Schwer zu sagen, ob Harald M. (Name geändert) in seinem Leben bislang mehr Glück oder mehr Pech hatte. Das Glück, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden zu sein, die ihm Zeit und die Gelegenheit verschaffte, einen Neuanfang zu versuchen. Oder das Pech, im Odenwald aufgewachsen und dort früh mit Cannabis, Amphetaminen und schließlich Heroin in Kontakt gekommen zu sein – Drogen, die seinen Lebensweg bis zur Einweisung in die Haftanstalt begleiten sollten. „Im Odenwald“, erzählt M., „da gibt es mehr Drogen pro Einwohner als in Frankfurt.“
42 Jahre alt ist M. jetzt. Die letzten drei Jahre, acht Monate und 28 Tage seines Lebens hat er hinter Gittern verbracht. Diebstähle, Einbrüche und Drogenhandel haben ihm die Strafe eingebracht, nachdem er zweimal mit Bewährung davongekommen war. Nun rückt das Datum für den Start in ein anderes Leben näher.
Nachqualifizierung im Südwestverbund heißt das Projekt, das Strafgefangenen mittels einer Berufsausbildung bessere Chancen für ein funktionierendes Leben nach der Haftentlassung verschaffen soll.
Finanziert wird es im Rahmen des Bundesprogramms „Perspektive Berufsabschluss“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Die Justizministerien der Länder Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland, die im Südwestverbund zusammengeschlossen sind, sind daran beteiligt. Koordiniert wird es vom Institut Inbas mit Sitz in Offenbach.
In Hessen sind die Justizvollzugsanstalten Frankfurt-Preungesheim, Weiterstadt und Darmstadt-Eberstadt beteiligt. Insgesamt sind neun Anstalten einbezogen.
Dieser Tage wird M. aus der Haft entlassen – er hat diesem Termin mit Hoffnung und Sorge entgegengesehen. „Gefängnis ist Mist“, sagt er. „Da gehen draußen alle Beziehungen kaputt.“ So weiß er noch nicht, wo er wohnen wird. Ob er einen Verein findet, in dem er wieder Fußball spielen kann, ob es mit dem Geldverdienen klappt. Fürs Erste wird er in einer Übergangswohnung unterkommen.
100 Euro verdient er im Monat
Dennoch, es gibt Grund zur Hoffnung: M. hatte das Glück, in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Darmstadt-Eberstadt eine Ausbildung zum Gebäudereiniger zu beginnen. „Wir sind die Putzfeen vom Knast“, sagt er von sich und seinen fünf Mitgefangenen, die zum Reinigungstrupp gehören. Jeden Morgen um 7 Uhr geht’s los: einmal durch die Flure, Toiletten, Aufenthaltsräume – Fenster putzen, Klobrillen wischen und Waschbecken schrubben. „Nur das Gefängnistor von außen reinigen dürfen wir nicht“, ulkt M. Rund 100 Euro verdient er im Monat, genug für Kaffee und Zigaretten.
„Aber um das Geld geht es gar nicht so sehr. Wichtiger ist, etwas zu tun zu haben, damit die Tage rumgehen“, sagt M. Noch wichtiger aber ist, dass M. im Gefängnis nicht nur arbeitet, sondern damit auch eine Brücke in sein Leben nach der Haft baut. „Wir haben hier Menschen, die wertvoll für den Arbeitsmarkt sind“, sagt Silvia Drescher. Ihre Aufgabe ist es, die Brücken von drinnen nach draußen stabil zu machen. „Hier in der JVA können die Insassen Qualifikationen erwerben, die sie später in einer Anstellung nutzen und ausbauen können“, sagt sie.
Dreschers Tätigkeitsbezeichnung ist Nachqualifizierungs-Koordinatorin. Im Wortungetüm steckt ein ganzes Konzept, das Strafgefangenen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt eröffnen soll (siehe Box). „Wir wollen, dass das, was hier im Vollzug angestoßen wurde, auch vom Markt aufgenommen wird“, sagt Dieter Heinzmann, Leiter der JVA Eberstadt.
Eine Zeitarbeitsfirma hat sich schon gemeldet
Dass Insassen hinter den Eberstädter Gefängnismauern Arbeit haben, ist nicht neu – auch nicht, dass sie dort eine Ausbildung absolvieren können. Neu ist, Straffälligen ohne abgeschlossene Berufsausbildung gute Aussichten für die Zeit in Freiheit zu eröffnen. Das beginnt gleich nach der Einweisung: Was hat jemand schon gelernt, was gearbeitet, wie sehen die Schulzeugnisse aus? Dazu kommt eine Stärken-Schwächen-Analyse. Es soll klar werden, worauf man aufsatteln kann. Anschließend absolvieren die JVA-Insassen in sich abgeschlossene Teile einer Ausbildung – Module, für die sie ein Zertifikat erhalten, das die Kammern und Innungen anerkennen. „Ziel ist es, vorhandene Qualifikationen zu erweitern oder die in der JVA erworbenen Teilqualifikationen draußen zu einem anerkannten Berufsabschluss weiterzuführen“, sagt Drescher.
Einfach ist das nicht gerade. „Mögliche Arbeitgeber haben Angst, von den ehemaligen Gefangenen bestohlen zu werden, oder sie glauben nicht, dass diese ausdauernd und zuverlässig arbeiten können“, sagt Drescher. Immerhin – ein Drittel der 350 Firmen, die sie angesprochen hat, sei bereit, Haftentlassene bei guter Qualifikation einzustellen. „Und die Zahl dieser Betriebe wächst.“ Der zunehmende Mangel an Fachkräften hat an dieser Stelle seine hoffnungsvollen Seiten.
Und das Lernen hinter Gittern hat auch seine Vorteile. „Hier gibt es keine Party, die jemanden davon abhalten könnte, sich auf die Prüfung vorzubereiten, und auch kein Grillfest am Samstag“, sagt Anstaltspädagoge Gerhard Dietrich.
Harald M. hat sich was vorgenommen. „Ich will mir beweisen, dass ich etwas schaffen kann“, sagt er. Eine Zeitarbeitsfirma hat sich schon gemeldet, bei der er als Gebäudereiniger anfangen soll. „Vielleicht“, sagt er, „wäre es gut für mich gewesen, wenn ich schon früher in den Knast gekommen wäre.“

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