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Interview mit T-Systems-Chef Clemens: "Dienste für Schule und Uni"

T-Systems-Chef Reinhard Clemens spricht im Interview mit Peter Dietz über virtuelle Klassenzimmer, das Geschäft mit der Bildung und den angekündigten Stellenabbau bei der Telekom-Tochter.

Reinhard Clemens ist seit Dezember 2007 Chef der Telekom-Tochter T-Systems.
Reinhard Clemens ist seit Dezember 2007 Chef der Telekom-Tochter T-Systems.
Foto: Firmenbild

Herr Clemens, T-Systems engagiert sich in Hessens Schulen. Was genau macht Ihr Unternehmen dort?

Die Schüler in Hessen sollen mehr online lernen. Deshalb haben T-Systems und das Land Hessen ein Pilotprojekt aufgelegt. Wir liefern die Hard- und Software, richten so gewissermaßen ein virtuelles Klassenzimmer ein. Das Land steuert die Finanzmittel bei.

Zur Person

Reinhard Clemens ist seit Dezember 2007 Chef der Telekom-Tochter T-Systems. Der 49-jährige Manager kam als Sanierer: Er soll den Anschluss an Konkurrenten wie IBM und Hewlett Packard schaffen.

T-Systems bedient mit 46000 Mitarbeitern vor allem Großkunden wie Lufthansa, Deutsche Bahn und Allianz. Auch die Öffentliche Hand ist ein wichtiger Kunde. In Hessen beschäftigt das Unternehmen 4000 Leute in Frankfurt, Eschborn und Darmstadt.

Wie funktioniert dieses virtuelle Klassenzimmer?

Auf einer Internetplattform werden Bildungsinhalte von renommierten Schulbuchverlagen bereit gestellt. Die Lehrer bestimmen den Lehrplan, stellen die Aufgaben. Die Schüler können über den Computer auf den Unterrichtsstoff zugreifen.

Das Projekt startet in Hessen nach den Sommerferien. Erfahrungen gibt es aus Nordrhein-Westfalen. Wie ist die Resonanz?

In Hessen machen 100 Schulen mit 50 000 Schülern mit. Die Zwischenbilanz in Nordrhein-Westfalen ist positiv. Den Schülern macht es eine Menge Spaß, da sie ein anderes Medium nutzen können. Bei Eltern und Lehrern gab es aber auch Skepsis.

Was genau sind deren Befürchtungen?

Viele meinen, Bildung dürfe nicht kommerzialisiert werden. Wir aber denken, Bildung muss allen verfügbar gemacht werden. Und da ist unser Projekt Edunex der richtige Schritt.

Warum?

Weil es vor allem förderbedürftigen Kindern zugute kommt, Schülern mit Migrationshintergrund etwa. Das Programm bietet beispielweise Übersetzungshilfen. Edunex bildet so eine Brücke, um Schüler mit Sprachproblemen besser am Unterricht teilhaben zu lassen. Das erhöht die Chancengleichheit in den Klassen. Auch können Schüler, die krank sind, übers Internet am Unterricht teilnehmen, sie verlieren so nicht den Anschluss. Zudem kann durch Vernetzung die Gruppen- und Partnerarbeit auch mit anderen Schulen intensiviert werden.

Ist ein solches Engagement einer einzelnen Firma in Schulen nicht grundsätzlich heikel?

Nein, warum auch. Wir führen die Kinder nicht an ein Unternehmen oder eine Marke heran, sondern an die Technologie. Wir leben in einer vernetzten Welt, Bildungsinhalte vereinheitlichen sich zunehmend. T-Systems liefert nur die Plattform, den Internet-Anschluss etwa können auch unsere Wettbewerber herstellen. Und das passiert ja auch.

Sie machen das aber nicht aus reiner Menschenliebe. Welchen Vorteil hat T-Systems dabei?

Wir gehen natürlich unternehmerisch an das Ganze heran. Wenn alle Schulen die Plattform nutzen würden, wäre das ein gutes Geschäft für uns.

Kunden wie Autobauer oder Banken müssen in der Krise sparen. Ist das Projekt also der Versuch, Ausfälle aufzufangen und das Geschäft mit der Öffentlichen Hand auszubauen?

