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FR-Interview mit Pädagoge Katzenbach: Keine Angst vorm gemeinsamen Lernen

Dieter Katzenbach, Experte für Sonderpädagogik, im Gespräch mit FR-Redakteur Peter Hanack über Schulen für behinderte und nicht behinderte Kinder.

Gemeinsamer Unterricht an der Römerstadtschule in Frankfurt.
Gemeinsamer Unterricht an der Römerstadtschule in Frankfurt.

Professor Katzenbach, gibt es in zehn Jahren in Hessen noch Gymnasien, Haupt- und Realschulen?

Das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen, die Inklusion, kann man auch in einem gegliederten System umsetzen. Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen schreibt dazu nichts vor. Aber natürlich ist die Grundidee, dass alle Kinder gemeinsam lernen sollen, mit einem gegliederten System letztlich nicht vereinbar. Deutschland ist mit diesem gegliederten System ziemlich einsam in der Welt.

Debatte bei der FR
Dieter Katzenbach

Dieter Katzenbach ist Professor für Sonderpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt.

Wie lässt sich das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen in der Schule umsetzen? Die Frankfurter Rundschau und die Landesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam leben - gemeinsam lernen“ (LAG) laden zur
Debatte über die konkurrierenden Gesetzentwürfe zur inklusiven Bildung von Landesregierung, SPD und LAG ein.

Die Diskussion im FR-Foyer, Depot Sachsenhausen, Karl-Gerold-Platz 1, beginnt heute um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Zu Gast sind der Rechtsanwalt Rupert von Plottnitz, Professor Dieter Katzenbach sowie Bildungsexperten von CDU, FDP und SPD.

Sind Förderschulen ein Auslaufmodell? Dürfen allein die Eltern entscheiden, welche Schule ihr Kind besucht? Können Lehrer Kinder mit sehr unterschiedlichen Begabungen gut unterrichten? Und was bedeutet Inklusion für das Schulsystem, wie es heute besteht? Das sind Fragen, um die es am 18. November gehen soll.

Die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte für Menschen mit Behinderungen sagt in Artikel 24, Kinder dürften nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden. Die Bundesrepublik hat diese Konvention ratifiziert. Auch Hessen muss sie umsetzen.

Inklusion heißt, dass Menschen mit und ohne Behinderung so selbstverständlich wie möglich miteinander
leben und lernen. (pgh)

Kommt mit der Umsetzung der UN-Behindertenrechts-Konvention in Hessen automatisch die eine Schule für alle?

Jedenfalls tun sich mit der Inklusion jene Länder leichter, die ein gering oder gar nicht gegliedertes Schulsystem besitzen. Kanada, Norwegen oder auch Italien hatten schon immer Schulen, in denen die Kinder länger als in Deutschland miteinander lernen, bevor sie wie bei uns auf die Schulformen Hauptschule, Realschule, Gymnasium oder eben Förderschule aufgeteilt werden. Und genau diese Länder haben Inklusion bereits als Selbstver-ständlichkeit umgesetzt. Die Frage, ob sich unser Schulsystem wegen der Inklusion verändern müsse, ist aber sowieso eine Geisterdebatte. Schule muss sich ohnehin verändern, sie muss viel mehr als heute jeden Schüler individuell fördern, auf die einzelnen Begabungen und Fähigkeiten eingehen. Das haben sich doch alle auf die Fahne geschrieben.

Wie kann man sich das in der Umsetzung an den hessischen Schulen vorstellen?

Die UN-Konvention macht zwei Dinge. Sie geht vom Individuum aus und fordert, dass es für die Beschulung von Kindern mit Behinderungen angemessene Vorkehrungen gibt, also Personal und die ausreichenden baulichen und sächlichen Voraussetzungen. Sie spricht aber auch von inklusiven Schulen, und das geht über den Individualanspruch hinaus. Also muss beides geschehen. Um das einzelne Kind herum muss ein Unterstützungssystem funktionieren, gleichzeitig muss aber auch die Regelschule bereit gemacht werden, mit diesen Kindern zu arbeiten. Das ist mehr als eine additive Ergänzung, so, als ob man eben mal die Jugendverkehrsschule in Haus holte.

