Das Gericht mochte den braunen Unschuldslämmern nicht auf den Leim gehen. "Sie haben sich in langen Jahren dahin entwickelt", sagte Richter Gerhard Glaessel. "Und jetzt wollen Sie in wenigen Monaten die Gesinnung abgelegt haben?" Nein, das könne man auch bei bestem Bemühen nicht glauben.
Das Amtsgericht in Schwalmstadt kannte deshalb kein Pardon, als es Kevin S. und seine ehemaligen Kameraden der rechtsextremen "Freien Kräfte Schwalm-Eder" (FKSE) am Mittwoch wegen ihres Überfalls auf Nazi-Gegner im nordhessischen Todenhausen verurteilte.
Überfall auf Nazi-Gegner
Satte drei Jahre muss Kevin S. nun hinter Gittern schmoren: Das Gericht erhöhte die Jugendstrafe, die der 20-Jährige bereits im Januar als Haupttäter des brutalen Angriffs auf linke Camper am Neuenhainer See kassiert hatte, um weitere neun Monate. Marc O. (20), der sich vor Gericht mit kurz geschorenem Haar und unverhohlen neonazistischen Ansteckern präsentierte, wurde zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt.
Markus D. (22), dem in einer zusätzlichen Anklage auch noch der Diebstahl von Sprengstoff zur Last gelegt wurde, und Stefan R. kamen mit Bewährungsstrafen von 16 beziehungsweise elf Monaten davon.
Insgesamt waren an der Tat, die sich nur wenige Wochen vor dem verhängnisvollen Angriff auf das Zeltlager der Linksjugend "Solid" ereignet hatte, elf FKSEler beteiligt. Gegen sieben von ihnen ergingen jedoch bereits in anderen Verhandlungen milde Sanktionen nach dem Jugendstrafrecht oder wurde das Verfahren eingestellt.
Gemeinsam waren die jungen Männer im Juni 2008 nachts nach Todenhausen gefahren und hatten vor dem dortigen Jugendclub drei junge Leute überfallen, die sie für Antifaschisten hielten. "Nur weil jemand lange Haare hat, ist er ein Linker und wird zusammengeschlagen", sagte Richter Glaessel.
Einer damals 18-Jährigen schlugen die Angreifer derart brutal das Handy aus der Hand, dass ihr die Bänder im Daumen rissen. Und ein 20-Jähriger war von den braunen Gewalttätern erst mit faustgroßen Steinen beworfen, dann zusammengetreten und an seinen Haaren über die Straße gezerrt worden.
Sein Handy nahmen die rechten Kameraden mit, um später das Adressbuch abzutelefonieren. Sie hätten, erklärte Kevin S. freimütig, die Namen zu den gespeicherten Nummern recherchieren wollen - um sie der Liste ihrer Gegner hinzuzufügen: "Sagt Ihnen Anti-Antifa was?" Auch dass er getreten hatte, gab der 20-Jährige offen zu. "Ich habe eingesehen, dass die Tat sinnlos, nutzlos und einfach nur brutal war", beteuerte er in seinem Schlusswort noch einmal seine angebliche Reue und Läuterung.
Abnehmen aber mochte ihm das niemand so recht. Phrasenhaft, hohl, "geradezu eingedrillt" hätten die Sätze des langjährigen rechtsextremen Aktiven gewirkt, meinte Opferanwalt Michael Gühlcke. "Glaubhaft ist das nicht."
Nach seiner Haftentlassung, so wusste die Jugendgerichtshilfe zu berichten, strebt Kevin S. übrigens einen Job in der "Medienarbeit" an. "Da hat er gewisse Vorerfahrungen aus seiner Freizeitgestaltung." Das stimmt: Bis zu seiner Festnahme hatte der 20-Jährige unter dem Label "Volksfront Medien" ein neonazistisches Hetzvideo nach dem anderen produziert und ins Internet gestellt.

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