Wenn das so einfach wäre, wäre das klasse. Wir sind zwar ein großer Dienstleister der öffentlichen Verwaltung. Bund, Länder und Kommunen sind wichtige Kunden für uns, etwa zehn Prozent unseres Umsatzes kommt über den öffentlichen Sektor. Das auszubauen ist aber nicht so einfach, weil die Ausschreibungsprozesse dort sehr, sehr lange dauern.

Mit Bildungsdiensten wollen Sie aber irgendwann schon mal Geld verdienen, oder?

Ja, wir wollen daraus ein ganz normales Geschäft machen. Edunex könnte der erste Teil einer ganzen Leistungskette rund um das Thema Bildung sein.

Was ist noch drin?

Ein Beispiel aus meiner Erfahrung: Wenn Eltern einen Betreuungsplatz für ihr Kind suchen, melden sie es gleich bei fünf Kindergärten an, weil sie nicht wissen, wo freie Plätze sind. Jede Stadt hat das gleiche Problem: Keiner weiß, wie groß der tatsächliche Bedarf ist. Die Lösung wäre eine Software, die freie Kindergartenplätze verwaltet. Die müsste man nicht für jede Stadt exklusiv schreiben, das Programm könnte man wie Edunex als Service aus dem Internet nutzen.

Die Leistungskette beginnt also schon im Kindergarten?

Ja. Wir könnten Dienste vom Kindergarten über die Schule bis zur Uni anbieten. Bei der Bewerbung für einen Studienplatz läuft es ja ähnlich wie beim Suchen eines Kindergartenplatzes - alle bewerben sich mehrfach, weil sie nicht wissen, wo es klappt. Und am Ende bleiben Studienplätze unbesetzt, weil die Verteilung nicht transparent ist. Unter dem Strich würde mit den neuen Service-Ideen Bildung für alle bezahlbarer. Denken Sie alleine daran, wie viel Geld neue Schulbücher kosten. Bildungsinhalte übers Netz zu aktualisieren, ist viel günstiger.

Apropos sparen: T-Systems hat vergangene Woche angekündigt, 3000 Stellen zu streichen. Wie hart wird es die hessischen Standorte treffen?

Das können wir noch nicht sagen. Es gibt noch kein Regionalkonzept. Wir wollen den Stellenabbau aber so sozial verträglich wie möglich gestalten und Kündigungen, wenn es geht, vermeiden.

Warum streichen Sie Stellen?

Nicht wegen der Krise. Wir haben strukturelle Probleme. Die Welt hat sich verändert, der Wettbewerb wird stärker, da müssen wir nachziehen. Wir müssen uns fragen: Welches Know-how brauchen wir, was können wir auslagern. Hier vor Ort gefragt sind Experten mit Industrie-Kow-how. Was aber weg geht, sind einfache Programmiertätigkeiten für Standardprozesse. Die kaufen unsere Wettbewerber genauso wie wir auch billiger in Osteuropa, Indien, Vietnam und China ein. Wir müssen in Deutschland deshalb mehr in die Weiterbildung investieren, den Mittelbau stärken.

Wenn alles übers Glasfaserkabel läuft, wie wichtig sind dann noch die einzelnen Standorte, etwa die in Hessen?

Frankfurt ist für uns sehr wichtig. Unser Hauptquartier sitzt hier, und es bleibt auch hier. Der Standort ist für uns ideal. Wir haben hier den Flughafen und den größten Netzknoten Europas. Alle großen Verträge in Europa, ob mit MAN, Linde oder Shell, alle laufen über Frankfurt, alle werden von Frankfurt aus vorbereitet. In das "Big Deal Center" Frankfurt haben wir über die Jahre mehr als 50 Millionen Euro investiert.

Fast alle namhaften Autobauer gehören zu Ihren Kunden. Nur Opel fehlt auf der Liste. Die Rüsselsheimer sind beim Konkurrenten Hewlett Packard/EDS, Ihrem früheren Arbeitgeber.

Schauen wir mal, was passiert, wenn der neue Eigner einsteigt. Wir würden natürlich gerne versuchen, die Türen bei Opel aufzumachen. Wir haben viel Branchenkompetenz zu bieten.

Interview: Peter Dietz

Datum:  20 | 8 | 2009
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