschließend in längere Therapien in Suchthilfeeinrichtungen. Wir beobachten dann gute Verläufe.

Wie viel Gewicht hat dann aber die Behandlung auf Ihren Stationen, welche die in der Suchthilfeeinrichtung?

Erstere macht das zweite erst möglich. Erst wenn die Jugendlichen und ihre Familien motiviert sind, kann die weitere Therapie Erfolg haben.

Interview: Katja Schmidt

Datum:  18 | 8 | 2009
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