Frau Römhild, Frankfurt, die Mutter der multikulturellen Gesellschaft, nimmt Abschied von dieser Vorstellung des Zusammenlebens. Warum ist das gut?
Es ist gut, weil wir einen neuen Blick auf diese Stadt und diese Gesellschaft werfen können. Dann lässt sich nicht mehr davon ausgehen, dass hier verschiedene Gruppen leben, die wir nach ihren Nationalitäten einordnen können und die wir als Minderheiten gegenüber einer deutschen Mehrheitsgesellschaft betrachten. Das ist das Multikulturalismus-Modell gewesen, das am Anfang wichtig war, um die Nationalgesellschaft zu durchbrechen und klarzumachen: Es gibt andere Menschen, die ebenfalls an dieser Gesellschaft beteiligt sind. Damit allerdings hat sich das Bild von den Minderheiten verfestigt. Die neben einer Mehrheit stehen. Von diesem Bild aber können wir nicht mehr ausgehen.
Regina Römhild ist Kulturanthropologin. Sie leitete in den Jahren zwischen 2001 und 2003 am Institut für Kulturanthropologie der Goethe-Universität das Forschungsprojekt "global heimat". Aus diesem Projekt ist ein Buch über "ethnografische Recherchen im transnationalen Frankfurt" hervorgegangen. Diese Studie beeinflusste den Entwurf eines Integrations- und Diversitätskonzeptes, das Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg vorgelegt hat.
Gemeinsam mit dem Soziologen Ulrich Beck arbeitete Römhild zuletzt in München über die Frage des Kosmopolitismus in europäischen Einwanderungsgesellschaften. ing
Also sollen wir uns von den Vorstellungen eines Nebeneinanders verabschieden und nach Schnittmengen zwischen unterschiedlichen Gruppen suchen?
Wenn man in den Alltag der Stadt geht und mit den Menschen selber redet, ergibt sich ein ganz anderes Bild als dasjenige, das entsteht, wenn ich mir allein Zahlen ansehe, um festzustellen, wer denn nun woher stammt.
Geben Sie doch bitte mal ein Beispiel für Schnittmengen, die Sie im Gallus oder in Bornheim entdeckt haben?
Nehmen Sie Schulklassen oder sehen Sie sich Jugendtreffs an, die wir in unserer Forschung untersucht haben: Stets finden sich national gemischte Milieus.
Bleiben Sie mal bei den Schulen. In Bornheim oder im Dornbusch nimmt man Klassen nicht mehr als gemischte wahr.
Absolut, das gilt auch für die Arbeitswelt. Überall dort, wo es gemeinsamen Alltag gibt, denken die Menschen nicht in Fragen nach der Herkunft. Dann beurteilen sich Menschen ganz einfach danach, was sie miteinander anfangen können.
Was sagen Sie dann aber Eltern, die im Gallus oder im tiefen Eschersheim bestimmte Schulen meiden, weil ihnen der Anteil der Deutschen nicht hoch genug ist?
Das hängt auch mit Ängsten von Eltern zusammen. In der Tat ist die Zusammensetzung der Klassen überaus unterschiedlich. Internationalität haben wir bislang aber wesentlich als Problem betrachtet. Jetzt muss man sehen, welche Potenziale damit verbunden sind, im ganz normalen Alltag damit umzugehen. Kulturen, die durch Einwanderung in dieser Gesellschaft präsent sind, bleiben ja nicht so, wie sie sind. Unsere Vorstellung ist: Migranten bringen ihre Kultur und oft auch ihre Religion mit. Im Prinzip gilt heute aber auch: Hier werden Kulturen ständig neu erfunden.
Bislang ist von Jugendlichen mit Migrationshintergrund immer dann die Rede, wenn es um Sicherheitsfragen geht, Probleme durch Gewalt entstehen. Wo finden Sie denn Ihr Problemfeld?
Das Problem ist unsere Perspektive: Wir sehen nicht, dass die deutsche Gesellschaft längst von Minderheiten durchkreuzt ist. Aus der Vielfalt der Kulturen ergeben sich für Frankfurt Potenziale: Wir können auch eine kulturelle Weltstadt werden, nicht allein eine ökonomische. Im Grunde genommen gibt es hier einen kosmopolitischen Alltag - ohne dass wir das richtig wahrnehmen.
Da kann man sich Kritiker vorstellen, die Ihnen entgegen halten, Sie hingen einer utopischen Vorstellung menschlichen Zusammenlebens an. Es gibt Parallelgesellschaften.
Diese Sicht der Dinge muss ich wissenschaftlich begründet bestreiten. Wir haben uns Frankfurt genau daraufhin angeschaut.
Sie bestreiten, dass es Parallelgesellschaften gibt?
Es kommt auf die Sichtweise an. Wenn ich mir nach dem alten Modell ansehe, wo die Menschen mit ausländischem Pass leben, finde ich die entsprechenden Migrantenviertel im Bahnhofsviertel, im Gallus.
Der Main ist im Grunde die Linie der Migranten.
Es sind die alten Industrieviertel. Aber selbst in dieser Sicht wird übersehen, dass es sich um viele unterschiedliche Migranten handelt. Das ist keine national geschlossene Gesellschaft, dort leben unterschiedliche Generationen, da leben Menschen aus unterschiedliche Ländern zusammen. Wenn ich mich dagegen aber an Bürgern mit Migrationserfahrung orientiere, finde ich in der gesamten Stadt Menschen mit Mobilitätserfahrung. In der Einwanderungsgesellschaft gibt es eine Menge Menschen, die an Bildung orientiert sind und nach Aufstiegschancen suchen. Das Problem ist für diese Menschen viel eher, dass sie aufgrund ihres Namens diskriminiert werden, ihnen Hürden im Weg stehen. Deswegen wenden sich junge Türken oft von Deutschland ab.
Der Abschied vom Multikulturalismus dürfte nicht ohne Ängste gelingen.
Das wird sicherlich Irritationen erzeugen. Der Prozess läuft aber bereits, wir können das nicht aufhalten. Was wir aber machen können: Wir können uns damit befassen und möglichst viele Menschen in diese Diskussion einbinden.
Weil die Debatte die Realität einholt?
Genau. Wir müssen uns den Zusammenhang zu London oder Amsterdam erschließen, weniger den Vergleich zu nationalen Großstädten suchen. Wir müssen berücksichtigen, dass wir nicht nur Migranten aus Armut haben.
Als Albert Speer in seiner Frankfurt-Studie vorgeschlagen hat, auch für diese Menschen angemessene Wohnungen zu bauen, musste der Stadtplaner harsche Kritik einstecken. Damit hatte sich für viele Politiker die Debatte erledigt.
Wir müssen uns mit allen beschäftigen und dürfen manche nicht vernachlässigen. Die wirtschaftliche Internationalität und das entsprechende Personal genauso wie die Migranten, die nicht zu einer Elite gehören. Wir können nicht die Wirtschaftsleute schätzen und andere Einwanderer vor allem als Problem sehen.
Interview: Matthias Arning

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