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08. Februar 2015

Kagida: Rechtsextreme Ordner bei Kagida-Demo

 Von Carsten Meyer und Joachim F. Tornau
Protest gegen die Kagida-Demo Anfang Januar in Kassel.  Foto: dpa/Archiv

Kagida setzt Rechtsextreme, die unter anderem durch massive Hetze und wüste Drohungen im Internet aufgefallen sind, als Ordner ein. Der Kasseler AfD-Sprecher Manfred Mattis unterstützt die Demonstrationen trotzdem.

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Kassel –  

Mit Rechtsextremisten, beteuert Manfred Mattis, wolle er nichts zu tun haben – „selbstverständlich“. Allerdings, ergänzt der vormalige CDU-Politiker und heutige Kreissprecher der AfD Kassel-Stadt, wisse er auch nicht, „wer Rechtsextremist sei beziehungsweise, woran man solche erkennt“. Was er dagegen recht genau zu wissen scheint: wer unverdächtig ist. Der Kasseler Pegida-Ableger Kagida nämlich, der am Montag bereits zu seinem elften „Spaziergang“ einlädt.

Mehrfach schon ist Mattis als Redner bei den Demonstrationen unter dem Banner „Kassel gegen die Islamisierung des Abendlandes“ aufgetreten. Und das Einzige, was er dabei als anstößig empfinde, sagt der Rechtsanwalt, sei die „pauschale Vorverurteilung“ der Teilnehmer durch Politik und Medien. Dabei seien die doch in Wahrheit die „Guten“. Und die antifaschistischen Gegendemonstranten die „Bösen“. So hat er es wörtlich in einer seiner Ansprachen verkündet.

Also keine Rassisten, keine Neonazis, nirgends? Zu den Leuten, denen Mattis diesen demokratischen Persilschein ausstellt, zählen unter anderem: der Landesvorstand der hessischen NPD. Gewaltbereite, rechte Hooligans des KSV Hessen Kassel. Mitglieder von „Sturm 18“ und anderen Neonazi-Kameradschaften. Sie alle werden von Kagida angezogen. Doch wie stark die Verankerung in der rechten Szene ist, zeigt deutlich ein Blick auf die Ordner, die von Kagida-Organisator und AfD-Mitglied Michael Viehmann eingesetzt worden sind.

Da wären etwa die NPD-Männer Marcel W. aus Kaufungen und René S. aus Heiligenstadt. Da wäre der bekennende Nationalsozialist Andreas K.-S. aus dem Umfeld des „Freien Widerstands Kassel“. Und da wäre der Kasseler Marcus S., der wie die anderen Ordner aus seiner rechten Gesinnung keinen Hehl macht.

Auf seinem Facebook-Profil finden sich massenhaft Verweise auf antisemitische Internet-Seiten. Angela Merkel nannte er eine „Rothschild-Marionette“ – die jüdische Bankiersfamilie Rothschild ist spätestens seit dem NS-Propagandafilm „Der ewige Jude“ eines der zentralen Feindbilder rechter Verschwörungstheoretiker.

„Könnte man die Judenschwester bitte mal ausweisen …“, geiferte er über die Kanzlerin. „Die hat so einen Hass auf Deutschland und will uns alle ausrotten.“ Als „deutschlandfreundlich“ gilt Marcus S. allein die NPD, der er im vergangenen November deshalb herzlich zum 50-jährigen Bestehen gratulierte.

Einen noch tieferen Einblick in das Weltbild von Kagida-Anhängern liefert der Fußball-Hooligan Sascha K. via Facebook: In unzähligen Kommentaren hat der Fan rechtsextremer Hass-Musik seinen Vergewaltigungs- und Mordfantasien freien Lauf gelassen – gegen Ausländer, gegen Antifaschisten, gegen Politiker. „Wir sollten mal den Bundestag stürmen und jeden von den Volksvertretern aufhängen“, schrieb er. Merkel müsse von einem „aidskranken Nigger gefickt“ werden. Koranschülern wünschte er als „Heilmittel“ den Tod. Und nachdem türkische Männer einer Vergewaltigung verdächtigt wurden, verlangte er, deren Schwestern und Müttern dasselbe anzutun: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

Massive Hetze im Internet

Kassels oberster Kämpfer gegen die Islamisierung, Kagida-Chef Michael Viehmann, hat ähnlich erstaunliche Vorstellungen, wie das Abendland zu retten sei: Die Bundeskanzlerin sollte man „steinigen“, forderte er in einem Facebook-Posting vom August 2014 – und hoffte, dass dem „ganzen deutschen Politpack der Schädel eingeschlagen wird“. Anlass war, dass Angela Merkel im jüngsten Gazakrieg das Selbstverteidigungsrecht Israels unterstrichen und dem „Judenpack“, wie Viehmann hetzte, Unterstützung angeboten hatte.

Dass der Kagida-Initiator keinerlei Berührungsängste zur extremen Rechten hat, bewies er im Herbst, als er in eindeutig neonazistischer Begleitung zum Aufmarsch der „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) nach Hannover reiste. Gleichwohl vermag Hessens Verfassungsschutz nach wie vor, keine „steuernde Einflussnahme durch Rechtsextremisten“ bei Kagida zu erkennen – auch wenn „einzelne Rechtsextremisten“ an den Demos teilnähmen. Und die hessische AfD? Sieht ebenfalls keinen Grund, den Kasseler Kreissprecher zurückzupfeifen. Zwar hat der Landesvorstand im Januar beschlossen, dass sich Kreisvorstände nicht an der Organisation von Pegida-Demonstrationen in Hessen beteiligen sollen. Manfred Mattis betont darum, dass er lediglich „als Privatperson“ bei den Kagida-Aufmärschen dabei sei. Und das steht ihm frei, wie die AfD Hessen mitteilt: „Wir nehmen die Gestalt des mündigen Staatsbürgers ernst und vertrauen auf das Urteilsvermögen unserer Mitglieder.“

Was die Auswahl seiner Mitstreiter angeht, war es mit dem Urteilsvermögen bei Mattis freilich schon einmal nicht allzu weit her. Ende der 1990er Jahre gründete er in Kassel eine „Bürgerinitiative gegen den Euro“ und rief zu regelmäßigen Montagsdemos. Eines der acht Gründungsmitglieder war die mittlerweile gestorbene Ruth Bachmann. Und die kämpfte 1998 nicht nur gegen den Euro, sondern marschierte auch in allererster Reihe, als Neonazis in Kassel gegen die Wehrmachtsausstellung protestierten. Noch Mitte des vergangenen Jahrzehnts amtierte Bachmann als regionale Funktionärin der „Gesellschaft für freie Publizistik“ (GfP). Die größte rechtsextreme Kulturvereinigung in Deutschland setzt sich insbesondere für Holocaust-Leugner ein. Auch davon will Mattis nichts gewusst haben. „Frau Bachmann“, sagt er, „ist mir noch sehr gut als engagierte alte Dame in Erinnerung.“

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