In Kassel beginnt heute der Studienbetrieb an einer neuen privaten und ihrem Selbstverständnis nach ausdrücklich christlichen Hochschule. Träger ist der Christliche Verein junger Menschen (CVJM). 54 Männer und Frauen haben sich für das erste Semester im integrierten Bachelor-Studiengang Religions- und Gemeindepädagogik plus Soziale Arbeit eingeschrieben.
Ihr Studienalltag umfasst mehr als Seminare und Vorlesungen. Gemeinsames Leben auf dem Campus im Kasseler Stadtteil Wilhelmshöhe gehört obligatorisch dazu, wie Gründungsdirektor Wolfgang Neuser sagt. Die Studierenden wohnen auf dem Gelände, sofern sie nicht verheiratet sind. Vor dem Unterricht treffen sie sich zum Frühstück und einer Andacht. Es gibt Lerngruppen, Bibelkreise und einmal pro Woche einen Abendgottesdienst.
Voll ausgebaut soll die CVJM-Hochschule einmal zwölf hauptamtliche Professorinnen und Professoren beschäftigen und 320 Studienplätze im Präsenz- und Fernstudium bieten.
Die Hochschule erhält keine staatlichen Zuschüsse. Laut CVJM müssen pro Jahr noch 150000 Euro zusätzliche Sponsorengelder angeworben werden. Als Motivation für die Hochschulgründung nennt der CVJM u.a. wachsende Qualifizierungsanforderungen für professionelle Jugend- und Sozialarbeit. Das Gros der Studierenden kommt aus den evangelischen Landeskirchen. Darüber hinaus sei ein breites Spektrum christlicher Prägungen vertreten.
Der CVJM wurde als "Christlicher Verein junger Männer" gegründet. Heute steht er auch Frauen und Mädchen offen. Er ist ökumenisch, in Deutschland aber evangelisch geprägt.
Neuser ist überzeugt, dass genau das Konzept aus Lernen und Leben die Studierenden überzeugt. Die CVJM-Hochschule spreche Menschen an, die aus ihrem christlichen Glauben heraus einen sozialen Beruf ergreifen wollten: "Was sie finden, zusätzlich zur wissenschaftlichen Ausbildung, ist eine geistliche Lern- und Lebensgemeinschaft."
Der Schritt auf die akademische Ebene ist neu. Ebenso die Hinwendung zu anderen Berufsfeldern - etwa mit dem künftigen Fernstudiengang in Sozial- und Diakoniemanagement. Um sich dauerhaft zu etablieren, muss die neue Hochschule zeigen, dass sie Forschung und Lehre nach anerkannten wissenschaftlichen Maßstäben betreibt. Der Wissenschaftsrat hat ihr im Sommer 2008 eine Akkreditierung für zunächst fünf Jahre und mit einigen Auflagen erteilt. Direktor Neuser gibt unumwunden zu, dass der CJVM die Forschungsanforderungen, die an eine Fachhochschule gestellt werden, zunächst unterschätzt hatte. "Aber wir packen das mit Freuden an", sagt er. Die Professoren und künftigen wissenschaftliche Mitarbeiter sollen nun zu Jugendkultur, Jugendarbeit und zu Personalentwicklung in Non-Profit-Unternehmen forschen. Kritische Anmerkungen hatte es auch zum Material für die künftigen Fernstudiengänge gegeben. Auch daran werde kräftig gearbeitet, versichert Neuser.
Mit Religionspädagogik und Sozialer Arbeit bietet die CVJM-Hochschule Fächer, die man in Kassel längst studieren kann. Professor Werner Thole, geschäftsführender Direktor des Instituts für Sozialpädagogik an der Universität Kassel, sagt, er gönne den neuen Kollegen die Akkreditierung. Man müsse aber genau beobachten, ob ihr Angebot die breite Qualifizierung liefere, für die ein Abschluss in sozialer Arbeit stehe. "Da bin ich skeptisch."
Paul-Gerhard Klumbies, evangelischer Theologe und Dekan am Uni-Fachbereich Erziehungswissenschaften, erklärt sich gespannt, ob es dem CVJM gelingt, die allgemeinen Wissenschaftsstandards der akademischen Theologie zu seiner Sache zu machen. Auf Anfrage werde man gern Hilfestellung leisten.

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