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Islam und Gewalt: "Eigentlich bin ich friedlich"

Muslim, Macho, religiös, gewaltbereit - mit dieser plakativen Formel befeuert die Pfeiffer-Studie die Integrationsdebatte. Was junge Muslime in Offenbach zum Thema Islam und Gewalt sagen, hat Maurice Farrouh aufgezeichnet.

Es kommt auf die Persönlichkeit an, nicht auf die Religion, meint der 18-jährige Ismail.
"Es kommt auf die Persönlichkeit an, nicht auf die Religion", meint der 18-jährige Ismail.
Foto: Joachim Storch

Es ist später Nachmittag, nicht viel los im Offenbacher Jugendzentrum Nordend. Auf der zerschlissenen Stoffcouch sitzen drei Jungs - zwölf, 13 Jahre alt - und gucken Fußball. Leise tröten die Vuvuzelas aus den Lautsprechern. An der Wand fletscht ein in Graffiti gemalter Pitbull die Zähne. "Anormal Nordend" steht darunter geschrieben.

Ali hat nicht viel Zeit. Nur kurz vorbeischauen, ein paar alte Freunde begrüßen. Von der Pfeiffer-Studie, die jungen männlichen Muslimen überdurchschnittliche Gewaltbereitschaft bescheinigt, hat er noch nichts gehört. Aber dass in Holland Politiker Kopftücher verbieten wollen. Beides ärgert ihn. "Wir haben doch Gleichberechtigung oder nicht? Alle Religionen sind doch gleich." Dass muslimische Jugendliche eher zu Gewalt neigen sollen als andere, wie es die Wissenschaftler in ihrer Studie feststellen, findet der 18-Jährige nicht einleuchtend. "Das hat doch nichts mit Religion zu tun." Aber es überrascht ihn nicht, dass jetzt darüber diskutiert wird.

Die Studie

Religion, Integration und Delinquenz junger Menschen in Deutschland heißt eine neue Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen unter Leitung von Direktor Christian Pfeiffer.

Ein Fazit der Untersuchung, für die rund 45.000 Jugendliche befragt wurden: Je religiöser muslimische junge Männer sind, desto schlechter integriert und desto gewaltbereiter sind sie. Am stärksten ausgeprägt sei dies bei türkischstämmigen Jugendlichen.

Die Ursachen vermuten die Autoren im Einfluss der Imame. Diese seien oft nur begrenzte Zeit in Deutschland und könnten "keine konstruktiv positive Beziehung zu unserer Kultur" entwickeln.

Der Rückzug der Jugendlichen in einen konservativen Islam mit gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen sei die Folge dieser Religionserziehung durch die Imame.

Im Internet kann die Studie heruntergeladen werden: www.kfn.de (mf)

"Wir Schwarzköpfe stehen doch immer unter Verdacht", sagt Ali und fährt sich mit der Hand über den Millimeter kurzen Haarstreifen, der sich über seinen ansonsten kahl rasierten Schädel zieht. "Die Polizei hat es auf uns abgesehen. Ständig werden wir kontrolliert und wie Schwerverbrecher behandelt." Erst gestern sei er wieder angehalten worden, erzählt er. Erst als die Beamten die Seriennummern seines Fahrrads und seines Mobiltelefons überprüft hatten, durfte er gehen.

Auch Ismail findet die Diskussion über Islam und Gewalt bei Jugendlichen unpassend. "Es kommt auf die Persönlichkeit an, nicht auf die Religion", meint der 18-Jährige. "Ich sag´s ganz ehrlich: es sind wirklich überwiegend ausländische Mitbürger - oder wie man sie nennen soll - die kriminell und gewalttätig sind." Das liege aber an der Erziehung und am Freundeskreis. Auch Ismail schlägt sich regelmäßig - allerdings nur im Ring, beim Boxclub Nordend. Das sozialpädagogisch betreute Projekt, in dem sich die Jugendlichen zu Gewaltfreiheit außerhalb des Rings verpflichten, hat schon viele Preise gewonnen.

