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Interview: Wagemutig und solide

Claude Devillers ist stolz auf die Pioniertat seiner Offenbacher Vorfahren, als sie die erste deutsche Straßenbahn initiierten. Vielleicht schickt der Geschäftsmann zum Jubiläum sogar einen Cousin nach Frankfurt.

FR: Herr Devillers, sind Sie jemals in Deutschland, in Frankfurt oder Offenbach gewesen?

Devillers: Häufig bin ich in Bayern, im Norden Deutschlands, in Franken und Baden-Württemberg gewesen (spricht jetzt deutsch), und ich kann auch ein bisschen Deutsch.

Sie arbeiten seit einigen Jahren in New York im Investmentgeschäft. Welche Eindrücke haben Sie von Frankfurt?

Wenn ich nach Frankfurt komme, dann wegen des Geschäfts. Ich gehe dann direkt ins Zentrum und ins Bankenviertel. Vor zwei Jahren war ich in Offenbach, um an einem Familientreffen der Merzbachs teilzunehmen. Etwa 60 Cousinen und Cousins aus der ganzen Welt haben an diesem Treffen teilgenommen. Damals ist ein Platz unweit des ehemaligen Schlachthofes nach Siegmund Merzbach benannt worden. Ich habe ein paar recht entspannte Tage in Offenbach verbracht. Ich hatte kurz Gelegenheit, die Nachbarstadt Frankfurts zu besuchen und war beeindruckt von den historischen Gebäuden und der Synagoge, die ich gesehen und in der ich gebetet habe. Die Familie Merzbach ist 2007 vom Offenbacher Bürgermeister Horst Schneider geehrt worden. Wir hatten ein volles Besuchsprogramm und trafen sogar eine Frau, die ein Konto bei der Merzbach-Bank gehabt hat.

Haben Sie darüber hinaus noch Verbindungen zu Offenbach oder Frankfurt?

Ich habe den Ort besucht, wo meine Vorfahren gelebt und gearbeitet haben. Aber abgesehen davon gibt es heute keine weiteren Verbindungen zu Offenbach.

Ist der Gründer des Bankhauses Merzbach ein Vorfahre?

Ja, ich bin ein Nachfahre Siegmund Merzbachs in der siebten Generation.

Das Bankhaus Merzbach hat die erste elektrische Straßenbahn Deutschlands im Vollbetrieb finanziert, eine der ersten auch weltweit. Wie wichtig ist dieses Ereignis für Sie?

Es ist phantastisch. Die Bank war ja sehr konservativ in ihrer Geschäftspolitik, und dennoch hat sie eine neue Technik finanziert, die zu dieser Zeit kaum erprobt gewesen ist. Deshalb sagt es viel aus über meine Vorfahren, ein solche Entwicklung aufzunehmen und zu unterstützen.

Welche Kenntnis haben Sie von Ihren Vorfahren in Offenbach?

Wir sind Juden und unsere Familiengeschichte reicht zurück bis nach Fürth ins 15. Jahrhundert.

Wann kamen die Merzbachs nach Offenbach?

Wir kamen vor sehr langer Zeit in die Region Rhein-Main. Die Bank wurde in der Zeit des Zollvereines Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts gegründet. Offenbach war damals ein bedeutenderer Platz für Messen und Handel geworden, namentlich für Leder und Chemie. Damals kamen eine Menge Händler in die Stadt. In dieser Zeit gab es viele unterschiedliche Staaten und Städte, wer von einem Land ins andere ging, musste sein Geld umtauschen. Einer meiner Vorfahren ging zu den Rothschilds in Frankfurt und erzählte ihnen von dieser Stadt, wo es gut sei, ein Geschäft auf der Grundlage von Geldumtausch aufzubauen. Die Rothschilds unterstützten das neue Geschäft und finanzierten das Unternehmen. Diese Unterstützung war das Hochzeitsgeschenk für den Merzbach-Sohn. Dieser Sohn entwickelte das Haus S. Merzbach zu einer etablierten Bank, die über die Region Frankfurt/Rhein-Main hinaus vor allem in Frankreich und England Filialen aufgebaut hat. Aber alles kam zu einem abrupten Ende in the 1930er Jahren, als die Bank in Deutschland arisiert wurde und die Familie eine extrem schwierige Zeit erlebt hat. Bemerkenswerterweise ist die Familie wieder aufgeblüht und hat unter anderen einen weltweit bedeutenden Mathematiker und einen bekannten Cellisten hervorgebracht.

Siegmund Merzbach ist Gründer des Bankhauses Merzbach in Offenbach, das die erste elektrische Straßenbahn finanziert hat. Macht Sie das als Nachfahren stolz?

Ja, in der Tat, das ist wirklich eine Leistung. Die Familie hat aber auch in andere Risikogeschäfte investiert, etwa in das Kino der Gebrüder Pathé, Pioniere der Filmindusterie in Frankreich. Die Bank hat sich immer eine gute Reputation bewahrt. Ich bin auch Banker, ich finanziere ebenfalls Projekte und ich kenne die Schwierigkeiten, in neue Technologien zu investieren. Ich denke, jeder sollte stolz sein auf das, was meine Familie geleistet hat.

Soweit ich weiß, gibt es keine Straßenbahnen mehr in New York. Sind Sie schon mal mit einer Straßenbahn gefahren?

Ich habe solche Nahverkehrssystem genutzt, erst kürzlich in Köln. Kollegen von mir haben ein Straßenbahnsystem im französischen Rouen finanziert. Straßenbahnen sind sehr praktisch. Was New York angeht, liegen sie aber nicht ganz richtig. Ich kenne zwei Straßenbahnen im Gebiet von New York: Die Newark Rail und die Hudson Bergen Rail.

Investieren Sie als Merzbach-Gruppe auch heute noch in neue Technologien, abgesehen von Straßenbahnsystemen?

Merzbach Group ist nach wie vor in der vordersten Reihe bei der Finanzierung solcher Technologien, und wir versuchen, den Geist zu bewahren, der unsere Vorfahren angetrieben hat. 2002 haben wir entschieden, Projekte zu unterstützen, die dem Klimawandel entgegenwirken, etwa durch Beratung und Organisation von Projekten, mit denen die Emission von Treibhausgasen in den USA auf der Grundlage der Verpflichtungen des Kyoto-Protokolls reduziert werden.

Sie schätzen vermutlich, dass ein Mann wie Barack Obama Präsident geworden ist?

Ja, ich bin begierig zu sehen, wie seine Politik den Fortschritt in den USA, der in den vergangenen Jahren gemacht worden ist, ergänzen wird, vor allem jetzt, in diesem schwierigen ökonomischen Umfeld. Was Merzbach betrifft, schauen wir weiter darauf, welche Entwicklungen den Menschen helfen, besser zu leben, während wir an unserer konservativen Weise der Finanzierung festhalten werden.

Planen Sie nach Deutschland zu kommen wegen der Feierlichkeiten?

Ich hatte noch keine Pläne, bis Sie mich auf die Feierlichkeiten aufmerksam gemacht haben. Falls jemand zu dem Schluss kommt, dass jemand die Familie dabei vertreten sollte, würde ich mit meinen Cousins sprechen und sehen, wer die Familie bei diesem bemerkenswerten Anlass vertreten könnte.

Interview und Übersetzung:

Jürgen Schultheis

Datum:  17 | 2 | 2009
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