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Interview mit Martin Lanzendorf: "Unterwegssein ist zu billig"

Der Mobilitätsforscher Martin Lanzendorf rügt, dass Klimakosten nicht individuell kassiert werden.

Martin Lanzendorf hat seit 2008 die Stiftungsprofessur für Mobilitätsforschung an der Universität Frankfurt inne
Martin Lanzendorf hat seit 2008 die Stiftungsprofessur für Mobilitätsforschung an der Universität Frankfurt inne
Foto: Privat

Herr Lanzendorf, Elektroautos, die Null-Emissions-Mobilität, ein Verkehr ohne CO2-Ausstoß, sind plötzlich im Gespräch. Ist das mehr als eine Mode?

Das weiß ich nicht. Ich bin bei solchen Ankündigungen sehr skeptisch. Man muss da sehr genau prüfen, wo die Haken sind, wo die Einschränkungen.

Zur Person

Martin Lanzendorf hat seit 2008 die Stiftungsprofessur für Mobilitätsforschung an der Universität Frankfurt inne.

Er beschäftigt sich mit Aspekten der Mobilität in Metropolregionen. Lanzendorf war zuvor Juniorprofessor an der Uni Leipzig und am Helmholtz- Zentrum für Umweltforschung.

Ist es richtig, darüber nachzudenken, wie eine Mobilität ohne CO2 möglich sein kann?

Es ist eine wichtige Denkrichtung. Man muss bei diesen Ideen aber berücksichtigen, dass man nicht nur in diese Richtung denken darf. Als Zielrichtung ist das richtig, wie wir unabhängig werden können von fossilen Energieträgern, wie wir eine postfossile Mobilität hinbekommen. Was das beinhaltet, ob das nur Technologien sind, die Treibstoff ersetzen, oder ob es auch Ideen gibt, wie wir unsere Mobilität anders gestalten müssen, das ist mindestens genauso wichtig. Aber dieser Punkt ist unpopulärer als der erste.

Was ist das Hauptproblem der heutigen Mobilität?

Das Hauptproblem ist, dass die Mobilität zu billig ist. Wir leben in einer Situation, in der wir durch unser Unterwegssein Kosten verursachen, die wir nicht selbst tragen. Wir verbrauchen Energie, verschmutzen die Umwelt, stoßen CO2 aus, ohne dafür individuell in angemessener Weise zur Kasse gebeten zu werden. Die Generationen nach uns werden diese Rechnung bezahlen müssen. Das ist der wesentliche Treiber dafür, dass die Distanzen, der Energieverbrauch im Verkehrssektor so ansteigen.

Autofahrer beschweren sich über den Benzinpreis, ÖPNV-Nutzer über das teure Ticket. Fehlt es noch an Einsicht?

Wir sind es gewöhnt, dass wir sehr billig unterwegs sein dürfen. Wir sind es seit Jahrzehnten gewöhnt, dass wir die externen Kosten nicht tragen mussten. Wir sind es auch gewöhnt, dass wir gesagt bekommen haben, das wird sich schon irgendwie regeln. Mobilität ist stark gewohnheitsgetrieben, und wenn dann plötzlich jemand sagt, dass man für Mobilität plötzlich deutlich mehr zahlen soll, dann würde ich auch am Verstand desjenigen zweifeln, der das fordert. Darin liegt das Problem: Die Politik hat es versäumt, angemessene Preise für den Verkehr zu schaffen.

Was sind externe Kosten, was muss man da einrechnen?

Das sind die Klimakosten, die Frage, was sind die Langzeitfolgen fürs Klima, aber auch solche Kosten, die die Lebensqualität in Städten betreffen. Wer Lärm verursacht, beeinträchtigt die Lebensqualität eines anderen, der den Lärm ertragen muss. Das betrifft aber auch den Ausstoß von Feinstaub und Stickoxiden.

Müssen die Kosten über eine dynamische Steuer auf die Verursacher umgelegt werden?

Ich glaube, das ist ein schwieriger Weg, für den man lange Zeit braucht. Das muss sich über Jahrzehnte entwickeln, und man braucht einen gesellschaftspolitischen Konsens. Sie können nicht einfach den Benzinpreis aus politischen Gründen erhöhen. Sie müssen für Akzeptanz Ihrer Maßnahme sorgen. Wir leben in einer Situation, in der im Vergleich zu den 90er Jahren vielen sehr viel stärker bewusst wird, was Klimafolgen bedeuten können. Die Öffentlichkeit ist eher gewillt zu sagen: Okay, wir wissen das und sind bereit, darüber nachzudenken.

Erleben wir gerade einen Umbruch, was das Umwelt- und Mobilitätsbewusstsein angeht?

Das Bewusstsein dafür ist in den vergangenen zwei Jahren gestiegen. Es gibt viel mehr Forschungs- und Umsetzungsprojekte in diesem Bereich. Wenn es um CO2 geht, ist man bei der Wohnungsdämmung im ersten Schritt effizienter, weil es billiger und leichter durchsetzbar ist und die Leute kein Verhalten ändern müssen. Im Verkehr ist das anders: Da kann man Fahrzeuge effizienter machen, im zweiten Schritt aber wird man darüber nachdenken müssen, ob alle Fahrten, die man macht, wirklich notwendig sind. Das sind Debatten, die sehe ich erst am Horizont. Ich glaube, dass das keine Regierung im Moment ernsthaft angeht.

Interview: Jürgen Schultheis

Datum:  23 | 3 | 2009
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