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Hessischer Arzt verhängt Kopftuchverbot: Kein zweiter Sarrazin

Ein Allgemeinmediziner aus dem osthessischen Wächtersbach hat in seiner Praxis ein Kopftuchverbot verhängt. Nun erklärt der Hausarzt, dass seine Aussagen über Ausländer wohl eine "Überreaktion" gewesen ist.

Seine Kommentare über Ausländer sorgten für Aufsehen: der  Arzt  Rainer Peter in Wächtersbach. Nun rudert er zurück.
Seine Kommentare über Ausländer sorgten für Aufsehen: der Arzt Rainer Peter in Wächtersbach.
Foto: Sascha Rheker

Nahe der Arztpraxis, in der ein Allgemeinmediziner für Schlagzeilen gesorgt hatte, haben am Wochenende mehrere Hundert Menschen Fastenbrechen gefeiert. Darunter waren auch Wächtersbachs parteiloser Erster Stadtrat Andreas Weiher und weitere Kommunalpolitiker. Der Arzt hatte per Aushang angekündigt, „islamistische Mädchen und Frauen mit Kopftüchern“ sowie „islamistische Familien mit mehr als fünf leiblichen Kindern“ nicht mehr zu behandeln.

Die Stimmung beim Türkisch-islamischen Kulturverein (Iftar) sei „freundlich“ gewesen, erzählt Weiher. Er unterhielt sich dort lange mit dem Vorsitzenden Seref Degermenci. Der Kulturverein zählt rund 200 Mitglieder und verfügt über ein großzügiges Kulturzentrum. Das ist für Weiher eine „Moschee“, nur ohne Minarett.

„Die Sache ist erledigt, auch der Kulturverein sieht keinen Grund mehr, weiter gegen den Arzt vorzugehen“, versichert Weiher und verweist auf eine Entschuldigung, die der Hausarzt am Montag an seiner Praxis befestigt hat. Darauf schreibt Rainer Peters, es tue ihm leid, „dass ich mit den Formulierungen über das Ziel hinausgeschossen bin und Menschen verletzt habe“. Und weiter: „Dass Menschen einen anderen Glauben haben, war und ist niemals ein Hindernis gewesen, sie zu behandeln.“ Der letzte Satz ist entscheidend, andernfalls hätte der Arzt gegen die Berufspflichten verstoßen. Kassenärztliche Vereinigung (KV) und Landesärztekammer prüfen den Fall.

In Wächtersbach sind sie bemüht, Peters nicht fallen zu lassen. „Er hat sich ganz klar im Ton vergriffen, aber es steckt keine politische Aussage dahinter“, sagt Weiher, der lange Polizeihauptkommissar war. Bei zehn Prozent liegt der Ausländeranteil in der 12.500-Einwohner-Stadt, der Mediziner behandele zu 20 Prozent ausländische Patienten, beteuert der Vizebürgermeister. „Mit Glauben hat das nichts zu tun, eher mit Kultur, Sprache und Kleidung“, meint auch der evangelische Stadtpfarrer Christoph Schilling, unterstreicht aber, dass die Äußerungen nicht nur „ungeschickt“ gewesen, sondern keinesfalls zu tolerieren seien. Peters selbst spricht von einer „Überreaktion“, als er die Hausregeln aufstellte. Unbeaufsichtigte Kinder hätten einen Behandlungsraum durcheinandergebracht, immer wieder kämen Patienten mit erheblichen Sprachproblemen zu ihm.

Kopf und Hals müssten frei sein, gerade wenn er Erkältungen untersuche, sagt er. Vor Kameras hatte der Arzt moniert, von 15 Minuten Behandlungszeit sei der größte Teil schon verstrichen, wenn erst sieben Unterhosen ausgezogen würden. Gerade solche Aussagen und die falsche Bezeichnung „islamistisch“ sind für manche Wächtersbacher der Hinweis, dass der Arzt offenbar in einer schwierigen persönlichen Situation „die Dimension seines Handelns nicht überschaut habe“.

„Extrem unglücklich“ nennt Hansjoachim Stürmer, Vorstand im Hausärzteverband Hessen, die Sache. Hier sei ein gesamtpolitisches Problem von der falschen Seite aufgegriffen worden. Ärger hätten die Allgemeinmediziner genauso mit deutschen Patienten. Anderseits plädiert Stürmer für Nachsicht. „Ich würde niemanden primär verurteilen, der sich zügig entschuldigt hat. Wir sollten daraus keinen Sarrazin machen.“

Dass der Fall in Wächtersbach keine größeren Wellen schlägt, hält Renate Holzapfel der Dialogbereitschaft des Türkisch-islamischen Vereins zugute. „Die haben sich sehr geöffnet“, sagt die Kulturanthropologin und ehemalige Stadträtin über die Muslime, die einst in zwei großen Wächtersbacher Firmen Arbeit fanden.

Unproblematisch war das Verhältnis nicht immer. Ihr Bemühen um ein Gebetshaus lieferte in den 1990er Jahren Anlass für die Fernsehsatire „Lupo und der Muezzin“. Seit der Fertigstellung des Kulturzentrums 2005 sieht Pfarrer Schilling ein „schiedlich-friedliches Miteinander.“

Autor:  Jörg Andersson
Datum:  6 | 9 | 2010
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