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Juden der Sowjetunion: Die neuen Bürger

Sie kamen aus der aufgelösten und unsicheren Siegernation in das besiegte und dann neu erstandene Deutschland auf der Suche nach Heimat. Eine Ausstellung spiegelt die Geschichte der jüdischen Einwanderer. Von Claudia Michels

Ein Bild aus der Schau: Hochdekorierte ehemalige Kämpfer der Roten Armee - hier an der Berliner Neuen Wache.
Ein Bild aus der Schau: Hochdekorierte ehemalige Kämpfer der Roten Armee - hier an der Berliner Neuen Wache.
Foto: Florian Willnauer

Als Polina sich 1998 in St. Petersburg auf den Weg macht, hat sie ein winziges Spickzettelchen eingesteckt. Ziemlich mitgenommen liegen Polinas wichtigste Vokabeln für die Zukunft nun in Frankfurt am Main, in einer Ausstellungsvitrine.

"Bahnhof" hat sie sich mit dem Bleistift aufgeschrieben. Drunter steht "Kranksein". Auch "Eingang" hat sie notiert und das russische Wort dafür daneben gesetzt. Ganz unten auf dem zerknüllten Merkblatt der Russin, von den Museumsleuten als Anschauungsobjekt geglättet, steht "Mark gegen Rubel weckseln".

Mit Menschen wie Polina aus Petersburg lebt jüdisches Leben in Deutschland wieder auf, berichtet diese neue Ausstellung im Jüdischen Museum. Allein die Zahlen legen das schon nahe. Von den rund 112000 Mitgliedern der deutschen Jüdischen Gemeinden seien 80000 Eingewanderte aus den Ländern der früheren Sowjetunion, hieß es am Donnerstag zur Eröffnung. Was also wäre gewesen, ohne sie?

Sie sind da, die Menschen, mit der Nationalität "Volksjude" in den Pässen. Das Jüdische Museum prägt für ihre Existenz einen zukunftsweisenden Begriff: Es stellt die gewachsene jüdische Gemeinschaft hoffnungsfroh als "Das deutsche Judentum 2" aus. Der Begriff findet sich beim Rundgang im letzten Raum, inmitten einer Installation aus schrägen, womöglich stürzenden Wänden. Ausstellungsmacher Dmitrij Belkin, der aus der Ukraine gekommen ist, setzt die nach Jahrzehnten des Abwartens endlich ausgepackten Koffer der aufnehmenden (deutschen) Juden bildhaft gegen die gleich nach der Ankunft geleerten (Ein-)Reisetaschen der einwandernden russischen Juden. Zum Beispiel die seiner Eltern, die ein paar Jahre nach ihm herkamen. Das Bild könnte für eine kindliche Hoffnung auf Wertschätzung stehen. An einer der mit Zitaten ausgestatteten Ausstellungswände findet sich eine Äußerung des "Schüler P.":

"Ich dachte, so was wie Antisemitismus gibt es nur bei uns. Meine Eltern haben gesagt, wir kommen jetzt in die Freiheit, Deutschland hat uns eingeladen In der Schule, da stehen immer Polizisten mit Pistolen vor der Tür und überall sind Gitter. Ich glaube, das ist wohl alles wegen dem Hass und weil die Leute das Judentum nicht verstehen."

Die Hoffnung aber steht über allem, auch über dieser Ausstellung. "Deutsches Judentum 2": Mit Präsident Gorbatschows Perestroika ist sie vor 25 Jahren gewachsen, so nimmt sein überlebensgroßes Porträt den Besucher auch gleich als erstes in den Blick. Ein Weltreich ging unter und Russinnen konnten endlich mit einer Handtasche rumlaufen, die als Reproduktion nach dem Otto-Katalog in der Vitrine liegt. Den zweiten Raum nehmen Video-Interviews politischer Beteiligter ein, etwa Lothar de Maizière, Wolfgang Schäuble oder Heinz Galinski. Dann richtet sich der Fokus auf Kurt Schatz, der im Deutschen Konsulat in Kiew über die Begehren von etwa 40 000 Ausreisewilligen entscheiden sollte, denen selber nicht klar war, was sie denn in einem Land ohne Religion als Juden auswies. Der Herr Schatz sollte eigenen Worten zufolge in dem Massenansturm klären "wer ein Anrecht darauf hat", Jude zu sein. So rettete sich der frühere DDR-Konsul in der Ukraine mit einem Appell zur Selbstfindung: "Da bin ich tatsächlich raus gegangen, hab´ mich in den Haufen gestellt und gerufen: ,Jüdische Bürger zu mir!´"

"Ausgerechnet Deutschland!" ist der Titel dieser Retrospektive. Welche Gründe es hätte geben können, Deutschland nicht zu wählen, erschließt sich nur am Rande. Vielleicht da, wo vom Entsetzen "vor diesen eingezäunten Lagern" die Rede ist, in die man zunächst "geraten war". Oder wo in gesprochenem Wort die rüde-bedrohlichen Schreiben deutscher Behörden vom Band laufen.

Diese Gruppe der neuen deutschen Judenheit, meinte Museumsdirektor Raphael Gross einleitend, nehme auch eine andere Perspektive auf die Geschichte, etwa den Holocaust, ein. Anders auch als der "Zentralrat der Juden in Deutschland" der sich mit dem Namen "nur unter Vorbehalt für anwesend" erkläre. Wie es Dieter Graumann ausdrückt, der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats: "Wir haben Opferstatus, sie sehen sich als Sieger." Und auch dazu, zum Sieg der Roten Armee über den deutschen Faschismus, liegt einiges in den Vitrinen.

Ausgerechnet Deutschland! Russisch-Jüdische Einwanderung in die Bundesrepublik. Jüdisches Museum, bis 25.Juli

Autor:  Claudia Michels
Datum:  12 | 3 | 2010
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