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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

17. August 2015

Interview zu Demenz: „Mehr Mut, einfach zu helfen“

 Von 
Brigitte Harth (57) ist Diplom-Psychologin und -Gerontologin. Sie gibt freiberuflich Schulungen und Seminare zu h Kommunikation und Demenz. Die Vorsitzende der Alzheimer-Gesellschaft Hessen hatte selbst zwei Demenzfälle in der Familie.  Foto: Privat

Die Psychologin Brigitte Harth über den Umgang mit Dementen im Alltag.

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Ein an Demenz erkrankter Mann wird beim Ladendiebstahl erwischt und angezeigt. Passiert das häufiger?
Das passiert gelegentlich. So wie andere Sachen, die eigentlich nicht passieren sollten. Etwa dass Zeitschriftenabonnements verkauft werden, obwohl offensichtlich ist, dass der Kunde nicht genau den Überblick hat.

Liegt das daran, dass Demenzkranke nicht mehr, so wie früher, hinter verschlossenen Türen gehalten werden?
Doch. Das passiert immer noch. Die Scham ist unglaublich groß. In unserer Gesellschaft ist das ja mit das Schlimmste, was einem passieren kann. Dass wir unserer Sinne nicht mehr wirklich mächtig sind. Es gibt immer noch eine Tendenz zur Isolierung. Obwohl man sagen muss, raus, raus, raus mit den Leuten.

Und dann passiert es, dass sie auch mal Blödsinn machen?
Oh ja.

Ist das nicht schwer für Mitarbeiter eines Supermarkts, dann angemessen zu reagieren?
Es ist klar, dass die Alarmglocken läuten, wenn jemand im Supermarkt etwas in die Tasche steckt. Die Mitarbeiter haben ja auch ihre Vorschriften. Wenn sie die nicht befolgen, sind sie selbst dran. Aber es gibt ja ein Danach, wenn man mit dem Erwischten redet.

Selbst im Gespräch ist es nicht immer einfach, die Erkrankung zu erkennen, oder?
Wenn jemand richtig demenzkrank ist, dann sieht das auch die Verkäuferin, die keine Erfahrung im Umgang mit einem erkrankten Verwandten hat. Das schwierigste ist die Anfangsphase, in der Demenzkranke ihre Krankheit unheimlich gut verstecken. Die einfach sauer werden, wenn sie angesprochen werden, unflätig reagieren. Die auch auf Nachfrage verdecken, dass etwas nicht stimmt. Das ist eine sehr schwierige Situation für das Personal.

Sie schulen Polizisten in Darmstadt. Was lernen die Beamten?
Was die Krankheit beinhaltet, was sie für Symptome zeigt. Worauf ich achten muss, wenn ich mit einem Menschen zu tun habe von dem ich glaube, dass er dement ist.

Wann braucht die Polizei dieses Wissen?
Meistens ist sie mit Demenz konfrontiert, wenn jemand an der Straßenecke steht und nicht mehr weiß, wohin. Dann holt ein aufmerksamer Passant die Polizei und dann nehmen die ihn mit aufs Revier. Da ist der Druck nicht so groß wie in dem Fall mit dem Ladendiebstahl.

Was raten Sie den Polizisten, wenn es um eine Anzeige wegen Ladendiebstahls geht?
Es gelten die üblichen Regeln. Wenn jemand sehr aufgeregt ist und aggressiv wird, ist es immer das Beste, zu deeskalieren. Ganz ruhig zu bleiben. Erstmal zu verstehen, warum jemand aus der Façon gerät. Je größer der Druck ist, desto verzweifelter sind die Menschen. Gerade am Anfang der Krankheit sind sie dann häufig aggressiv. Also erstmal Druck rausnehmen, freundlich nachfragen, ob man jemand benachrichtigen soll. Das ist ja in jedem Fall hilfreich.

Sie schulen im Kreis Groß Gerau auch Empfangsmitarbeiter vom Landratsamt und den Rathäusern. Was ist das Ziel?
Den Umgang mit einem Demenzkranken zu lernen. Wenn er zum Beispiel vor einem steht und plötzlich nicht mehr so genau weiß, was er will. Mit Zeit, Geduld, Einfühlungsvermögen kommt man in der Regel ein ganzes Stück weiter. Dann kehrt das Gedächtnis wieder zurück. Wir kennen das ja von uns selber, dass wir Sachen vergessen, wenn wir unter Druck stehen.

Das sagt sich einfach. Aber an einem hektischen Tag, wenn die Schlange vor dem Empfangsschalter immer länger wird ...
Ja. Da ist mitunter auch richtig der Bär los. Das muss man auch ein Stück üben, den Blick dafür bekommen.

Davon profitieren ja nicht nur Demenzkranke sondern alle, die nicht so hoppladihopp funktionieren.
Auf jeden Fall. Auch ein 30-Jähriger, der unter Depression leidet, hat deutlich kognitive Einbußen. Er ist nicht so leistungsfähig, kann sich nicht so gut konzentrieren, bringt Sachen nicht mehr so auf den Punkt. Schon bei leichten depressiven Stimmungen kommt es vor, dass man Sachen vergisst, plötzlich irgendwo steht und nicht mehr weiß, was man wollte.

Also alle alten Menschen?
Nicht nur die. Alle, nicht so ganz rund laufen und hochleistungsfähig sind. Manchmal stehe ich an der Aldikasse und frage mich, ob ich dieses Tempo in 20 Jahren noch mitmachen kann. Es geht um alle, die etwas mehr Zeit und Ruhe brauchen. Etwas weniger Druck. Es muss ja alles schnell gehen, alles ist auf Effektivität ausgerichtet. Das ist kontraproduktiv im Umgang mit Menschen mit kognitiven Einschränkungen.

Als Versuchsballon haben Sie jetzt bei der Bäckerinnung angeklopft und bei der Friseurinnung. Mit welchem Ergebnis?
Das Interesse ist da. Die Frage ist, ob die einzelnen Mitarbeiter Zeit und Lust haben, zu so einer Schulung zu gehen. Das ist nicht so ganz einfach.

Wieso gerade diese Berufsgruppen?
Friseure sind erstaunlich oft betroffen und im Umgang mit Menschen mit Demenz ganz gut. Sie sind sehr kundenorientiert, müssen genau hinschauen, was jemand möchte. Das ist beim Brötchenverkauf nicht ganz so, es sei denn man kennt jemanden sehr gut. Beim Friseur ist der Kontakt zum Kunden oft erstaunlich. Oft sind es Stammkunden. Trotzdem kann es passieren, dass die Kundin plötzlich vom Stuhl aufsteht und sagt, nein ich will das nicht.

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Was wünschen Sie sich von der alternden Gesellschaft?
Dass es mehr Mut gibt, einfach zu helfen. Etwa wenn jemand im Supermarkt durch die Gänge irrt, weil er etwas nicht findet. Gerade in der Stadt leben wir in einer sehr anonymen Gesellschaft. Aber es ist schon besser geworden. Es wäre schön, wenn es eine Atmosphäre der Hilfsbereitschaft gibt.

Interview: Jutta Rippegather

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