Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

15. Februar 2012

Kapuzinerkloster Dieburg: Das Ende einer 350 Jahre alten Geschichte

 Von Sonja Jordans
Gottesdienst, Seelsorge und Hausarbeiten – die Aufgaben der Kapuziner in Dieburg sind vielfältig. Doch jetzt steht die Gemeinschaft wegen Nachwuchsmangels vor dem Aus.  Foto: Sascha Rheker

Nur noch vier Kapuziner leben in der Dieburger Gemeinschaft. Deshalb will der Orden das Kloster im Laufe des Jahres schließen. Damit ginge eine Geschichte zu Ende, die rund 350 Jahre dauerte und den Ort geprägt hat. Mit Video.

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Es sind nur wenige Stufen, die nach oben zur kleinen Hauskapelle führen. Die Stiegen der alten Holztreppe sind abgenutzt. Viele Jahrzehnte lang, unzählige Male gingen Mönche des Dieburger Kapuzinerklosters diesen Weg, um sich zum Gebet zu versammeln.

Mönche in Dieburg

Die Kapuziner versuchen ein Leben in der Nachfolge Jesu nach dem Vorbild des heiligen Franz von Assisi. Ihre vielfältigen Aufgaben in der Kirche beziehen sich vor allem auf pastorale und spirituelle Angebote sowie die missionarische Verkündigung.
In Dieburg traten sie erstmals 1650 hervor. Damals übertrug ihnen Kurfürst Johann Philipp ein von den Franziskanern aufgegebenes Kloster in der Stadt. 1692 errichteten die Kapuziner jedoch ein neues Kloster gegenüber der Dieburger Wallfahrtskirche. Schwerpunkte ihrer Arbeit waren die Betreuung und Stärkung der katholischen Christen in Dieburg und Umgebung.
Mit der Säkularisation nach 1801 musste das Dieburger Kloster aufgegeben werden. Es wurde in ein Gefängnis umgewandelt. An jener Stelle steht auch heute noch die Justizvollzugsanstalt der Stadt.
1860 kehrten die Kapuziner nach Dieburg zurück und errichteten am „Minnefeld“ einen neuen Konvent mit Kirche. Diese wurde 1868 geweiht. 1909 wurde das Kloster erweitert. Im Krieg wurde die Kirche schwer beschädigt, aber bald wieder aufgebaut. Der Kloster Anbau diente von 1939 bis 1945 unter anderem auch als Flüchtlingsunterkunft. 1962/63 wurde die schlichte Kirche renoviert.
Im zum Bistum Mainz gehörenden Dieburg gibt es heute fünf Kirchen inklusive einer Krankenhauskapelle.



An einem eisigen Wintertag im Februar 2012 steigt Bruder Berthold die Stiegen hinauf. Die anhaltende Kälte hat das alte Gemäuer bereits durchdrungen, es ist zugig im Flur. Unter der dunkelbraunen, aus grobem Wollstoff gefertigten Mönchskutte von Berthold lugt ein Pullover hervor, die Füße des 60-Jährigen stecken in dicken, wollenen Socken. Es ist zwölf Uhr, irgendwo im Kloster schlägt eine Glocke und erinnert die Bewohner des Ordenshauses an das Mittagsgebet. Bruder Berthold ist in Eile, dennoch hält er kurz vor einem großen Fenster inne. Sein Blick schweift durch den weitläufigen Garten, der sich dem Kloster anschließt. Reif überzieht den Rasen, die Felder liegen verlassen. „Schön“, sagt Bruder Berthold und lächelt. „Dieser Garten ist wirklich schön.“

„Wir sind einfach zu wenige, wir schaffen das nicht mehr“

Wie lange sich der Kapuzinermönch an diesem Anblick noch erfreuen kann, ist fraglich. „Wahrscheinlich im Laufe des Jahres“, so heißt es vom Provinzial der deutschen Kapuziner, werden Berthold und seine drei Mitbrüder Dieburg verlassen müssen. Der Orden wird das Kloster aufgeben. Damit geht die rund 350 Jahre andauernde Geschichte der Kapuziner in Dieburg wahrscheinlich 2012 zu Ende.

„Wir sind einfach zu wenige, wir schaffen das nicht mehr“, sagt Bruder Berthold, als er die letzten Stufen Richtung Kapelle nimmt. Allein die Verwaltung des Klosters sei aufwendig, zudem müssten Alltagsarbeiten wie Kochen und Einkaufen erledigt werden. Dazu kommen Gottesdienste, Seelsorge, Gebets- und Meditationskreise. Und ein streng geregelter Tagesablauf, der um sieben Uhr morgens mit einem Gebet beginnt. Um acht Uhr steht ein gemeinsames Frühstück an, „danach geht jeder seiner Arbeit nach“, erläutert Bruder Berthold.

Einst hatten zehn Brüder im Dieburger Kloster gelebt

Für den einen heißt das Hausbesuche machen, für den anderen Küchendienst. Um 12 Uhr steht das Mittagsgebet auf dem Tisch, danach wird gemeinsam abgespült – denn eine Spülmaschine gibt es nicht. „Das ist eben so in einer Wohngemeinschaft“, scherzt der Mönch. Danach gehe wieder jeder an seine Aufgaben oder habe ein bisschen Freizeit – „zum Lesen, Spazierengehen oder Ausruhen“, beschreibt Bruder Berthold. Um 18 Uhr wird gemeinsam gebetet, anschließend folgt eine Meditation. „Danach setzen wir uns vielleicht noch zusammen, unterhalten uns und lassen den Tag ausklingen.“

Freiwillige Helfer kämen zwar regelmäßig zum Putzen und Kochen, und auch für den Garten gebe es Hilfe. „Aber das reicht nicht, um den Betrieb aufrechtzuerhalten“, sagt Berthold. Früher, da hätten auch mal mehr als zehn Brüder im Kloster gelebt. Jetzt sind es nur noch vier. Dass das Kloster einmal für mehr Brüder konzipiert worden ist, lässt schon der Blick in die Hauskapelle erahnen: Drei Reihen Bänke, ausgestattet mit Sitzkissen, Gebets- und Gesangbüchern. Doch an diesem Mittag hat nur ein Bruder in der letzten Reihe Platz genommen. Die Bänke bleiben leer, die abgegriffenen Gebetbücher aus dünnem, eng beschriebenen Papier unbenutzt.

