Wenn Janine Ort am morgigen Sonntag auf den Startschuss wartet, wird sie mit den Gedanken bei ihrem Vater sein. Auch wenn die 21,0975 Kilometer ihre volle Konzentration fordern werden. Denn nur seinetwegen tritt die 28-Jährige beim Frankfurter Halbmarathon an. Janine Ort möchte mit ihrem Lauf auf die Krankheit ihres Vaters aufmerksam machen. Sie erhofft sich Hilfe - welcher Art auch immer.
Georg Ort, ihr Vater, leidet unter Amyotropher Lateralsklerose (ALS). Im April 2009 diagnostizierten Ärzte bei ihm die seltene degenerative Erkrankung des Nervensystems. Inzwischen sind Arme und Beine des 58-jährigen Schweinfurters gelähmt, er ist an den Rollstuhl gebunden. "Meine Mutter hat ihren Job an den Nagel gehängt und kümmert sich jetzt Vollzeit um ihn", sagt Janine Ort. Geistig sei ihr Vater vollkommen fit. Den Körper dagegen könne er nicht bewegen, "er ist einfach hilflos". Ein Neurologe habe gesagt, je nach Verlauf habe ihr Vater noch ein bis vier Jahre zu leben.
Erschwerend komme hinzu, dass nicht alle Ärzte von ALS ausgehen. Da ihr Vater im Herbst 2008 von einer Zecke gebissen wurde, könne er auch unter Borreliose leiden, die ähnliche Symptome zeige. Doch obwohl beide Krankheiten bekämpft wurden, habe keine Behandlung angeschlagen.
Ihr Vater habe inzwischen resigniert, "er möchte nicht mehr", sagt die 28-Jährige. Ursprünglich sei er gerne in der Natur gewesen, "er war ein Radfahrer und Wanderer". Inzwischen wolle er kaum mehr das Haus verlassen, "er schämt sich", sagt Janine Ort. Schweinfurt sei klein, "da kennt jeder jeden". Die Familie aber möchte nicht aufgeben.
Janine Ort hofft, durch den Halbmarathon Kontakt zu anderen Betroffenen herzustellen, "und gegebenenfalls kennt jemand alternative Therapien". Von der Krankenkasse gebe es nur wenig Unterstützung. Auf ein Wunder hoffe sie nicht, "wir sind nicht naiv". Doch wolle sie keine Möglichkeit unversucht lassen: "Vielleicht gibt es etwas, was meinem Vater hilft - oder meiner Mutter das Leben erleichtert." Denn auch um finanzielle Hilfe, um etwa die Wohnung der Eltern barrierefrei umzubauen, bittet Ort.
Um ihre Eltern besser unterstützen zu können, zog Ort im vergangenen Herbst zurück nach Deutschland. Die fünf Jahre zuvor hatte sie in England gelebt. Ihre Wahl fiel auf Frankfurt. Als Unternehmensberaterin sei sie unter der Woche viel unterwegs, häufig mit dem Flugzeug. Von Schweinfurt aus sei das nicht zu bewältigen. Und da sie nicht wisse, ob sie für ihre Eltern einmal finanziell einspringen müsse, habe sie ihren Job nicht gefährden wollen.
In Großbritannien kam ihr auch die Idee, für ihren Vater am Halbmarathon zu starten. "Als Hobbyläuferin habe ich die Voraussetzungen." Da sie jedoch vorher nie mehr als zehn Kilometer gejoggt ist, begann sie zu trainieren. Viermal die Woche lief sie, ihre Ernährung hat sie verstärkt auf Kohlenhydrate umgestellt. Janine Ort rechnet damit, nach etwa zweieinhalb Stunden wieder im Stadion zu sein. Doch auf die Zeit kommt es ihr nicht an: "Ich laufe nicht für mich."
Für den Halbmarathon hat sie sich ein T-Shirt drucken lassen. "For Dad" prangt auf der Vorderseite. Hinten ist "I´ll always be your biggest fan" zu lesen - und ein Foto von Vater und Tochter zu sehen. Erst am Donnerstag hat sie ihrem Vater von ihrer Idee berichtet, für ihn anzutreten. "Er war zu Tränen gerührt und hat sich bei mir bedankt." Kontakt: janineort@googlemail.com

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