kalaydo.de Anzeigen

Interview mit Wolfgang Schmidt: "Alkohol ist kein Nahrungsmittel"

Wolfgang Schmidt, Geschäftsführer der Hessischen Landestelle für Suchtfragen, spricht im FR-Interview über bewussten Konsum.

Wolfgang Schmidt, Geschäftsführer der Hessischen Landestelle für Suchtfragen in Frankfurt.
Wolfgang Schmidt, Geschäftsführer der Hessischen Landestelle für Suchtfragen in Frankfurt.
Foto: privat

Herr Schmidt, was haben Sie gestern Abend getrunken?

Ein Glas Wein - sehr guten Wein.

Blieb es bei dem einem Glas?

Ja.

Ist ein Glas korrekt?

Wenn ich nach den aktuellen medizinischen Erkenntnissen gehe, ja. Ein Glas Wein, ungefähr 0,2 Liter, ist für Männer die Dosis, die als risikoarm gilt. Für Frauen ist es allerdings die Hälfte.

Trinken Sie nie zwei Gläser Wein?

Natürlich kommt auch das vor. Wichtig ist, sich bewusst darüber zu werden, dass man in diesen Situationen die Grenze des risikoarmen Konsums überschreitet und diese Situation deshalb bei gesundheitsbewussten Menschen die Ausnahme bleiben sollte. Viele Menschen verlieren leider im Laufe des Tages oder abends einfach den Überblick, was sie schon alles getrunken haben, weil sie sich darüber keine Gedanken machen.

Enthaltsamkeit entspricht ja auch nicht unserer Kultur.

Alkohol ist fest in unserer Kultur verwurzelt. Er ist überall präsent - in den Medien, bei Feiern, er gehört vermeintlich zu einem guten Essen. Es kann nicht darum gehen, ihn zu verbannen. Aber Alkohol ist ein Genussmittel, kein Nahrungsmittel oder unabdingbares Lebensmittel. Dieser Unterschied ist wichtig. Ich brauche Alkohol nicht zum Leben. Er ist das Sahnehäubchen bei einem guten Essen oder bei einer Feier. Das kann er aber auch nur sein, wenn ich ihn bewusst konsumiere, ihn nicht gedankenlos in mich hineinschütte, er für mich nicht bei allen Aktivitäten selbstverständlich dazugehört.

Welches Gefühl erzeugt Alkohol?

Er hat eine lösende, enthemmende Wirkung. Diese schätzen viele Konsumenten oder beabsichtigen sie sogar - zum Beispiel, um die Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht zu erleichtern oder in einer geselligen Runde noch spaßiger zu sein. Während für die einen das Beschwipstsein das Ziel ist, ist für andere ein guter Wein wirklich ein Geschmackserlebnis. Bis zu einer gewissen Wirkungsgrenze wird der Genuss von Alkohol durchaus als angenehm empfunden. Allerdings kann diese Situation sehr schnell kippen, wenn eine gewisse Grenze überschritten wird. Wenn bei einer Feier der Herr Müller nicht mehr lustig ist, sondern nach zu vielen Drinks einfach nur noch nervt, weil er den Leuten das Ohr abschwätzt. Liegt er nach weiteren Gläsern Alkohol sogar lallend in der Ecke, dann wendet sich die Gruppe schnell von dieser Person ab.

Welche Rolle spielt die Religion? In der Bibel wird ja auch Alkohol getrunken.

Im Koran ist Alkohol verboten. In der Bibel wird Wein mit dem Blut Christi in Verbindung gebracht, ist religiös sehr hoch aufgeladen. Aber bis zurück zu den Griechen und Ägyptern gibt es auch schon Alkohol-Präventionsbotschaften, Schilderungen, dass Betrunkene die Feste störten. So alt der Konsum ist, so alt ist auch das Problem, dass Alkoholkonsum problematisch werden kann.

Vor Krimis gibt es Bierwerbung, auch während Fußballspielen. Finden Sie das in Ordnung?

Es ist ein großes Problem, dass die Werbung zu Zeiten einsetzt, wenn noch Minderjährige mit vor dem Fernseher sitzen. Sport soll die Gesundheit fördern - und dann werben wir dort mit Alkohol, dessen übermäßiger Konsum das Gegenteil bewirkt. Kinder wachsen bei uns so auf, als ob Fußball und Alkohol Geschwister wären. Bei der Alkoholwerbung im Sport geht es natürlich um Geld. Das ist beim FC Klein-Kleckersdorf so und bei Real Madrid: Brauereien sind vielerorts Sponsoren für die Fußballtrikots der D-Jugend. Und die international erfolgreichen Vereine könnten ihren kostspieligen Spielbetrieb und die wahnsinnigen Ablösesummen für die Ronaldinhos dieser Welt nicht bezahlen, wenn es keine umfangreichen Werbeverträge, auch mit Alkoholherstellern, gäbe.

