kalaydo.de Anzeigen

JVA Darmstadt-Eberstadt: Die Putzfee vom Knast

Harald M. hat fast vier Jahre hinter Gittern verbracht. Dort machte er eine Ausbildung zum Gebäudereiniger.

        

Lernen für eine saubere Zukunft: Jeden Morgen um 7 beginnt Harald M. seine Tour durchs Gefängnis. Das Wischen der Gittertüren gehört zum Job.
Lernen für eine saubere Zukunft: Jeden Morgen um 7 beginnt Harald M. seine Tour durchs Gefängnis. Das Wischen der Gittertüren gehört zum Job.
Foto: Andreas Arnold

Schwer zu sagen, ob Harald M. (Name geändert) in seinem Leben bislang mehr Glück oder mehr Pech hatte. Das Glück, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden zu sein, die ihm Zeit und die Gelegenheit verschaffte, einen Neuanfang zu versuchen. Oder das Pech, im Odenwald aufgewachsen und dort früh mit Cannabis, Amphetaminen und schließlich Heroin in Kontakt gekommen zu sein – Drogen, die seinen Lebensweg bis zur Einweisung in die Haftanstalt begleiten sollten. „Im Odenwald“, erzählt M., „da gibt es mehr Drogen pro Einwohner als in Frankfurt.“

42 Jahre alt ist M. jetzt. Die letzten drei Jahre, acht Monate und 28 Tage seines Lebens hat er hinter Gittern verbracht. Diebstähle, Einbrüche und Drogenhandel haben ihm die Strafe eingebracht, nachdem er zweimal mit Bewährung davongekommen war. Nun rückt das Datum für den Start in ein anderes Leben näher.

Lernen hinter Gittern

Nachqualifizierung im Südwestverbund heißt das Projekt, das Strafgefangenen mittels einer Berufsausbildung bessere Chancen für ein funktionierendes Leben nach der Haftentlassung verschaffen soll.
Finanziert wird es im Rahmen des Bundesprogramms „Perspektive Berufsabschluss“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Die Justizministerien der Länder Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland, die im Südwestverbund zusammengeschlossen sind, sind daran beteiligt. Koordiniert wird es vom Institut Inbas mit Sitz in Offenbach.
In Hessen sind die Justizvollzugsanstalten Frankfurt-Preungesheim, Weiterstadt und Darmstadt-Eberstadt beteiligt. Insgesamt sind neun Anstalten einbezogen.

Dieser Tage wird M. aus der Haft entlassen – er hat diesem Termin mit Hoffnung und Sorge entgegengesehen. „Gefängnis ist Mist“, sagt er. „Da gehen draußen alle Beziehungen kaputt.“ So weiß er noch nicht, wo er wohnen wird. Ob er einen Verein findet, in dem er wieder Fußball spielen kann, ob es mit dem Geldverdienen klappt. Fürs Erste wird er in einer Übergangswohnung unterkommen.

100 Euro verdient er im Monat

Dennoch, es gibt Grund zur Hoffnung: M. hatte das Glück, in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Darmstadt-Eberstadt eine Ausbildung zum Gebäudereiniger zu beginnen. „Wir sind die Putzfeen vom Knast“, sagt er von sich und seinen fünf Mitgefangenen, die zum Reinigungstrupp gehören. Jeden Morgen um 7 Uhr geht’s los: einmal durch die Flure, Toiletten, Aufenthaltsräume – Fenster putzen, Klobrillen wischen und Waschbecken schrubben. „Nur das Gefängnistor von außen reinigen dürfen wir nicht“, ulkt M. Rund 100 Euro verdient er im Monat, genug für Kaffee und Zigaretten.

„Aber um das Geld geht es gar nicht so sehr. Wichtiger ist, etwas zu tun zu haben, damit die Tage rumgehen“, sagt M. Noch wichtiger aber ist, dass M. im Gefängnis nicht nur arbeitet, sondern damit auch eine Brücke in sein Leben nach der Haft baut. „Wir haben hier Menschen, die wertvoll für den Arbeitsmarkt sind“, sagt Silvia Drescher. Ihre Aufgabe ist es, die Brücken von drinnen nach draußen stabil zu machen. „Hier in der JVA können die Insassen Qualifikationen erwerben, die sie später in einer Anstellung nutzen und ausbauen können“, sagt sie.

Dreschers Tätigkeitsbezeichnung ist Nachqualifizierungs-Koordinatorin. Im Wortungetüm steckt ein ganzes Konzept, das Strafgefangenen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt eröffnen soll (siehe Box). „Wir wollen, dass das, was hier im Vollzug angestoßen wurde, auch vom Markt aufgenommen wird“, sagt Dieter Heinzmann, Leiter der JVA Eberstadt.