"Wir müssen den Jugendlichen etwas bieten, damit sie sich auf positive Weise Respekt verschaffen können", sagt Wolfgang Malik, Sozialarbeiter im JUZ und Chef des Boxprojekts. Gewalt sei nicht mit dem Islam verknüpft, sondern mit fehlender Anerkennung. Allerdings auch mit patriarchalischen Traditionen. "Viele Jungs haben ein völlig überzogenes Männerbild. Sie wollen die Kings sein." Gleichzeitig merkten viele, dass sie mit schlechtem Abschluss und ohne Job ihren Ansprüchen als Familienoberhaupt und Versorger nicht gerecht werden können.

Gefühlte Außenseiter

"Viele Migrantenkinder haben es in der Schule schwerer, weil die Eltern nicht richtig deutsch sprechen und ihnen nicht helfen können", sagt Ismail. "Die schieben von klein auf einen großen Frust. Wenn denen einer ´nen Spruch bringt, gehen die gleich drauf." Sprachprobleme hat von den Jungs im JUZ Nordend keiner. Alle sind hier geboren, fast alle haben deutsche Pässe. Wenn Ali gefragt wird, wo seine Wurzeln liegen, sagt er "in Frankfurt". Trotzdem fühlen sie sich oft als Außenseiter. "Hier im Viertel nicht, da gibt's ja fast nur Ausländer", sagt Halim (14). "Aber wenn man in die schöneren Gegenden geht, da sieht das dann anders aus."

Alle Jungs in der Clique sind religiös. Manche, wie Ismail, gehen nur freitags in die Moschee. Andere, wie Halim, sagen, sie beten fünf Mal am Tag. "Die Religiosität der jungen Leute nimmt stark zu", sagt Sozialarbeiter Malik. "Religion gibt ihnen Halt, wo sonst nichts ist." Daher sei der Dialog mit muslimischen Gemeinden und Imamen sehr wichtig. "Die Imame sind Respektspersonen und haben Einfluss." Dem Urteil der Autoren der Studie, dass die Gewaltbereitschaft junger Muslime besonders auf den Einfluss konservativer Imame zurückzuführen sei, will er sich aber nicht anschließen. "Da muss man differenzieren. Es gibt nicht ,die Imame´ oder ,die Muslime´".

Mit zwölf die erste Anzeige

Auf die Frage, ob ihnen ihr Glaube nicht Gewalt verbiete, zucken die Jungs nur die Schultern. "Doppelmoral", sagt Malik. Halim war zwölf, als er seine erste Anzeige bekam. Körperverletzung. "Das war eigentlich Notwehr", sagt der zierliche Schüler mit dem kantig ausrasierten Haaransatz. Ein älterer Junge habe ihn auf dem Schulhof angegriffen. "Da habe ich mich gewehrt." Zwei Freunde waren auch noch dabei, die mit "draufgegangen" sind. Zusammen haben sie dem Kontrahenten die Nase gebrochen und die Augen blau geschlagen. Seitdem haben Halim und seine Kumpels immer mal wieder Ärger mit der Polizei gehabt. "Ich bin eigentlich ein friedlicher Typ. Aber ich wehre mich auch", sagt Halim.

Man müsse vorsichtig sein in Offenbachs City, sagt Ismail. "Das ist eine Ecke, ein Loch." Sozialarbeiter Malik, der schon seit Jahrzehnten im Stadtteil in der Jugendarbeit tätig ist, sieht das anders. "Das Nordend drohte einmal zu kippen. Heute ist es hier relativ ruhig." Die jungen Leute stellten das gerne anders dar. "Sie pflegen ihr Ghetto-Image."

Malik und die anderen Sozialarbeiter und Pädagogen im JUZ versuchen, den Jugendlichen Perspektiven aufzuzeigen. Bei Ali hat das geklappt. "Ich will keinen Ärger. Bildung und ein guter Job ist alles, was zählt", sagt der arbeitslose 18-Jährige. Aber Malik weiß auch, dass nicht alle Jungs so sind wie Ali. "Einige gibt es, die erreicht man nicht. Da kann man nichts machen."

Autor:  Maurice Farrouh
Datum:  17 | 6 | 2010
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