“Jeder der Brüder hat ein eigenes Zimmer. Das hatte ich als Kind nie“

„Religion ist eben nicht mehr in“, sucht Bruder Berthold im Anschluss eine Erklärung dafür, warum sich immer weniger junge Menschen für ein Leben im Dienste Gottes entscheiden. In einem Orden zähle zudem die Gemeinschaft. „Man muss für andere da sein, sich aufeinander verlassen können.“ Auch das falle den Menschen zunehmend schwer. Doch nicht nur die Orden würden unter mangelndem Interesse leiden. „Auch für den Priesterberuf entscheiden sich immer weniger“, weiß der Mönch. Das Zölibat sei sicherlich ein Grund dafür. Aber auch die Protestanten, deren Pfarrer heiraten dürfen, litten unter Nachwuchssorgen. Dafür macht Berthold die mangelnden Chancen in diesem Beruf verantwortlich. „Der Mensch möchte heutzutage Erfolg haben, aufsteigen, Geld verdienen – nicht nur schuften und dennoch nicht vorankommen“, glaubt er. Auch die Ruhe im Kloster, die Bruder Berthold schätzt, sei nicht für jeden geeignet. Denn: „Wir haben auch Zeit für uns – zum Nachdenken, Meditieren oder einfach mal Spazierengehen.“ Jeder der Brüder habe zudem ein eigenes Zimmer. „Das hatte ich als Kind nie“, erzählt Berthold.

Hometrainer und ein ultramoderner Flachbildschirm

Doch wer das Klosterleben nicht kennt, zuckt beim Anblick der Zimmer möglicherweise zusammen: Nur mit dem Nötigsten ausgestattet, wirken die kleinen Räume sehr spartanisch. Tisch und Stuhl, ein Bett und einen kleinen Schrank – mehr gibt es nicht. An der Wand hängt ein großes Kruzifix, auf dem Tisch liegt die Bibel. Fernseher oder Radio dagegen fehlen.

Fotoreporter: Kloster Dieburg

„Wir haben doch einen Fernseher im Gemeinschaftsraum, der reicht“, sagt Bruder Berthold, als er die Tür zur Mönchszelle zusperrt und den Schlüssel oben auf dem Türrahmen deponiert. Vorbei an einer Marienstatue und einem angestaubten Hometrainer, der verloren in einer dunklen Ecke herumsteht, geht der Kapuziner schnellen Schrittes Richtung Fernsehraum. Gleich zwei Kruzifixe hängen in dem Zimmerchen, bequeme Stühle stehen im Halbrund vor einem Tisch. Darauf steht – fast wie auf einem Altar – ein ultramoderner Flachbildschirm.

Internetanschluss ohne Zensur

„Der alte ist kaputtgegangen“, erklärt Bruder Berthold und lächelt. „Jetzt haben wir den.“ Internetanschluss gebe es im Kloster auch – „und zwar ohne Zensur“, betont Bruder Berthold und ergänzt: „Es liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen, was er sich anschaut.“ Fernseher und Computer sind allerdings auch der einzige Luxus, den das Kloster in Dieburg zu bieten hat. Neben Gehorsam und eheloser Keuschheit ist schließlich Armut ein Gebot des Ordens. Persönliche Besitztümer gibt es daher nicht. „Wir haben nur die Kleider, die wir tragen“, erläutert der Mönch. Auch Taschengeld gebe es nicht, statt dessen „Bedarfsgeld“, wie es Berthold nennt. „Wer etwas braucht, etwa eine Brille oder Socken, bekommt dafür Geld.“

        

Bruder Berthold (60) ist Guardian, Hausoberer des Kapuzinerklosters von Dieburg.
Bruder Berthold (60) ist Guardian, Hausoberer des Kapuzinerklosters von Dieburg.
Foto: S.Rheker

Salat, Gemüse und Kartoffeln kommen aus dem eigenen Garten, Eier schenken die Nachbarn, die Hühner halten. Das Brot spenden Dieburger Bäckereien – und da das immer zu viel sei, sorgten die Mönche dafür, dass die Backwaren an Bedürftige verteilt würden. „Denn wir werfen keine Lebensmittel weg“, betont Berthold. So sei das eben in Dieburg: Man lebe miteinander.

"Wir waren bloß Lebensabschnittsgefährten“

Doch das soll nun bald vorbei sein. Wie es für ihn und seine Brüder nach der Schließung des Klosters weitergehen soll, weiß Bruder Berthold noch nicht. „Wir werden wohl nicht zusammenbleiben. Das ist so wie bei anderen Verbindungen: Wir waren bloß Lebensabschnittsgefährten“, scherzt er. Der Abschied von den Brüdern sei zwar schade. „Aber wir sind jetzt auch nicht so emotional verbunden. Es war gut, und wir sind dankbar für unsere gemeinsame Zeit.“ Dass Bruder Berthold „sein Kloster“, wie er es nennt, verlassen muss, mache ihn dennoch traurig: „Ich habe immer gedacht, ich würde hier sterben. Aber das war mir nicht vergönnt.“

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