Herr Köhnen, der traditionsreiche Suhrkamp-Verlag steht angeblich kurz vor dem Umzug nach Berlin, was sagen die 160 Beschäftigten?
Die Verunsicherung ist groß. Die Beschäftigten sind irritiert, dass sie keine Informationen bekommen. Es macht sich Frust breit.
Es gibt noch keinen Beschluss über einen Umzug des Suhrkamp-Verlages nach Berlin, betonte Verlags-Sprecherin Tanja Postischil am Freitagnachmittag. Es gelte, "das Ende der Vergleichsverhandlungen zwischen den Gesellschaftern abzuwarten."
Zu ihnen gehört mit 20 Prozent auch Joachim Unseld, der Sohn des verstorbenen jahrzehntelangen Verlegers Siegfried Unseld. Von ihm wird erwartet, dass er einer Verlagerung in die Bundeshauptstadt kritisch gegenübersteht.
Zum Stand der Verhandlungen sagte Postischil: "Man einigt sich gerade". Die Gewerkschaft verdi hält den Umzug für "länger geplant". Er diene dazu, einen Abbau von Arbeitsplätzen zu verdecken. Die linke und emanzipatorische Suhrkamp-Kultur werde so beschädigt.
Volker Köhnen ist Politikwissenschaftler und vertritt bei Verdi die Interessen von 13.000 hessischen Beschäftigten in Kunst, Kultur und Medien.
Derzeit betreut er den Betriebsrat von Suhrkamp.
Das Land Berlin hat Suhrkamp ein Angebot unterbreitet, das bezahlt werden soll aus Zuschüssen der Europäischen Union für strukturschwache Gebiete.
Das ist ein neoliberales Pokern um einen renommierten Verlag. Wenn das künftig so läuft in Deutschland, dann Gute Nacht.
Ist der Abbau von Arbeitsplätzen der wahre Grund des Umzugs?
Wir gehen davon aus, dass der Umzug schon länger geplant ist. Ich unterstelle der Verlagsspitze, dass es von Anfang an die Strategie war, Beschäftigung abzubauen. Man will mit dem Mäntelchen des Umzugs eine Verschlankung des Betriebs verdecken. Wenn sie das will, dann soll die Verlagsspitze es endlich zugeben. Die Informationspolitik der Verlagsleitung ist bisher unter aller Kanone. Die Kommunikationsstrategie ist eine Katastrophe. Die Beschäftigten müssten mit ins Boot geholt werden. Statt dessen gibt es eine Geheimnis-Politik des 17. Jahrhunderts.
Konnten Sie als Gewerkschaftsvertreter ein Gespräch mit Verlegerin Ulla Berkewicz führen?
Nein. Wir sind kalt erwischt worden. Aber wir werden versuchen, schnellstmöglich Kontakt herzustellen.
Ist der Arbeitsplatzabbau typisch für die Buchverlage, Frankfurt ist ja ein großer Verlagsstandort?
Der Wettbewerb unter den Städten und Bundesländern wird immer schärfer. Immer mehr Verlagsleitungen denken vor allem betriebswirtschaftlich: Wo finden wir die günstigsten Produktionsbedingungen? Das ist leider so. Dieses Hüpfen von Ort zu Ort muss unbedingt aufhören. Denn es kostet immer Arbeitsplätze.
Was bedeutet der Umzug Suhrkamps kulturpolitisch?
Da geht eine Ikone flöten. Suhrkamp ist eine kulturelle Institution, die jahrzehntelang den Diskurs in der Bundesrepublik entscheidend mitgeprägt hat. Wenn sich die Verlagsszene immer mehr in Berlin konzentriert, dann ist das nicht im Sinne des föderalen Aufbaus der Bundesrepublik.
Wie passt das Geschehen zur berühmten Suhrkamp-Kultur?
Wenn ich als Verlag wie Suhrkamp seit Jahrzehnten eine emanzipatorische, linke, freiheitliche Tradition habe, dann aber aus bloßen Kostengründen den Ort wechsele, ist das ein eklatanter Widerspruch.
Ist das nicht der Beleg dafür, dass die Suhrkamp-Kultur nicht mehr existiert?
Wenn der Umzug jetzt stattfindet, bringt er starke Risse in der Suhrkamp-Kultur. Da wird eine Kultur beschädigt.
Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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