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19. März 2010

Interview zu Rollenklischees: Sie spült, er schraubt

Dass so viele Paare gemeinsam über Mario Barth lachen, findet Kai-Olaf Maiwald überhaupt nicht bedenklich.Foto: Christoph Boeckheler

Die Abkehr von der bürgerlichen Rollenaufteilung ist vollzogen, daran gibt es nichts zu rütteln. Aber dass sich Rollenklischees halten, hat für Soziologe Kai-Olaf Maiwald nichts mit einem Scheitern des Feminismus zu tun.

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Zur Person

Kai-Olaf Maiwald (46) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Familiensoziologie, Geschlechtersoziologie, Professionssoziologie, Rechtssoziologie und Biographieforschung am Frankfurter Institut für Sozialforschung.

Derzeit forscht Maiwald zu "Gleichheitsanspruch und Geschlechterdifferenzen in der Eltern-Kind-Beziehung: die Praxis normativer Ordnungen." (lem)

Herr Maiwald, ein häufiger Vorwurf an Paare, die heute zwischen 25 und 35 Jahre alt sind, lautet: Sie sind spießig und orientieren sich im Rollenverhalten eher an ihren Großeltern als an ihren Eltern. Ist der Feminismus gescheitert?

Nein, im Gegenteil.

Geheiratet wird klassisch, man lacht gemeinsam über Comedy-Shows wie Caveman, in denen Frauen- und Männerklischees in der Steinzeit verwurzelt sind. Sehen Sie das nicht als ein Zeichen von Re-Traditionalisierung?

Nein. So einfach ist es nicht. Die allgemein anerkannte Abkehr von der bürgerlichen Rollenaufteilung ist vollzogen, daran gibt es nichts zu rütteln. Paare müssen sich heute Haus- und Familienarbeit teilen und beide sind gesellschaftlich aufgefordert, sich im Berufsleben zu verwirklichen. Dass man über Comedy-Formate lacht, in denen Frauen nicht einparken können und Männer ihre Socken rumliegen lassen, ist kein Gegenbeweis. Ein humoristischer Überbau bedeutet nicht, dass die Leute wirklich an Rollenklischees glauben und sie leben. Es ist wohl einfacher, Differenzen im Zusammenleben auf Geschlechtsunterschiede zurückzuführen. Sie sind dann nicht so brisant wie Unterschiede zwischen den Individuen.

Trotzdem sieht die Realität oft anders aus. Spätestens, wenn das erste Kind da ist, ziehen sich auch viele gut ausgebildete Frauen zeitweise oder sogar ganz aus dem Berufsleben zurück - zum Entsetzen vieler Feministinnen.

Das ist richtig. Und es ist eine offene Frage, warum das so ist. Das Argument "Er verdient eben mehr" halte ich in der Regel für vorgeschoben. Man muss dabei berücksichtigen: Viele Männer ziehen trotz Elterngeld die Möglichkeit einer Auszeit nicht einmal in Betracht. Das heißt aber auch, dass diese Frage in der Paarbeziehung kein Thema war, schließt also die Frauen mit ein. Auf jeden Fall ist die Geburt des ersten Kindes eine Zäsur. Manche Forscher sagen, da wird der Mutterinstinkt der Frau aktiviert, sie erkennt eine neue Seite an sich und die Berufs-Orientierung wird schwächer.

Eine gewagte These.

Sie ist gewagt, denn sie ist sehr voraussetzungsvoll. Ich halte es für naheliegender, die Arbeitsteilung in Paarbeziehungen als Ergebnis von Entscheidungsproblemen zu verstehen: Wer macht was wann und wie? Die Frage ist dann, warum die Entscheidung - die nicht unbedingt bewusst sein muss - so und nicht anders ausfiel. Dabei spielt eine Rolle, dass wir in einer Übergangsphase leben, Reste der bürgerlichen Rollenerwartung tragen viele noch mit sich herum.

Warum treten diese Reste ausgerechnet dann zu Tage, wenn das Kind kommt - auch bei Partnern, die vorher beide mit Elan Vollzeit gearbeitet haben?

Vielleicht der einzige Punkt, an dem tatsächlich noch eine feste gesellschaftliche Norm gilt, ist der: Ein Neugeborenes gehört in der ersten Zeit zur Mutter. Nur wie lange das dauert, ob sechs Wochen, ein halbes Jahr, ein ganzes oder noch länger, das müssen die Paare selbst klären. Die Bedingung dafür ist, dass der Beruf des Partners in der Beziehung als gemeinsames Problem verstanden wird. Das ist allerdings oft nicht der Fall. Auch deshalb, weil der Beruf allgemein als hochgradig individuelle Angelegenheit verstanden wird.

Was raten Sie den Paaren?

Charakteristisch für die heutige Zeit ist: Was früher entweder eine bürgerliche Norm oder der Protest dagegen war, ist heute Verhandlungssache zwischen den Partnern. Man muss in viel mehr Bereichen Gemeinsamkeit herstellen. Das ist mühsam und nicht unbedingt leichter als früher.

Warum nicht?

Jedes Paar muss seinen eigenen Weg finden. Die Frage "Wer macht was wann und wie?" ist absolut zentral. Entsteht eine Asymmetrie in der Aufgabenverteilung, weist das häufig auf eine Asymmetrie der Beziehung an sich hin. Man muss sich die Grundlage der Arbeitsteilung wie eine Verfassung vorstellen, die für das jeweilige Paar gültig ist - aber keine gesellschaftliche Norm für andere darstellt. Das ist neu. Bei Feldforschungen habe ich auch mit einigen Paaren gesprochen, die in gewisser Weise ganz egalitär leben: Jeder wäscht nur seine eigene Wäsche, spült nur sein eigenes Geschirr.

Und das funktioniert?

Von außen betrachtet: ja. Man kann es aber auch so sehen: Wer so formalistisch handelt, drückt sich davor, diese Fragen wirklich zu klären. Das ist keine Lösung. Manche sagen sogar: Das ist keine Beziehung. Eine Beziehung ist nämlich immer ein Austarieren zwischen den Wünschen und Anforderungen von drei Parteien: Den beiden Partnern als Individuen und dem Paar. Wenn die Gesellschaft keine Rollen mehr vorgibt, muss man sie sich selber schaffen. Das ist harte Arbeit. Der normative Wandel, an dem die Frauenbewegung der 70er einen großen Anteil hatte, schuf den Rahmen, in dem individuelle Lebens- und Familienmodelle erst möglich wurden. Jetzt liegt es an den einzelnen Paaren, diese Freiheit auf ihre ganz eigene Weise zu definieren.

(Interview: Anne Lemhöfer)

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