Plädieren Sie für Werbeverbote?

Wir plädieren für Werbeeinschränkungen im Fernsehen, etwa ein Werbeverbot bis 22 Uhr. Weiterhin für Werbeeinschränkungen an bestimmten Orten, zum Beispiel in Sportstätten und eben auch in Sportsendungen, wie im Umfeld von Wettkampfübertragungen im Fernsehen.

Wie lautet die Botschaft der Aktionswoche?

In Deutschland wird zu viel Alkohol getrunken. Wir wollen deshalb auch in Hessen mit den über 120 Veranstaltungen in der Aktionswoche eine breite Diskussion über den verantwortlichen Umgang mit Alkohol anregen. Das Motto der Aktionswoche lautet ja "Kenn Dein Limit" und nicht "Meide Alkohol". Jeder vierte Bundesbürger trinkt mehr, als auf lange Sicht gesundheitlich verträglich ist, wobei wir hier noch lange nicht über Sucht oder Abhängigkeit reden. Weil die meisten Menschen diese Grenzwerte und neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse noch gar nicht kennen, haben sie auch noch kein Problembewusstsein entwickelt.

Interview: Jutta Rippegather

Datum:  19 | 6 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Regionale Startseite
Ressort

Von Wiesbaden über Frankfurt bis Hanau - Die Stadt und die Region auf einen Blick


Nachrichten aus der Region

Anzeige

 
Spezial

Die heiße Phase naht: Termine, Reportagen, Bilder - vom Kinderfasching bis zur Prunksitzung.

Anzeige

Spezial
Beschäftigte des Druckmaschinen-Herstellers Manroland demonstrieren vor der Allianz-Niederlassung in Frankfurt. Allianz und MAN haben dem angeschlagenen Konzern den Geldhahn zugedreht.

Offenbach bangt um einen großen Arbeitgeber: Die Krise beim insolventen Druckmaschinen-Hersteller Manroland.

Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!

Anzeige

Spezial
Wer zieht im März in den Römer ein?

Wer folgt Petra Roth? Mitte März wählt Frankfurt einen neuen OB. Alles über die Kandidaten im Spezial.

OB-Wahl in Frankfurt
        

Rechnet mit einer Stichwahl: Ursula Fechter.
FAG-Kandidatin Fechter 
Das zentrale Themenplakat der Piraten (für ganzes Bild bitte klicken).
Piraten in Frankfurt 
OB-Bewerber Oliver Maria Schmitt setzt sich für ein nichtraucherfreies Frankfurt ein.
OB-Wahl Frankfurt 
        

Ganz großes grünes Kino: OB-Kandidatin  Heilig und der Berliner Fraktionsvorsitzende  Trittin in der Harmonie.
OB-Wahlkampf bei den Grünen 
Boris Rhein hat auf Facebook einen falschen Freund abgekriegt: einem stadtbekannten Rechtsextremen aus Maintal.
Frankfurter OB-Wahlkampf im Internet 
Altenhilfe der FR

Spendenkonten, Bankverbindung, Online-spenden und Informationen zu Spendenquittungen.

Spezial

Mit gutem Gewissen investieren und gleichzeitig Geld verdienen? Die FR schaut, wie erfolgreich Firmen und Fonds dabei sind.

Spezial

Der Ausbau des Flughafens ist in der Region heftig umstritten. Die FR-Serie informiert über die Landebahn.

Fotostrecke 1. Derpart Familien-Reise-Tag

Staumelder

Staumelder 86 Staus mit einer Gesamtlänge von 273km
Zu den Staumeldungen
Meistgeklickt
Verrauchte Sicht für Frankfurts Keeper Oka Nikolov.
Eintracht gegen Fortuna 
Diskussionen: Bamba Anderson redet auf Schiedsrichter-Assistent Jan Hendrik Salver ein.
Fußball-Kolumne Ballhorn (IV) 
Ornella de Santis (links) hat es ins Finale von
„Unser Star für Baku“ 
Karlsruhe urteilt: Die derzeitige Bezahlung von Uni-Professoren ist nicht rechtens.
Urteil zu Professorenbesoldung 
Marktplatz

"Wir wünschen uns einen großen Garten um unser Frühlingsglück zu genießen." Über 25.000 Bauplatz- und 6.000 Baugebiet-Angeboten.