In Hessen liegt die Armutsquote bei durchschnittlich 12 Prozent. Das sind 2,3 Prozent mehr als der Bundesdurchschnitt. Sind Sie zufrieden mit diesen Zahlen aus dem jüngst erschienenen Armutsbericht für die Regionen in Deutschland? Nein. Wir haben in Hessen kein einheitliches Bild, sondern ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Das Rhein-Main-Gebiet steht mit etwas mehr als zehn Prozent gut da. Aber in Nordhessen liegt die Quote bei knapp 15 Prozent.
Aber auch im reichen Rhein-Main-Gebiet leben doch arme Familien, oder? Gewiss. Und es ist unglaublich schlimm, dass es noch Armut gibt in Gegenden, wo Reichtum aus allen Knopflöchern quillt. Es ist etwas faul in einer Gesellschaft, die nicht die Notwendigkeit der gleichen Zugangswege zu Bildung und gesellschaftlichem Leben sieht.
Wann ist ein Mensch eigentlich arm?
Wenn ihm das festgelegte Mindesteinkommen nicht zur Verfügung steht. Es gibt auch versteckte Armut, die sich etwa darin zeigt, dass ich im Winter keinen Mantel kaufen kann, für Schuhe kein Geld habe, geschweige denn für die Urlaubsreise. Armut zeigt sich heute nicht mehr darin, dass die Menschen in zerlumpter Kleidung herumlaufen oder bettelnd an der Frankfurter Hauptwache herumstehen.
Was auch daran liegt, dass es Hilfsangebote wie die Tafeln oder Kleiderkammern gibt. Ist es richtig, Politik aus der Verantwortung zu entlassen? Dass Ehrenamtliche die Aufgabe des Staates übernehmen, sich um die Armen zu kümmern?
Das ist eine zweischneidige Diskussion. Theoretisch könnten Sie Recht haben, dass die Initiativen die Politik entlasten. Doch wer wenig verfügbares Geld hat, ist dankbar für die Chance, günstig an Essen zu kommen. Tafeln leisten unglaublich gute Arbeit, aber der Staat darf seine Verantwortung nicht abschieben auf ehrenamtliche Organisationen.
Wer ist von Armut besonders stark bedroht? Familien mit vielen Kindern, allein stehende Frauen, und natürlich Arbeitslose.
Welche Folgen hat es für ein Kind, in Armut aufzuwachsen? Im Vergleich zu seinen Alterskameraden muss es auf Dinge verzichten, die scheinbar selbstverständlich sind. Urlaub zum Beispiel ist ein Statussymbol für viele Kinder, Kleidung ebenfalls. Wenn der eigene Status in der Gruppe sinkt, ist das eine Belastung. Kinder können das sehr genau nachvollziehen und sehen, worin sie sich unterscheiden, was ihre Mütter, ihre Väter ihnen nicht zur Verfügung stellen können. Es ist schwer, eine solche Zurückweisung zu kompensieren.
Zum Beispiel dass man keinen Computer hat, obwohl dessen Besitz in Schulen inzwischen vorausgesetzt wird? Alte Computer bekommt man inzwischen geschenkt. Es kommt darauf an, was für ein Modell man hat. Beim Handy ist es das Gleiche. Es müssen bestimmte, hochwertige Geräte sein, um Eindruck schinden zu können. Wenn ich keinen leistungsfähigen Laptop habe, dann zeige ich das den Kindern aus meiner Klasse nicht und falle damit aus dem normalen Bereich heraus. Das ist schwierig.
Armut ist also auch ein Bildungshemmnis?
Ja. Migration ist ebenfalls ein ganz starker Faktor. Wenn beides zusammenkommt, ist es fatal. Für eine Gesellschaft wie die unsere ist ein Armutszeugnis, dass die intellektuellen Kompetenzen nicht genutzt werden.
Die Landesregierung hat einen Armutsbericht bisher stets abgelehnt. Gibt es in dieser Hinsicht inzwischen neue Zeichen aus Wiesbaden? Ja. Das Parlament will auf Anregung der Fraktionen von CDU und FDP einen Landessozialbericht erstellen, der die Kriterien eines Armuts- und Reichtumsbericht erfüllt. Damit wäre unsere langjährige Forderung erstmals in befriedigendem Umfang umgesetzt.
Wozu benötigt man solch einen Bericht? Um festzustellen, wo Bedarf ist. Wo das Land gleichmäßige Bildungschancen und Zugangswege für Leistungen des Staates zu schaffen hat. Die gibt es zurzeit nicht. Interview: Jutta Rippegather

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