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24. Oktober 2012

Jugendkriminalität: "Man muss sie von Gefahren fernhalten"

Fünf Prozent jugendlicher Straftäter werden chronisch kriminell, sagt der Facharzt Remschmidt. Bild gestellt.Foto: dpa

Geschlossene Heime für kriminelle Jugendliche können helfen, sagt der Wissenschaft Helmut Remschmidt im Interview. Ende Oktober hält Remschmidt öffentlich einen Vortrag zu dem Thema.

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Nach 34 Jahren gibt es in Hessen wieder ein geschlossenes Kinderheim. Ein Rückschritt?
Nein, im Gegenteil. Wir mussten Kinder in andere Bundesländer exportieren. Es gibt eine kleine Zahl von Kindern und Jugendlichen, die aus allen Rudern laufen. Die von ihren Eltern nicht beherrscht werden können, von den Pflegeeltern nicht, und bei denen das Jugendamt machtlos ist. Die darf man nicht durch die Maschen fallen lassen. Deshalb muss es in jedem Bundesland eine kleine, sozialpädagogisch gut ausgestattete Einrichtung geben.

Zur Person

Helmut Remschmidt ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie Psychotherapeutische Medizin. Der emeritierte Professor war Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Marburg.

Der erfahrene Gerichtsgutachter erforscht seit den 70er-Jahren delinquentes Verhaltens im Kinder- und Jugendalter.

Was wird aus straffälligen Kindern? Diese Frage steht im Mittelpunkt einer öffentlichen Vortragsreihe am Mittwoch, 31. Oktober, in Marburg, bei der Remschmidt und andere Experten reden. Veranstalter ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik. Beginn ist um 15 Uhr, Veranstaltungsort der Hörsaal in der Rudolf-Bultmann-Straße 8.

Kritiker sprechen von Kinderknast.

Wer das sagt, hat solche Fälle nie erlebt. In Heimen können natürlich auch schlimme Dinge passieren, doch am häufigsten passieren sie in den Familien: körperliche und seelische Kindesmisshandlung und sexueller Missbrauch.

Und Wegsperren hilft?
Man muss Kinder vor manchen Dingen bewahren. Kleinkinder lässt man auch nicht an den heißen Ofen fassen. Es gibt eine kleine Zahl kindlicher Intensivtäter, bei denen man nur wartete, bis sie 14 Jahre alt sind und in U-Haft kommen können. In Hessen haben wir für unter 16-Jährige auch keine Ersatzmaßnahme für die U-Haft.

Können Sie die Folgen an einem Beispiel schildern?
Eine 14-Jährige läuft von Zuhause weg, wird von allen Heimen rausgeschmissen, weil sie aggressiv ist. Dem 30-Jährigen, mit dem sie schließlich zusammenlebt, haut sie im Streit ein Messer in den Rücken, er überlebt. Das Mädchen kam in die U-Haft mit 40-jährigen Drogenabhängigen. Wir müssen Kinder kindgemäß behandeln.

Was ist mit Erlebnispädagogik?
Diese Versuche sind weitgehend gescheitert. Erinnern Sie sich an den Jungen aus Hessen, der vor seinem 14. Lebensjahr mehr als 200 Straftaten begangen hatte? Er wurde mit seinem Betreuer nach Südamerika geschickt, wo er wieder Straftaten beging. Als er 14 Jahre alt wurde, kam er für eineinhalb Jahre ins Gefängnis. Danach vergewaltigte er eine Frau, bedrohte andere mit einer Pistole und ist ein chronisch Krimineller geworden. Die Eltern waren überfordert, das Jugendamt hilflos. Es gibt Kinder, die muss man versuchen, in geordnete Bahnen zu lenken. Wohlgemerkt, es geht um eine kleine Zahl von Kindern, die aber überall durch die Maschen fallen.

