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Jungen in der Krise: An den Rand gedrängt

Rollenbilder geraten ins Wanken und die Jungen fallen hinten runter. Jetzt wird darüber nachgedacht, wie die Feminisierung in Kita und Schule kompensiert werden kann. Von Martin Müller-Bialon

Damit aus ihnen ganze Kerle werden, brauchen Jungen Hilfe.
Damit aus ihnen ganze Kerle werden, brauchen Jungen Hilfe.
Foto: FR/Petra Welzel

Acht Prozent seien viel, sagt Jutta Ebeling. Acht Prozent der Erzieher in den städtischen Kindergärten sind Männer, etwa jeder zwölfte also. Damit sieht Frankfurt im bundesweiten Vergleich ganz gut aus, hat die Bildungsdezernentin unlängst berichtet.

An der Misere ändert das freilich nichts: Männer sind in der Kinderbetreuung in Frankfurt wie anderswo die Ausnahme. Auch in den Grundschulen ist nur jeder vierte Lehrer ein Mann.

Bildungsforscher sehen darin einen der Gründe für das Schulversagen vieler Jungen. 62 Prozent der Schulabgänger ohne Abschluss sind männlich. Auch bei den verhaltensauffälligen Schülern sind die Jungen stark überrepräsentiert. Das zeigt sich auch in den Kinderarzt-Praxen: Ritalin wird zu 90 Prozent männlichen Schülern verschrieben.

Da läuft was schief. Hyperaktive und störende Kinder sind, so glauben Forscher, nicht als Zappelphilippe auf die Welt gekommen. "Die teilweise eklatanten Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen in der Bildungsbeteiligung und in den Leistungen sind keineswegs angeboren. Vielmehr entwickeln sie sich im Laufe der Kindheit durch soziale Prägungen und werden vom Bildungssystem zulasten der Jungen verstärkt", sagte der Vorsitzende des Aktionsrats Bildung und Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, vergangene Woche.

Der Aktionsrat spricht sogar von einer "Feminisierung" des Bildungssystems. Folge: Die Bedürfnisse der Jungen kommen nicht ausreichend zur Geltung. Sie werden - ohne bösen Willen der Erzieherinnen - gebremst statt gefördert.

Wobei die Verlierer keinesfalls nur aus, wie es heißt, bildungsfernen Zuwandererfamilien stammen. "Wir stellen fest, dass zunehmend Kinder aus deutschen Familien Probleme in der Schule haben", berichtet etwa die Leiterin der Bornheimer Kirchnerschule, Birgit Hein-Schmidt.

Zwei bis drei deutschstämmigen Kindern pro Klasse - in der Regel Jungs - attestiert die Schulleiterin Förderbedarf in Deutsch. Die Kinder hätten oft "kein einziges Buch zu Hause und hocken nur vor dem Fernseher". Die Eltern - zumeist allein erziehende Mütter - erschienen nicht zu den Elternabenden und kümmerten sich kaum um die Schulkarriere ihrer Söhne.

Auch das Zentrum für Erziehungshilfe, das sich mit Problemschülern befasst, hat fast nur (80 Prozent) männliche Kundschaft. Ihre Sozialarbeiter werden gerufen, wenn Schüler in der Klasse stören oder aggressiv werden.

Dabei sind es nicht nur Kita, Schule und Elternhaus, die die Jungen an den Rand drängen. Auch in der Jugendarbeit bildete sich in den vergangenen Jahren eine Schieflage zu Gunsten der Mädchen. Allein sieben Jugendzentren in Frankfurt richten sich, wie Günther Bauer vom Jugendamt weiß, ausschließlich an Mädchen.

Nur ein einziges - der Jungentreff Bockenheim - ist den jungen Herren vorbehalten. Und auch gemischte Jugendtreffs haben vielfach "Mädchentage" im Programm, an denen die Jungs draußen bleiben müssen. Exklusive Tage für Jungs dagegen sind noch die Ausnahme.

Inzwischen ist jedoch in der Jugendhilfe die Erkenntnis angekommen, dass den Jungen mehr als bisher geholfen werden muss. Seit zehn Jahren treffen sich Betreiber von Jugendzentren und Beratungsstellen mit Leuten vom Jugendamt im "Arbeitskreis Jungenarbeit".

Günther Bauer, als Mitarbeiter des Jugendamts im Arbeitskreis vertreten, sieht eher einen formalen Hintergrund: "Geschlechtsspezifisches Lernen gehört zu den Qualitätskriterien der Jugendarbeit." Mit reinen Mädchentreffs hat er kein Problem, "weil einige Eltern ihre Kinder da sonst nicht hinschicken würden." Jungenarbeit sei dadurch nicht vernachlässigt worden.

Dennoch findet man neuerdings in den Programmen der Jugendarbeit vermehrt Angebote für Jungen. An der Friedrich-Ebert-Schule etwa kümmert sich Sozialarbeiter Sebastian Klinke speziell um Jungen der siebten und achten Klasse. Ziel sei, "einen geschützten Raum zu bieten, in dem die Jungen frei von Klischees reden können", sagt Klinke.

Jugendzentren wie der Club "Mezzo Mezzo" am Industriehof haben eigene Räume für Jungen und Mädchen sowie einen gemischten Raum eingerichtet. Der Club entstand aus der früheren "Bockenheimer Mädchen- und Frauenetage".

Autor:  MARTIN MÜLLER-BIALON
Datum:  20 | 3 | 2009
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