Herr Schmidt, was haben Sie gestern Abend getrunken?
Ein Glas Wein - sehr guten Wein.
Blieb es bei dem einem Glas?
Ja.
Ist ein Glas korrekt?
Wenn ich nach den aktuellen medizinischen Erkenntnissen gehe, ja. Ein Glas Wein, ungefähr 0,2 Liter, ist für Männer die Dosis, die als risikoarm gilt. Für Frauen ist es allerdings die Hälfte.
Trinken Sie nie zwei Gläser Wein?
Natürlich kommt auch das vor. Wichtig ist, sich bewusst darüber zu werden, dass man in diesen Situationen die Grenze des risikoarmen Konsums überschreitet und diese Situation deshalb bei gesundheitsbewussten Menschen die Ausnahme bleiben sollte. Viele Menschen verlieren leider im Laufe des Tages oder abends einfach den Überblick, was sie schon alles getrunken haben, weil sie sich darüber keine Gedanken machen.
Enthaltsamkeit entspricht ja auch nicht unserer Kultur.
Alkohol ist fest in unserer Kultur verwurzelt. Er ist überall präsent - in den Medien, bei Feiern, er gehört vermeintlich zu einem guten Essen. Es kann nicht darum gehen, ihn zu verbannen. Aber Alkohol ist ein Genussmittel, kein Nahrungsmittel oder unabdingbares Lebensmittel. Dieser Unterschied ist wichtig. Ich brauche Alkohol nicht zum Leben. Er ist das Sahnehäubchen bei einem guten Essen oder bei einer Feier. Das kann er aber auch nur sein, wenn ich ihn bewusst konsumiere, ihn nicht gedankenlos in mich hineinschütte, er für mich nicht bei allen Aktivitäten selbstverständlich dazugehört.
Welches Gefühl erzeugt Alkohol?
Er hat eine lösende, enthemmende Wirkung. Diese schätzen viele Konsumenten oder beabsichtigen sie sogar - zum Beispiel, um die Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht zu erleichtern oder in einer geselligen Runde noch spaßiger zu sein. Während für die einen das Beschwipstsein das Ziel ist, ist für andere ein guter Wein wirklich ein Geschmackserlebnis. Bis zu einer gewissen Wirkungsgrenze wird der Genuss von Alkohol durchaus als angenehm empfunden. Allerdings kann diese Situation sehr schnell kippen, wenn eine gewisse Grenze überschritten wird. Wenn bei einer Feier der Herr Müller nicht mehr lustig ist, sondern nach zu vielen Drinks einfach nur noch nervt, weil er den Leuten das Ohr abschwätzt. Liegt er nach weiteren Gläsern Alkohol sogar lallend in der Ecke, dann wendet sich die Gruppe schnell von dieser Person ab.
Welche Rolle spielt die Religion? In der Bibel wird ja auch Alkohol getrunken.
Im Koran ist Alkohol verboten. In der Bibel wird Wein mit dem Blut Christi in Verbindung gebracht, ist religiös sehr hoch aufgeladen. Aber bis zurück zu den Griechen und Ägyptern gibt es auch schon Alkohol-Präventionsbotschaften, Schilderungen, dass Betrunkene die Feste störten. So alt der Konsum ist, so alt ist auch das Problem, dass Alkoholkonsum problematisch werden kann.
Vor Krimis gibt es Bierwerbung, auch während Fußballspielen. Finden Sie das in Ordnung?
Es ist ein großes Problem, dass die Werbung zu Zeiten einsetzt, wenn noch Minderjährige mit vor dem Fernseher sitzen. Sport soll die Gesundheit fördern - und dann werben wir dort mit Alkohol, dessen übermäßiger Konsum das Gegenteil bewirkt. Kinder wachsen bei uns so auf, als ob Fußball und Alkohol Geschwister wären. Bei der Alkoholwerbung im Sport geht es natürlich um Geld. Das ist beim FC Klein-Kleckersdorf so und bei Real Madrid: Brauereien sind vielerorts Sponsoren für die Fußballtrikots der D-Jugend. Und die international erfolgreichen Vereine könnten ihren kostspieligen Spielbetrieb und die wahnsinnigen Ablösesummen für die Ronaldinhos dieser Welt nicht bezahlen, wenn es keine umfangreichen Werbeverträge, auch mit Alkoholherstellern, gäbe.
Plädieren Sie für Werbeverbote?
Wir plädieren für Werbeeinschränkungen im Fernsehen, etwa ein Werbeverbot bis 22 Uhr. Weiterhin für Werbeeinschränkungen an bestimmten Orten, zum Beispiel in Sportstätten und eben auch in Sportsendungen, wie im Umfeld von Wettkampfübertragungen im Fernsehen.
Wie lautet die Botschaft der Aktionswoche?
In Deutschland wird zu viel Alkohol getrunken. Wir wollen deshalb auch in Hessen mit den über 120 Veranstaltungen in der Aktionswoche eine breite Diskussion über den verantwortlichen Umgang mit Alkohol anregen. Das Motto der Aktionswoche lautet ja "Kenn Dein Limit" und nicht "Meide Alkohol". Jeder vierte Bundesbürger trinkt mehr, als auf lange Sicht gesundheitlich verträglich ist, wobei wir hier noch lange nicht über Sucht oder Abhängigkeit reden. Weil die meisten Menschen diese Grenzwerte und neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse noch gar nicht kennen, haben sie auch noch kein Problembewusstsein entwickelt.
Interview: Jutta Rippegather

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Von Wiesbaden über Frankfurt bis Hanau - Die Stadt und die Region auf einen Blick
Offenbach bangt um einen großen Arbeitgeber: Die Krise beim insolventen Druckmaschinen-Hersteller Manroland.
Facebook | Twitter überregional | Google+
Wer folgt Petra Roth? Mitte März wählt Frankfurt einen neuen OB. Alles über die Kandidaten im Spezial.