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Islamunterricht in Hessen: "Viel ist nicht passiert"

Auch in Hessen soll es einen Islamunterricht an Schulen geben. Doch zuvor müssten sich die muslimischen Gemeinschaften mehr um Transparenz bemühen, kritisiert die Religionspädagogin Lamya Kaddor im FR-Interview.

Islamunterricht ist für junge Muslime ein Stück Identität.
Islamunterricht ist für junge Muslime ein Stück Identität.
Foto: ddp

Frau Kaddor, wie lange hat es in Nordrhein-Westfalen gedauert, bis der Modellversuch Islamkunde in deutscher Sprache an 140 Schulen starten konnte?

Der so genannte Schulversuch wurde 1999 eingeführt. Das ist eine lange Zeit, aber trotzdem beschränkt er sich auch nach zehn Jahren noch auf 140 Schulen.

Zur Person

Lamya Kaddor ist 30 Jahre alt, Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin und Buchautorin. Die Tochter syrischer Eltern bildete vier Jahre lang an der Universität Münster islamische Religionslehrer aus. Außerdem erteilt sie seit 2003 an einer Schule in Dinslaken "Islamkunde in deutscher Sprache" im Rahmen des nordrhein-westfälischen Schulversuchs. Sie gehört zu den muslimischen Sprechern für das muslimische Wort im ZDF.

Zu ihren bekanntesten Publikationen zählt der "Ks Bucoran für Kinder und Erwachsene" und das erste deutschsprachige Schulbuch für einen Islamischen Religionsunterricht "Saphir". Ihr neues Werk "Muslimisch-Weiblich-Deutsch" erscheint im Herbst.

Da hat es aber doch einen Vorlauf gegeben?

Da gab es zunächst "die Islamische Unterweisung" im Rahmen des muttersprachlichen Ergänzungsunterrichts, der schon in den 80er Jahren eingeführt wurde.

Wie wurde die Frage der Ansprechpartner auf muslimischer Seite geregelt?

Eben gar nicht. Deshalb hat man sich ja dann entschieden, "Islamkunde" oder "Islamische Unterweisung" in deutscher Sprache, wie das damals noch hieß, einzuführen. So hat man das Problem eines festen Ansprechpartners umschifft.

Dieses Problem ist also auch in Nordrhein-Westfalen noch nicht gelöst?

Ganz genau. Wie in jedem anderen Bundesland auch - bis auf Berlin, dort hat sich die Islamische Föderation das Recht gerichtlich erstritten.

Bei einem Podiumsgespräch im hiesigen Haus am Dom haben Sie kürzlich gesagt, der Islam müsse, damit ein islamischer Religionsunterricht möglich wird, kirchenähnliche Strukturen bilden, ohne selbst Kirche zu werden. Wie meinen Sie das denn konkret?

Zunächst bedeutet das, dass man Klarheit und Transparenz schafft, was die Mitgliedszahlen angeht, und Auskunft darüber gibt, wer sich hinter den Zahlen verbirgt. Auch Informationen über Untergruppen sind wichtig. Bei manchen kann man sich bis heute nicht wirklich sicher sein, was deren Ziele eigentlich sind, wo sie sich verorten und wie sie sich finanzieren, ob es ihnen um religiöse Inhalte geht oder um politische Ansprüche. Selbst der KRM (Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland, d.Red.) hat nach meinem Kenntnisstand bis heute keine Satzung.

Ein Ansprechpartner für alle verschiedenen muslimischen Strömungen - ist das nicht eine unlösbare Aufgabe?

Ja, eben. Darüber muss sich jedes Bundesland im Klaren sein, dass es kaum möglich sein wird, alle Muslime zusammenzufassen und mit einer Stimme sprechen zu lassen. Wogegen sich die Mehrheit der Muslime ja eigentlich auch mit Recht wehrt, weil das in den Fundamenten des Islam so gar nicht angelegt ist. Ein Mindestmaß an transparenten Strukturen muss man aber erwarten. Wenn man einen KRM gründet, dann müssen dessen Aufgaben und Ziele klar definiert sein.

Es gibt also auch noch Hausaufgaben, die von muslimischer Seite zu erledigen sind?

Definitiv. Es muss sowohl auf Seiten der Verbände als auch der Politik endlich Schluss sein mit den ewigen Lippenbekenntnissen. Seit Jahren heißt es bloß: Ja, ja, der islamische Unterricht kommt. Aber passiert ist nicht viel. Für gangbar halte ich beispielsweise den Weg eines ‚Runden Tischs' für jedes Bundesland, an dem neben den Verbänden auch Privatpersonen Platz nehmen können, Islamwissenschaftler, Religionspädagogen, interessierte Bürger … Dort könnte ein Curriculum für den Unterricht entwickelt werden. Dieser Gedanke, solche Gremien als Ansprechpartner zu nutzen, wird meines Erachtens zu wenig verfolgt.

Stattdessen sind Gruppierungen wie beispielsweise die Islamische Religionsgemeinschaft Hessen von der Politik angezweifelt und vom Verfassungsschutz beobachtet worden.

Vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden, bedeutet ja noch lange keine sicherheitspolitische Bedrohung. Aber nichtsdestotrotz müsste man dem mal auf den Grund gehen. Es muss ja Anhaltspunkte geben für die Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Die sollte man finden und überlegen, wie man sie aus dem Weg räumen kann.

Jenseits der Rechtsfrage, so haben sie gesagt, gibt es eine Notwendigkeit für islamischen Religionsunterricht. Warum?

Ich begründe das als Religionspädagogin, nicht theologisch. Religion ist Teil des Bildungskanons, gehört also auf den Stundenplan. Kinder haben oft keine Möglichkeit, religiöse Bildung mitzubekommen. Sie erfahren Religion im Elternhaus, wo die Glaubensvermittlung häufig sehr kulturell geprägt ist, und in den Moscheen. Dort geht es vor allem darum, den Ritus zu lernen, Koranverse und Arabisch. Das ist auch gut so, es fehlt aber ein Baustein, der die Inhalte des Islam in deutscher Sprache vermittelt. Das ist zum Beispiel wichtig für die Identitätsfindung der Jugendlichen. Sie lernen, muslimische Traditionen von den Inhalten zu unterscheiden. Wenn man diese Verortung hat, dann wird es auch leichter, anders denkenden Menschen zu begegnen.

Wenn Jugendliche, wie Sie es geschildert haben, sagen, sie seien nicht Deutsche oder Türken, sondern Muslime - missbrauchen die nicht die Religion als Protestmittel gegen eine als feindlich empfundene Umwelt?

Das mag es geben. Wobei ich ihnen nicht unterstellen würde, dass sie nicht Muslime sind. Die Religion ist für sie eine Option zur Identitätsfindung. Wenn die Mehrheitsgesellschaft ihnen kein Zugehörigkeitsgefühl vermittelt, das Herkunftsland aber auch nicht, dann versucht sie momentan eben über die Religion herausfinden, wer sie eigentlich sind.

Interview: Martin Müller-Bialon

Datum:  16 | 3 | 2009
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