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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

20. Januar 2010

Interview mit Soziologin Gerda Holz: Kinderarmut geht alle an

Wenn es kein Spielzeug gibt  Foto: photocase

Die Soziologin Gerda Holz im FR-Interview über kommunale Prävention und verwirrende Parolen aus Wiesbaden.

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Zur Person

Gerda Holz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS).

Die Sozialarbeiterin und Soziologin berät bundesweit Kommunen in Fragen der Armutsprävention und begleitet diesen Prozess auch in Frankfurt am Main.

Die 52-Jährige leitet die bundesweite AWO-ISS-Studie zu Lebenslagen und Zukunftschancen von armen Kindern. (ssl)

Frau Holz, Kinderarmut ist von einem Randthema in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Was nützt die neue Aufmerksamkeit den Betroffenen?

Sie machen die Erfahrung, dass sie nicht alleine dastehen. Und die Stadtbevölkerung, also alle Bürger, die selbst noch nie damit zu tun hatten, werden aufgefordert, darüber nachzudenken, was getan werden muss und kann.

Soziologin Gerda Holz.
Soziologin Gerda Holz.
 Foto: Andreas Arnold

Bedeutet das tatsächlich ein Ende der Scham?

Es besteht in der öffentlichen Darstellung die Tendenz, Armut nur als individuelles Problem zu erfassen. Auch deshalb haben Betroffene das Gefühl, "ich bin alleine, ich kann darüber nicht sprechen, ich bin anders und gehöre nicht dazu". Es entlastet, dass das Problem öffentlich diskutiert wird. So ist es für die betroffenen Eltern beispielsweise viel leichter, gegenüber Lehrerinnen oder Erziehern zu äußern: "wir sind arm und können das nicht alles bezahlen oder bei allem mithalten". Ein Tabu wird geöffnet für beide Seiten, für Betroffene wie nicht Betroffene.

Welche Kinder sind arm?

Insgesamt kann man in der Bundesrepublik von jedem dritten bis jedem fünften Kind sprechen, regional hier in Frankfurt ist es etwa jedes vierte Kind. Zudem gibt es besondere Risikogruppen. Jedes zweite Kind im Hartz IV-Bezug lebt in Frankfurt in einem alleinerziehenden Haushalt, das sind 10000 Jungen und Mädchen. Die zweite risikobehaftete Gruppe sind Kinder mit Migrationshintergrund, aber nicht alle, sondern Kinder, deren Eltern eine geringe schulische wie berufliche Bildung erfahren haben und somit häufig im Niedriglohnbereich arbeiten.

Das kann Kindern mit deutschen Eltern auch passieren.

Richtig. Das gilt für Familien mit und ohne Migrationshintergrund. Wenn wir von Armut sprechen, dann ist damit Einkommensarmut gemeint. Wenn wir von Kinderarmut sprechen, dann sind damit die Folgen familiärer Armut für Kinder gemeint. Ursachen sind der fehlende Zugang der Eltern zum Arbeitsmarkt - also Langzeiterwerbslosigkeit sowie eine sehr geringe Arbeitsentlohnung - also Niedriglohn. Für Frankfurt eine besondere Herausforderung, worauf aktuell auch der Sozialbericht der Fachhochschule hinweist.

Ministerpräsident Roland Koch ist ja der Meinung, Hartz IV-Empfänger sollten als Gegenleistung für die Sozialhilfe auch "niederwertige Arbeit" annehmen. Sie zeichnen ein anderes Bild: Die Löhne sind so gering, dass ergänzend Grundsicherung nötig ist.

Wen meint er eigentlich? Die große Gruppe von armutsbetroffenen Familien, die heute arbeitet und immer gearbeitet hat? Warum brauchen sie aber zusätzlich Hartz IV? Die Ursache sind Arbeitsplätze mit zu geringer Entlohnung. Oder meint er die Gruppe der Alleinerziehenden, in der jede zweite Mutter auf Hartz IV angewiesen ist? Ursachen sind hier fehlende Plätze in Ganztagsschulen oder wenig Bereitschaft zur Gestaltung einer familienfreulichen Arbeitswelt, damit Kinder und Arbeit unter einen Hut gebracht werden können. Wo liegt unser gesellschaftliches Problem wirklich? Im "falschen" Verhalten von Personen, was empirisch nicht belegbar ist oder in ungenügenden Rahmenbedingungen, auf die auch Frau von der Leyen seit langem hinweist.

A propos Rahmenbedingungen: Die Stadt tut manches, angefangen von Frühen Hilfen bis zur Vernetzung zwischen Schulen, Familienbildung und sozialen Einrichtungen in Stadtteilen. Trotzdem leben im Gallus, Riederwald und in Fechenheim nach wie vor viele benachteiligte Familien. Was tun?

Die Hälfte der Kinder in Hartz IV-Bezug leben in einem Alleinerziehenden-Haushalt. Es liegt auf der Hand, ein umfassendes Mehrjahresprogramm von Rhein-Main-Jobcenter mit der Stadt, den Verbänden und vor allem der Wirtschaft zu schaffen. So etwas fehlt derzeit noch.

Gehört dazu auch, mehr Kinderbetreuung anzubieten?

Gezielter handeln kann ich nur, wenn ich elternbezogene Qualifizierung, Integration in den Erwerbsmarkt und Unterstützung bei sozialen Problemen verknüpfe mit Betreuungs- und Bildungs- und Hilfeangeboten für die Kinder. Eine weitere Strategie gegen Armut ist bürgerschaftliches Engagement im Stadtteil. Armut grenzt aus. Nicht Kinder können von sich aus einfordern, "ich möchte was mit Dir unternehmen" - sondern die Nachbarschaft, das Umfeld müssen sagen: "ich biete Dir was an."

Wie kann diese gesamtstädtische Verantwortung vorangetrieben werden? Armutsfragen sind grundsätzlich auch politische Fragen. In Frankfurt wird unter dem Titel "Zukunft für Frankfurter Kinder sichern" aus meiner Sicht der fachlich richtige Weg beschritten. Es sind erste wirkungsvolle Aktivitäten entwickelt, zum Beispiel mit den "Frühen Hilfen", dem Ausbau des Bildungsangebots oder dem Mittagessen in Jugendeinrichtungen. Es ist eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe gebildet worden, in der drei Dezernate - Soziales, Bildung und Gesundheit - und acht Ämter vertreten sind. Damit all das nachhaltige Wirkung entfallen kann, ist es wichtig, auch kommunalpolitische Signale zu setzen. Ein solches Signal durch die Stadtverordnetenversammlung, die Oberbürgermeisterin und durch alle Dezernate gerade in Zeiten schwieriger Finanzlagen ist: Armutsprävention für Kinder und Jugendliche geht uns alle in Frankfurt an, dafür handeln wir, konkret und gemeinsam.

Interview: Susanne Schmidt-Lüer

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