Wie sieht das nachher aus: Heute gibt es hier eine Grundschule oder eine weiterführende Schule und dort eine Förderschule. Wird diese nun aufgelöst, oder laufen künftig die Förderschullehrer ständig hin und her?

Weltweit macht man es so, dass jede Schule eine sonderpädagogische Grundausstattung erhält, dass je nach Schulgröße zwei, drei oder vier Stellen dafür geschaffen werden. Für Behinderungen, die seltener vorkommen und die einen besonderen Bedarf haben, sollte es Förderzentren geben, von denen aus die Pädagogen in die jeweiligen Schulen gehen. Es geht insgesamt darum, Unterricht zu individualisieren, den unterschiedlichen Lernge-schwindigkeiten gerecht zu werden. Also etwas zu tun, was wir ohnehin tun sollten, Inklusion hin oder her.

Unterrichtsort ist also immer die heutige Regelschule, dort spielt sich alles ab, was an Förderung gebraucht wird? Und die Regelschullehrer machen so weiter wie bisher?

Die Regelschullehrer müssen bereit sein, sich auf die Unterschiedlichkeit der Kinder einzulassen. Das ist schwierig zu verändern, schwieriger jedenfalls, als eine Schule umzubauen. Bisher funktioniert Schule eher so, dass Schüler Klassen verlassen müssen, in denen sie nicht zurechtkommen. Ziel ist es, das genau umzudrehen. Die wirklich erfolgreichen Bildungssysteme zeichnet dieses Merkmal aus. Es gibt dort ein hohes Maß an Unterstützung in der Einzelschule vor Ort, verlässlich für Schüler wie für Lehrer. Wir brauchen dazu einen Mentalitätswandel. Ein Lehrer, der mit einem Schüler nicht zurecht kommt, muss erkennen, dass das kein Versagen ist, sondern er muss wissen, dass er allein nie allen gerecht werden kann. Es ist Teil der Professionalität, genau das zu erkennen.

Es gibt Vorbehalte, in der Politik, bei Lehrern, Gewerkschaften, Eltern: Die einen sagen, lasst meinem Kind die Förderschule, andere sagen, lasst bloß nicht die Störer aus der Förderschule in meine Klasse.

Es braucht darüber einen breiten Konsens in der Gesellschaft, und dieser Konsens muss angeregt werden gerade auch von der Politik, die sich ja verpflichtet hat, die Schulen hin zur Inklusion zu entwickeln.

Man muss also schon kräftig werben und kann nicht von oben bestimmen?

Ja, aber dort, wo man mit dem gemeinsamen Unterricht schon lange Erfahrungen sammelt, sind die Vorbehalte meist ausgeräumt, dort gibt es eine hohe Akzeptanz. Die Ängste sind dort, wo das Unbekannte wartet.

Soll man also alle Förderschulen schließen?

Es wäre möglich, die Förderschule auslaufen lassen, dann wäre man in zehn Jahren mit der Umstellung durch. Auf diese Weise könnte man ein neues System von unten heranwachsen lassen. Eine Alternative wäre es, mit den Grundschulen anzufangen, dort gibt es ja schon eine Gemeinschaftsschule. Es ist aus verschiedenen Gründen einfacher als in der Mittelstufe. Dazu müsste man die Grundstufen an Förderschulen auslaufen lassen. Eine dritte Möglichkeit ist es, bei bestimmtem Förderbedarf anzusetzen. Etwa bei Schülern, die heute Schulen für Lern- und Erziehungshilfe oder Sprachheilschulen besuchen. Die scheinen zumindest dem Normalbetrieb der Regelschule am ähnlichsten, dazu braucht es keine baulichen Veränderungen, man müsste die Akzeptanz der Spanne von Verhaltens-weisen und Lernfähigkeiten erweitern, wie sie ohnehin in den Regelschulen vorhanden sind – allerdings auch für die entsprechende Unterstützung von Lehrern und Schülern sorgen.

Setzte man damit die UN-Konvention nicht mit Schülern um, die gar nicht gemeint waren?

Ja natürlich, international gesehen würde man diese Schülergruppe kaum als „behindert“ ansehen. Dennoch sollte man das machen, aber dabei darf man nicht stehenbleiben. Die UN-Konvention erfüllt man so jedenfalls nicht.

Interview: Peter Hanack

Datum:  17 | 11 | 2010
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