Frau Rottmann, was erwarten Sie von einer doch recht ungewöhnlichen Bürgerveranstaltung zum Klimawandel in der Stadt?
Für mich bringt der Donnerstag den Auftakt zur Diskussion über den Klimawandel in der Stadt. Ich bin gespannt darauf, wen wir erreichen. Es können alle möglichen sein - Bürger, Unternehmer, Arme, Reiche, Mieter, Hauseigentümer. Es soll für alle den Einstieg in das Thema bringen. Das ist der Beginn einer weiteren partizipatorischen Kampagne in dieser Stadt.
Manuela Rottmann ist Politikerin der Grünen und Stadträtin für Umwelt und Gesundheit.
Nach einer von Experten geprägten Diskussion über den Klimawandel strebt Rottmann jetzt eine stärkere Beteiligung der Bürger an. Bislang ist es aus Sicht der Stadträtin nicht gelungen, Hausbesitzer zu ermuntern, sich mit städtischen
Zuschüssen um eine energieeffiziente Sanierung ihrer Gebäude zu bemühen. Das müsse sich ändern. ing
Ist das ein anderes Partizipationsmodell?
Wir hatten im vergangenen Jahr bereits das Projekt LEIF, Lokale Energie-Initiative Frankfurt. Dort konnten sich Bürger einbringen, das brachte aber noch nicht den ganz breiten Zuspruch. Wir auf Seiten der Stadt experimentieren noch, wie wir die Bürger am besten erreichen.
Mit Autoren wie dem Sozialpsychologen Harald Welzer, der den Klimawandel in einen politischen Kontext sortiert, verändert sich auch die Debatte. Tut der Diskussion das gut?
Das ist ambivalent. Autoren wie Welzer öffnen den Blick wieder für den globalen Zusammenhang. Und selbstredend ist der Klimawandel ein globales Thema. Gleichzeitig fragen sich die Bürger vor diesem Hintergrund, was eigentlich ihre Rolle dabei ist. Die Diskussion über die Konferenz in Kopenhagen vermittelt den Menschen den Eindruck, dass alles weit weg wäre, sich nicht beeinflussen lasse. Der Sprung, den man machen muss vom globalen Zusammenhang zum eigenen Beitrag, ist ein großer. Bislang ist die klimapolitische Debatte in Frankfurt im wesentlichen eine technische gewesen. Da ging es beispielsweise um Passivhäuser und Kraft-Wärme-Kopplung. Um individuelle Lebensstile ging es selten. Jetzt geht es also um die Frage, wie wir Menschen ansprechen können, um sie zu einem Nachdenken über ihren eigenen Lebensstil anzuregen.
Dann wäre es doch sinnvoll, den Green Building Preis der Stadt nur für Einfamilienhäuser vorzusehen, um Hausbauer anzuspornen.
Es geht um beides, die Einfamilienhäuser wie auch die Hochhäuser, die mit diesem Preis bedacht werden. Die Einfamilienhäuser energieeffizient zu bauen, das ist lange Zeit etwas für Öko-Enthusiasten gewesen. Mit Beispielen für energieeffiziente Hochhäuser können wir auch andere ansprechen. Damit lässt sich vermitteln, dass das alles kein Spinnerei ist, dass es wirtschaftlich ist, dass es sexy ist.
Und doch bleibt vor allem die Klimakarte beeindruckend: Wenn sich erkennen lässt, dass es vor allem in der Innenstadt und im Nordend demnächst wärmer wird, wissen die Bewohner, was eigentlich konkret gemeint ist.
Wir versuchen, die global wirkende Dimension des Klimawandels lokal herunterzubrechen. Das gilt für die Probleme wie für ihre Lösungen. Wir wollen die mit dem Green Building Preis ausgezeichneten Gebäude im kommenden Jahr für einen Tag öffnen, damit man sich die angucken kann. Wir bieten den Ortsbeiräten an, sich Passivhäuser anzuschauen, damit die mit den Leuten darüber reden können. Man muss es anfassbar machen, auch um den Leuten die Angst vor einer technisch ambitionierten Lösung zu nehmen. Noch sind es immer Pioniere, die sich zutrauen, so etwas zu bauen. Der normale Hausbesitzer, der sein Gebäude sanieren soll, der hat Bedenken. Wir müssen vor Ort beschreiben, wie ein CO2-freies Frankfurt aussehen könnte. Dann lässt sich konkret erzählen, wie diese Stadt 2050 unter dem Gesichtspunkt der Energieeffizienz aussehen soll.
Dann erzählen Sie doch mal ...
Ganz klar sein muss: Die im Bund und in Europa gesetzten Ziele für den Klimaschutz, nämlich eine Reduktion des CO2-Ausstoßes um bis zu 25 Prozent - die werden nicht reichen. Wir brauchen bis 2050 einen Rückgang um minus 80 Prozent. Dann haben wir einen Spielraum für Emissionen, die wir heute allein für die Produktion von Nahrungsmitteln brauchen. Das muss dann reichen für alles - für Mobilität, für Essen, für Wohnen. Das bedeutet allerdings nicht nur Verzicht. Eine Stadt, die so gut gedämmt ist, wird auch eine bessere Wohnqualität haben.
Was heißt das?
Die Stadt wird in ihrem Inneren leiser sein. Ich fahre jetzt einen Hybridwagen. Das ist zwar noch keine Elektromobilität, aber allein mit dem Hybrid wird es schon viel leiser. Beteiligungsprozesse brauchen wir vor allem über das Thema Mobilität. Dann müssen wir klären, was uns wirklich wichtig ist. Wollen wir beispielsweise Flächen, die jetzt dem Verkehr dienen, in Grünflächen umwidmen. Darüber dürfte zu reden sein.
Und doch kann man zu der Erkenntnis kommen, die Bürgerbeteiligung muss besser werden.
Auf jeden Fall, zumal es ein riesiges Know how bei den Bürgern dieser Stadt gibt. Diese Experten müssen einen Ort finden, an dem sie ihr Wissen einspeisen können. Dann müssen wir auch öffentlich darüber diskutieren, welche Rolle unsere Stadtwerke beim Umstieg spielen sollen. Der Donnerstag ist ein Auftakt, bei dem ich hoffe, diejenigen zu erreichen, die sich bislang noch nicht angesprochen fühlen. Wir müssen die Chancen des Klimaschutzes auch der lokalen Wirtschaft näher bringen. In der Vergangenheit gab es doch manche Enttäuschungen. Etwa bei den Hauseigentümern. Die bekamen von uns vor zwei Jahren ein attraktives Beratungsangebot, die Resonanz aber blieb gering.
Also ist die Klimafrage auch eine demokratische Frage?
Man muss ganz klar sagen: Was wir langfristig vorhaben, ist drastisch. Wir müssen von 12,8 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr runter auf zwei bis drei Tonnen . Das geht nur, wenn sich jeder verändert.
Interview: Matthias Arning

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Facebook | Twitter überregional | Google+
Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.