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Interview mit Rüdiger Müller-Isberner: Ohne Zigaretten weniger Medikamente

Der Leiter der Klinik für psychisch kranke Straftäter in Haina bedauert die Aufhebung des Rauchverbots.

Rüdiger Müller-Isberner ist Leiter der Klinik für psychisch kranke Straftäter in Haina.
Rüdiger Müller-Isberner ist Leiter der Klinik für psychisch kranke Straftäter in Haina.
Foto: Privat

Herr Müller-Isberner, 18 Monate herrschte absolutes Rauchverbot auf dem Gelände der von Ihnen geleiteten forensischen Klinik. Jetzt hat das Oberlandesgericht es aufgehoben. Eine Niederlage?

Nein. Wir haben bewiesen, dass man auch in der Psychiatrie eine rauchfreie Klinik durchsetzen kann und keiner daran stirbt. Es kann jetzt keiner mehr sagen, so etwas sei in der Psychiatrie von der Praxis her undurchführbar.

Zur Person

Rüdiger Müller-Isberner (57), wurde nach seinem Medizinstudium im Jahr 1983 Facharzt für Psychiatrie.

Seit 1987 ist er Ärztlicher Direktor der Klinik für forensische Psychiatrie Haina. In den Jahren 1988-2003 war er Lehrbeauftragter

für ForensischePsychiatrie an der

Justus-Liebig-Universität Gießen.

Als das hessische Nichtraucher-

schutzgesetz im Oktober 2007 in

Kraft trat, führte die Klinik ein Rauchverbot auf dem gesamten

Gelände ein. Das hat ein Gericht

jüngst untersagt.

Sind die erwarteten Vorteile für die Behandlung eingetreten?

Primär hatte ich mir zunächst erstmal gar keine medizinischen Vorteile versprochen, sondern in dem Glauben, dass wir ein Krankenhaus seien, nur das Hessische Nichtraucherschutzgesetz konsequent umgesetzt. Allerdings wusste ich, dass es in anderen Staaten bereits sehr positive Erfahrungen mit rauchfreien forensischen Kliniken gab. Es geht auf Stationen konfliktärmer zu, man kann sich stärker der Hauptarbeit, der Kriminaltherapie, widmen.

Können Sie das nach den 18 Monaten bestätigen?

Ja. Das Nichtrauchen ist erstaunlich schnell zur Selbstverständlichkeit geworden. Wir haben pro Kopf 25 Prozent weniger Medikamente verbraucht.

Sind auch die Aggressionen zurückgegangen?

Ja. Die meisten unserer Patienten sind Sozialhilfeempfänger, die nur ein kleines Taschengeld haben und sich nur wenig dazuverdienen können. Es gab Raucher, die mangels Geld zur Monatsmitte auf Entzug waren. Dann ging es los: Man hat sich prostituiert, geklaut, es gab Deals. Da herrscht das Gesetz des Stärkeren.

Lieferte das Rauchverbot keinen Konfliktstoff?

Natürlich gab es den: Das Ausmaß war jedoch nicht so groß und es traf nicht, wie in der Vergangenheit, immer die Schwachen.

Wie verlief der Entzug?

Wir haben Nikotinpflaster angeboten, Kaugummis, Raucherentwöhnungskurse für Mitarbeiter und Patienten. Diese Angebote wurden jedoch kaum angenommen.

Also ist das Rauchverbot in der Forensik ein Erfolgsmodell?

Die gesamte Klinikleitung sieht das so. Es ist ein Bewusstseinswandel eingetreten.

Ärgert Sie das Urteil des Oberlandesgerichts?

Nein, ich kann damit leben, da ich persönlich von den Folgen nicht betroffen sein werde. Es gibt aber auch eine andere Seite: In den wenigen Tagen, seitdem wieder geraucht wird, hat ein Patient einen Schlaganfall erlitten und ein anderer ist mit Verdacht auf Herzinfarkt auf der Intensivstation gelandet. Soviel zum 'Recht auf Krankheit'.

Wie ist die aktuelle Situation?

Das Verbot für Draußen, das auch durch das Nichtraucherschutzgesetz nicht gedeckt war, haben wir sofort aufgehoben. Für die Gebäude suchen wir nach technischen Lösungen.

Rauchen jetzt viele Patienten wieder?

Natürlich. Die Pfleger müssen aus Sicherheitsgründen nun wieder Feuerzeuge einsammeln oder den Patienten Feuer geben.

Werden Sie Ihre Erfahrungen wissenschaftlich auswerten?

Die Auswertung der gesammelten Daten wird Zeit brauchen. Was aber bereits klar belegt ist, ist der Rückgang im Medikamentenverbrauch. Das spricht für sich!

Datum:  13 | 6 | 2009
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