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Interview mit Medienökonomin Schmalz: Die Online-Generation ist politisch

"Das Internet ist keine Zusammenschweiß-Maschine". Die Medienökonomin und Bloggerin Gisela Schmalz spricht im FR-Interview über junge Mediennutzer und den Gratiswahn im Internet.

Gisela Schmalz ist Medienökonomin.
Gisela Schmalz ist Medienökonomin.

Frau Schmalz, Sie wollen, dass ich zahlen muss, wenn ich das Internet nutze. Warum sollte ich das gut finden?

Wer für digitale Texte, Musik, Bilder oder Filme zahlt, handelt altruistisch und egoistisch zugleich. Der trägt zum einen dazu bei, die Arbeitsplätze der Urheber zu sichern, und zum anderen sichert er sich den Nachschub an hochwertigen Inhalten. Wenn Künstler oder Journalisten im Netz kein Geld verdienen, liefern sie bald keine Qualitätsinhalte mehr. Wo soll das Geld für aufwendige Hollywoodfilme oder recherchierten Journalismus herkommen, wenn nur gratis konsumiert oder Piraterie betrieben wird?

Zur Person
Neue Medienwelt

Gisela Schmalz ist Medienökonomin. Sie arbeitete in der Produktion und Vermarktung internationaler Filme als Beraterin sowie als Autorin für Print-, TV- und Online-Publikationen.

Aufgebaut hat sie die Datenbank zu internationalen Medienkonzernen www.mediadb.eu des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik auf.

Seit 2005 ist sie Professorin für Strategisches Management und Marketing an der Rheinischen Fachhochschule Köln. Sie lebt in Berlin und bloggt unter www.yeseconomy.net.

Die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR) wird 20 Jahre alt und lädt aus diesem Grund zum LPR-Forum Medienzukunft.

Am Mittwoch, 4. November, geht es ums Chatten, Twittern, Bloggen und Skypen - und darum, wie junge Mediennutzer die (Medien-)Welt verändern. Es diskutieren in Frankfurt:

Ibrahim Evsan, sevenload GmbH Peter Kruse, nextpractice GmbH Ingrid Paus-Hasebrink, Uni Salzburg Ulrike Reinhard, DNAdigital Gisela Schmalz, Rheinische FH Köln Wolfgang Thaenert, LPR Hessen. Bilanz der Debatte zieht Ministerpräsident Roland Koch.

Weitere Informationen unter www.lpr-forum-medienzukunft.de

Wie soll das geschehen?

Gut wäre, wenn die Nutzer die Urheber ihrer Lieblingsprodukte honorierten. Als Fans könnten sie das Schaffen ihrer Lieblingsurheber finanzieren. In der jüngeren Generation gibt es für diese Zusammenhänge zunehmend mehr Verständnis, was Umfragen in den USA, England und Deutschland zeigen. Und viele sehen, dass sie sich auch eigene Chancen auf Kreativjobs im Netz kaputtmachen, wenn sie nicht netznachhaltig denken.

Haben TV und Zeitungen eine Zukunft?

Was ist denn Fernsehen, eine Zeitung oder eine Zeitschrift? Das ist doch hoffentlich der Inhalt und nicht das Trägermedium. Der Ort, an dem bewegte Bilder abgespielt oder geschriebene Texte gelesen werden können, ändert nicht zwingend die Inhalte. Ein Video bleibt auf dem Fernsehbildschirm, im Kino, auf dem PC oder Mobilgerät letztlich ein Video. Und wenn Seher, Leser und Nutzer zunehmend ins Web abwandern, müssen Medienproduzenten hinterher. Da gilt es dann, Inhalte und Interaktivität zu verheiraten. Diese Herausforderung zu bejahen und Medieninhalte neu zu definieren, fällt Medienmachern schwerer als den Onlinenutzern.

In Ihrem Buch beschreiben Sie den "Gratiswahn" im Internet. Alternativ aber ist die Preisgabe persönlicher Daten eine gängige Währung, mit der Nutzer für Inhalte zahlen. Lässt sich dieser oft leichtsinnige Umgang überhaupt bei der Mehrheit der Menschen ändern?

Leichtsinnig ist das nicht, sondern fast unvermeidbar. Jeder, der ins Netz geht, hinterlässt digitale Spuren. Mit diesen Spuren, also Nutzerdaten, wird Handel getrieben, zum Beispiel um Werbeplätze zu vermarkten. Schützen können sich Nutzer, indem sie weniger über sich preisgeben, zum Beispiel in Social Communities nur Ministeckbriefe verwenden.

Finden die Menschen durch die Nutzung neuer Medien eher zueinander - oder vereinzeln sie häufiger? Werden sie etwa zu "Masseneremiten", wie der Publizist Richard David Precht sagt?

Ob Menschen das Netz als Kontakt- und Informationsbörse oder zum Wegtauchen nutzen, hängt von ihren persönlichen Umständen ab, ihrer Herkunft, Bildung, Arbeitssituation und Medienkompetenz. Studien über die Wirkung von Onlinespielen zeigen, dass die einen Gamer soziale Kompetenz lernen und die anderen ihre Mitschüler abknallen, wobei sich ja bestimmte Typen bestimmte Spiele oder Webseiten aussuchen.

Mails ersetzen Briefe, Wikipedia das Nachschlagen im Lexikon, der Eintrag bei Facebook oder StudiVZ die Begegnung am Kneipentisch. Kann die digitale Kommunikation die direkte menschliche Begegnung ersetzen, da geht doch überall viel an Sinnlichkeit verloren?

Der Onlinekontakt kann persönliche Begegnungen und körperlichen Austausch nicht ersetzen, aber vorbereiten.

Jeder sieht sein eigenes TV-Programm, liest seine selbst bestellten Inhalte. Geht der gesellschaftliche Kitt verloren, den etwa Zeitungen oder die früheren wenigen TV-Sender darstellten - wenn etwa alle am Abend den gleichen Tatort oder die Kinder am Nachmittag Flipper und Lassie gesehen hatten?

Das Internet ist keine Zusammenschweiß-Maschine, im Gegenteil, das Internet zerfetzt Hypes. Medien- und Werbeproduzenten haben es schwer, die Nutzer zu bündeln, weil sie jederzeit in unvorhersehbare Richtungen wegsurfen können. Das Gute daran ist, dass die neuen digitalen Technologien die Kreativität ankurbeln, à la Beuys: Jeder ist ein Künstler. Heute gibt es so viele Journalisten, Musikbands und Filmemacher wie nie zuvor.

Welche Auswirkungen hat das auf die Beteiligung der Menschen etwa an Wahlen, an öffentlichen Diskussionen, an ihrem Interesse an Politik, wie sie vor der eigenen Haustür geschieht?

Ich hoffe, dass Bürger sich mehr in die politische Diskussion einmischen. Das Internet schafft dazu die Möglichkeit. Wenn Menschen sich in Foren austauschen und organisieren, müssen Politiker sich warm anziehen. Die Onlinegeneration ist gegenüber allem skeptisch, gerade der Wirtschaft wie der Politik gegenüber. Folglich betreibt sie zunehmend selbst Wirtschaft und Politik.

(Interview: Peter Hanack)

Datum:  2 | 11 | 2009
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