Eine Zeitarbeitsfirma hat sich schon gemeldet

Dass Insassen hinter den Eberstädter Gefängnismauern Arbeit haben, ist nicht neu – auch nicht, dass sie dort eine Ausbildung absolvieren können. Neu ist, Straffälligen ohne abgeschlossene Berufsausbildung gute Aussichten für die Zeit in Freiheit zu eröffnen. Das beginnt gleich nach der Einweisung: Was hat jemand schon gelernt, was gearbeitet, wie sehen die Schulzeugnisse aus? Dazu kommt eine Stärken-Schwächen-Analyse. Es soll klar werden, worauf man aufsatteln kann. Anschließend absolvieren die JVA-Insassen in sich abgeschlossene Teile einer Ausbildung – Module, für die sie ein Zertifikat erhalten, das die Kammern und Innungen anerkennen. „Ziel ist es, vorhandene Qualifikationen zu erweitern oder die in der JVA erworbenen Teilqualifikationen draußen zu einem anerkannten Berufsabschluss weiterzuführen“, sagt Drescher.

Einfach ist das nicht gerade. „Mögliche Arbeitgeber haben Angst, von den ehemaligen Gefangenen bestohlen zu werden, oder sie glauben nicht, dass diese ausdauernd und zuverlässig arbeiten können“, sagt Drescher. Immerhin – ein Drittel der 350 Firmen, die sie angesprochen hat, sei bereit, Haftentlassene bei guter Qualifikation einzustellen. „Und die Zahl dieser Betriebe wächst.“ Der zunehmende Mangel an Fachkräften hat an dieser Stelle seine hoffnungsvollen Seiten.

Und das Lernen hinter Gittern hat auch seine Vorteile. „Hier gibt es keine Party, die jemanden davon abhalten könnte, sich auf die Prüfung vorzubereiten, und auch kein Grillfest am Samstag“, sagt Anstaltspädagoge Gerhard Dietrich.

Harald M. hat sich was vorgenommen. „Ich will mir beweisen, dass ich etwas schaffen kann“, sagt er. Eine Zeitarbeitsfirma hat sich schon gemeldet, bei der er als Gebäudereiniger anfangen soll. „Vielleicht“, sagt er, „wäre es gut für mich gewesen, wenn ich schon früher in den Knast gekommen wäre.“

Autor:  Peter Hanack
Datum:  2 | 12 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Twitter im Landtag
 

Nachrichten aus Frankfurt und Rhein-Main

Anzeige

Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!

Anzeige

Frage des Tages: Sollte man härter gegen Graffiti-Sprayer vorgehen?

Frankfurts Fassaden sind voll von Graffiti. Die Verursacher sind meistens nicht festzustellen. Die Polizei will nun härter gegen Graffiti-Sprayer vorgehen. Was halten Sie davon?

 

OB-Stichwahl in Frankfurt
Wahlergebnis Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frage des Tages: Welches Thema sollte der neue OB Peter Feldmann zuerst angehen?

Peter Feldmann wird Frankfurts neuer Oberbürgermeister. Welches Thema sollte der Sozialdemokrat in seinem neuen Amt als erstes angehen?

OB-Wahl in Frankfurt
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Machtkampf nach OB-Wahl in Frankfurt 
        

Zählt die Tage bis zum Amtsantritt: Peter Feldmann.
Neuer Oberbürgermeister Frankfurt 
Der neue Oberbürgermeister Peter Feldmann bringt ein neues Team mit.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Prinz Asfa-Wossen Asserate.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Spezial: Frankfurt Flughafen

Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.


Spezial: Der Flughafen wächst weiter
Manche Menschen freuen sich über den Klang von Glocken, andere fühlen sich gestört. (Symbolbild)
Fluglärm in Frankfurt 
        

Für diejenigen Menschen, die unter dem Fluglärm leiden, ist Frankfurt bei weitem nicht „grün“ genug.
Fluglärm in Frankfurt 
        

Wohnen in der Region: Lärm, aber noch kein Schallschutz.
Schleppende Antragsbearbeitung 
        

Nach Sonnenuntergang sollen auch die Flieger unten bleiben.
Nachtflugverbot 

Anzeige

Spezial

Auch dieses Jahr dürfte beim Schulwechsel der Sturm auf die Gymnasien ungebrochen anhalten. Doch welche Schulen passen eigentlich zu welchen Kindern? Die FR bietet einen Überblick.

Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

 

Anzeige

 
Frankfurter Stadtteil-Porträts
Fragt man in Frankfurt die Leute, was denn die Hauptwache sei, bekommt man viele Antworten. Die einen haben einen Platz vor Augen, andere verwechseln die Hauptwache mit der Zeil. Wieder andere gehen davon aus, mit der Verabredung sei das Café Hauptwache gemeint. Oder auch die Standuhr dahinter.
Frankfurter Innenstadt 
..die Villa Meister. Das prachtvolle und heute denkmalgeschützte Gebäude hatte Herbert von Meister,der  Sohn von Carl Friedrich Wilhelm Meister, einem der Begründer der Farbwerke Hoechst, im Jahr 1902 erworben.
Frankfurt-Sindlingen 
        

Schon schön: Ein Blick in     die Grillparzerstraße im Dichterviertel.
Frankfurt-Dornbusch 
Auf den fruchtbaren Äckern im Frankfurter Norden wird immer noch Landwirtschaft betrieben. Und manch ein Erzeuger vermarktet seine Produkte immer noch selbst.
Frankfurt-Nieder-Eschbach 
Weblog

Seit vielen, vielen Jahren ist "kit" Eishockey-Berichterstatter. Im Blog berichtet er über die Löwen Frankfurt - "in your face".