Ab 14 Jahren ist also die kriminelle Karriere vorgezeichnet?
Wenn mit 14 einer mit dem Messer zusticht, hat er nicht automatisch eine schlechte Prognose. Man muss die Zusammenhänge sehen. Es gibt oft eine besondere Dynamik, die später vielleicht überwunden ist. Doch wenn ein so junger Täter in die Untersuchungshaft kommt oder ins Gefängnis, lernt er die Dinge, die er eigentlich nicht lernen sollte.

In Sinntal ist als Erster jetzt ein Zehnjähriger eingezogen – mehrfach straffällig, gewalttätig, drogengeschädigt, aggressiv. Was kann man mit ihm machen?
Zunächst muss er anwesend sein, wenn er erzogen werden soll. Man kann die Kriminalität stoppen. Mit dem pädagogischen Personal kann er eine Beziehung aufbauen – vielleicht die erste in seinem Leben. Weil er nicht weglaufen kann, kann er sich auch nicht der Schule entziehen, an Drogen geraten oder an schlechte Freunde. Es gibt genug positive Beispiele, wo das funktioniert.

Und dann?
Ziel ist, die Kinder schrittweise in die Freiheit zu führen. Nach einer Zeit wird das Kind Ausgang bekommen und nicht weglaufen, weil es seinen Betreuer nicht enttäuschen will. Der Beziehungsaufbau ist von zentraler Bedeutung, und gut ausgebildetes Personal weiß, wie man Beziehungen anbahnt.

Aber der Zehnjährige sitzt jetzt in der neuen Einrichtung für acht Kinder mit Pädagogen, aber ohne Gleichaltrige. Ist das nicht kontraproduktiv?
Sicher ist das nicht gut, aber irgendwie muss die Einrichtung ja anfangen. In Hessen ist mit Sicherheit nicht nur er für eine solche Einrichtung geeignet. In Bayern etwa ist ein Frankfurter in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht, der einem Menschen ein Messer in den Bauch gestoßen hat. Eine gute Sozialpädagogin hat ihn vor der U-Haft bewahrt. Er kann sich auf dem Gelände bewegen, hat exzellente Betreuer. Er hat einen geregelten Tagesablauf, Schulunterricht, wird handwerklich angeleitet. Diese Möglichkeiten hätte er werden Zuhause noch im Gefängnis.

Wie viele Kinder können so vor einer kriminellen Karriere bewahrt werden?
Viele, aber nicht alle. Rund fünf Prozent der jugendlichen Straftäter entwickeln sich zu chronisch Kriminellen.

Und die anderen bleiben auf der gerade Bahn?
Vor vielen Jahren haben wir junge Männer nachuntersucht, die als Jugendliche in einer geschlossenen Einrichtung waren. Weit über die Hälfte hat gesagt, wenn das nicht geschehen wäre, hätten sie jetzt keinen Hauptschulabschluss, keinen Beruf, keine persönliche Beziehung zum Lehrmeister aufbauen können. Viele hatten ein Mädchen kennengelernt, was oft eine große, kriminelle Karriere beendet. Positive Lebensereignisse und Beziehungen sind oft entscheidend für die Beendigung einer kriminellen Karriere.

Was spielt noch eine Rolle?
Die Ausreifung des Gehirns. Die Gewaltkriminalität manifestiert sich statistisch gesehen etwa bis zum 25. Lebensjahr. Dann geht die Häufigkeitskurve steil nach unten. Das liegt daran, dass das limbische System früher reift als die frontalen Funktionen, die für Vorausschau, Planung und Kontrolle sorgen. Deshalb zeigen junge Menschen von der Pubertät bis Mitte 20 ein höheres Risikoverhalten. In der Zeit muss man versuchen, sie vor Gefahren fernzuhalten, vor riskantem Sexualverkehr, Schlägereien, Drogen oder einer frühen Schwangerschaft. Mit Fernhalten ist hier nicht eine geschlossene Unterbringung gemeint, sondern eine angemessene Erziehung, Beschulung, Ausbildung und eine rechtzeitige Behandlung, wo dies angezeigt ist.

Das Interview führte Jutta Rippegather.

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