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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

18. August 2009

Interview mit Psychotherapeut Kappeler: "Die Opfer hat man damals vergessen"

Der Psychotherapeut Manfred Kappeler über brutale Heimerziehung.

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Zur Person

Manfred Kappeler (69) war als Sozialarbeiter, Diplom-Pädagoge und Analytischer Kinder- und Jugend-Psychotherapeut tätig.

Als Doktor der Philosophie und ehemaliger Professor für Sozialpädagogik an der TU Berlin unterstützt er den Runden Tisch Heimkinder fachlich.

Herr Kappeler, erst in jüngster Zeit nehmen deutsche Parlamente Zwangsarbeit und Misshandlungen in Erziehungsheimen der frühen Bundesrepublik in den Blick. Warum hat das so lange gedauert?

Es gab schon vor 40 Jahren im Zuge der 68er-Bewegung eine große öffentliche Debatte um die Heimerziehung. Die hatte auch Folgen: Das System wurde damals verändert. Heute haben wir ein Kinder- und Jugendrecht, das solche Schrecken nicht mehr ermöglicht. Die Opfer aber hat man damals vergessen. Und sie haben sich versteckt, aus Angst vor Stigmatisierung. Heimkind zu sein war ein Makel.

Was ist jetzt anders?

Die Opfer sind heute zwischen fünfzig und achtzig Jahren alt. Im Alter beginnen viele, doch noch über ihr Schicksal zu sprechen. Ähnliches beobachtet man auch bei anderen Menschen, die traumatische Erlebnisse verarbeiten müssen. Zugleich hat sich international eine neue Verantwortungskultur entwickelt. In Irland wurden über 17 000 Menschen entschädigt, die als Kinder in irischer Klostererziehung misshandelt wurden. Das Beispiel hat den Betroffenen Mut gemacht. Und das Buch "Schläge im Namen des Herrn" hat 2006 die Öffentlichkeit wachgerüttelt.

In wie weit wirkte die Nazi-Ideologie in der Quälerei der Heimkinder fort?

Die Anstaltserziehung war auch schon vor 1933 ein autoritäres System. Die Nazis haben die Demütigungen und Misshandlungen dann noch verschärft. Nach dem Krieg ist das nahtlos fortgesetzt worden. Zum Teil wurden KZ und Zwangsarbeiterlager zu Erziehungsanstalten umfunktioniert. Die ehemalige Anstalt in Guxhagen in Nordhessen ist ein Paradebeispiel dafür. In Glücksstadt ließ man die Heimkinder sogar die KZ-Kleidung auftragen, um Geld zu sparen.

Platt gefragt: Waren alle Heime schlimm? Gab es Alternativen?

In der Fachwelt gab es immer Kritik und auch Versuche, Alternativen zu entwickeln. Frühe Beispiele sind die Pestalozzi-Kinderdörfer. Aber das hat sich lange nicht durchgesetzt. Man wollte es nicht bezahlen - und es gab auch Widerstände, weil die Reformer ihre Kritik an der Heimerziehung mit einer radikalen Gesellschaftskritik verbanden.

Ab welchem Alter wurden Kinder misshandelt?

Schon die Säuglingsheime waren berüchtigt dafür, dass die Kinder dort hospitalistisch wurden. Sie wurden an ihre Betten gebunden oder mussten stundenlang auf langen Balken über ihren Töpfchen sitzen. Zuwendung gab es nicht. Die Heimträger stellten sich auf den Standpunkt, es reiche völlig aus, die Kinder sauber zu halten. Als Ältere wurden sie dann in immer neue Einrichtungen gesteckt. Schlusspunkt des Systems waren Erziehungsanstalten für Jugendliche mit Zwangsarbeit und Arrestzellen - das war die Hölle.

Sollten der Aufklärung über all das Zahlungen an die Heimkinder folgen?

Finanzielle Unterstützung sollte auf jeden Fall angestrebt werden. Schon weil den Opfern die Jahre der Zwangsarbeit in den Heimen nicht für die Rentenversicherung angerechnet wird. Viele von ihnen leben in prekären Verhältnissen. Für sie zählt jeder Euro. Aber die Klärung braucht Zeit. Der Bundestag hat dem Runden Tisch, der im Februar 2009 seine Arbeit begonnen hat, dafür zwei Jahre eingeräumt. Die wird er auch brauchen.

Wie kann Rehabilitierung und Hilfe sonst konkret aussehen?

Der Runde Tisch soll auch ein Netzwerk von Trauma-Experten erstellen, an die sich die Betroffenen wenden können - schnell und ohne den schwierigen Genehmigungsweg über die Krankenkassen. Die ehemaligen Heimkinder gehören nicht gerade zu der Klientel, die normalerweise in privaten Psychotherapiepraxen sitzt. Man muss Experten finden, die sich auf ihre schwierigen Biographien einlassen können und wollen.

Interview: Katja Schmidt

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