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Kasseler Feuerwehr: Als Neonazi zum Wehrführer

Unbemerkt von der Öffentlichkeit ist die Freiwillige Feuerwehr Bettenhausen-Forstfeld zu einem Sammelbecken junger Rechter geworden. Als die Vorwürfe gegen den Wehrführer schließlich bekannt werden, drängt die Stadt ihn zum Rücktritt.

        

Uniformen und Unterwerfung,  das lockt Rechte  zur Feuerwehr.
Uniformen und Unterwerfung, das lockt Rechte zur Feuerwehr.
Foto: dpa

Als die Kasseler Freiwillige Feuerwehr im Frühjahr ihre Mitgliederversammlung abhielt, war Oberbürgermeister Bertram Hilgen des Lobes voll. „Ihnen allen gebührt der höchste Respekt der gesamten Bürgerschaft Kassels“, schwärmte das sozialdemokratische Stadtoberhaupt. Dass er sich damit auch bei Rechtsextremen bedankte, wusste er nicht.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit ist die Freiwillige Feuerwehr Bettenhausen-Forstfeld – eine von sieben Stadtteilwehren, die es in Kassel neben der Berufsfeuerwehr gibt – zu einem Sammelbecken junger Männer geworden, deren demokratische Gesinnung zumindest zweifelhaft ist. Vor rund einem Jahr übernahm Christian Wenzel das Amt des Wehrführers. Der 33-Jährige hatte sich bis zum Verbot im Jahr 2000 für das Neonazi-Netzwerk „Blood & Honour“ engagiert und ist einschlägig vorbestraft.

Braunröcke

Zur Strategie von Rechtsextremen gehört es, sich über das Engagement in Vereinen Anerkennung zu verschaffen - und damit eine Chance, für die braune Sache zu werben.

Feuerwehren sind für Neonazis aber auch bereits deshalb interessant, weil Uniformen, Kameradschaft und die Unterordnung unter einen Wehrführer gut in ihr Weltbild passen.

Die Frankfurter Rundschau hat bereits mehrfach über rechtsextreme Feuerwehrleute berichtet. Zuletzt verlor daraufhin der langjährige Vorsitzende einer Wehr im nordhessischen Homberg/Efze sein Amt. (jft)

Eingetreten in die Feuerwehr, erzählt er im Interview freimütig, sei er bereits 2001 – dank der Vermittlung eines „rechts angekratzten“ Feuerwehrmanns. Seine Zugehörigkeit zur rechtsextremen Szene sei damals unübersehbar gewesen, sagt er. Aber: „Man hat mich gewähren lassen.“ Und keine zwei Jahre später habe er sich dann auch von der Szene abgewendet und ganz dem Brandschutz verschrieben. Seitdem, beteuert Wenzel, habe er mit Neonazismus nichts mehr zu tun. Wirklich nicht? Einen Tag nach seinem Geburtstag im Dezember 2006 feierte er im Dorfgemeinschaftshaus Kaufungen – zusammen mit Feuerwehrleuten und dem harten Kern der Kasseler rechtsextremen Szene. Das Fest wurde nach „Sieg Heil“-Rufen von der Polizei aufgelöst. Dennoch sagt der 33-Jährige: „Ich hab’s nicht als Nazi-Party empfunden.“ Mit Party-Gast Mike S. (32) – einem seitengescheitelten Aktivisten der Kameradschaft „Freier Widerstand Kassel“, der sich selbst als „Hitlerjunge“ bezeichnet – lebte Wenzel von 2008 bis Ende 2010 sogar noch unter einem Dach in Helsa.

Auf ihn schiebt es Christian Wenzel auch, dass eine Internetadresse der Kameradschaft mindestens bis Ende 2009 auf seinen Namen lief: Mike S. habe freien Zugang zu seinem Computer gehabt, erklärt Wenzel.

Und auch als Feuerwehrchef nutzte der 33-Jährige weiter seine Kontakte zum rechten Rand. So engagierte er für das diesjährige Osterfeuer in Bettenhausen ausgerechnet einen Mann für die Security, der seit Jahren als rechtsextremer Hooligan des KSV Hessen Kassel bekannt ist. Markus E. (38), von Beruf Landschaftsgärtner, sei ein „Sicherheitsfachmann“, rechtfertigt sich Wenzel – ohne zu erwähnen, dass Markus E. seine Erfahrungen als Saalschutz bei Veranstaltungen der tiefbraunen „Hilfsgemeinschaft für nationale Gefangene“ (HNG) gesammelt hat.

Als die Vorwürfe gegen den Wehrführer jetzt durch Recherchen des Hessischen Rundfunks (hr) bekannt wurden, reagierte die Stadt prompt und drängte Wenzel zum Rücktritt. Mehr könne man nicht tun, hieß es. Ob das Problem in Bettenhausen-Forstfeld damit gelöst ist, erscheint allerdings fraglich. Denn der Chef war nicht allein. Mehrere Mitglieder der kleinen Stadtteilwehr sind über soziale Netzwerke im Internet mit führenden Aktivisten des Kasseler „Freien Widerstands“ befreundet. Und manche zeigen ihre Gesinnung auch ganz offen.

Raphael F. (23) etwa fiel als Teilnehmer einer Neonazi-Demo in Wetzlar auf – zusammen mit Markus E., dem Security-Mann fürs Osterfeuer, übrigens. Und der 18-jährige Karsten S. nimmt auf seinem Facebook-Profil kein Blatt vor den Mund. Unter der Rubrik „Ich hasse“ nennt er nicht nur „Kinderschänder“ und „Verräter“, sondern auch Linke, Türken und „das Judentum“.

Von der Kasseler Feuerwehr war am Dienstag keine Stellungnahme zu bekommen.

Autor:  Carsten Meyer und Joachim F. Tornau
Datum:  1 | 6 | 2011
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