Die hessischen Kelterer suchen ihr Heil in der Produktion von Mischgetränken. Da finden sich die Geschmacksrichtungen Grapefruit, Holunder, Cola, Pfirsich-Maracuja oder Kräuter. Auch "extramilde" und alkoholfreie Getränke zielen auf Verbrauchergruppen abseits bembelseliger Traditionalisten. Die jüngsten Bemühungen gelten dem Cider, einem apfelweinähnlichen Getränk, das sich in der englischsprachigen Welt großer Beliebtheit erfreut. Diesem Segment scheint man gute Entwicklungschancen einzuräumen.
Vor sieben Wochen hat die Kelterei Possmann ihren "Pure Cider" herausgebracht . Noch sei das Produkt nicht breit distribuiert, sagt Marketing-Leiter Alexander von Falkenhausen. Mit dem niedrigen Alkoholgehalt solle die Lücke zwischen Säften und Apfelwein geschlossen werden. Die Frankfurter, deren gesamter Ausstoß bei jährlichen 16 Millionen Litern liegt, wollen ihre Neuheit auch außerhalb Hessens positionieren.
Erfunden haben die Hessen den Apfelwein nicht - es gab ihn schon im alten Rom. In Frankfurt ist er seit 1600 nachgewiesen.
Das Reinheitsgebot stammt aus dem Jahr 1638. Es gilt bis heute.
Die Erfolgsgeschichte des Apfelweins begann erst im 19. Jahrhundert, als die Reblaus den Weinanbau rund um Frankfurt stark reduzierte. Bis dahin galt der Apfelwein als Arme-Leute-Getränk.
Heute werden in Hessen konstant rund 40 Millionen Liter Apfelwein jährlich produziert.
Nach britischem Vorbild haben die Kelterer bei Heil den "Cooper´s Cider" vergären lassen. Die Spezialität hat es mittlerweile in den überregionalen Lebensmittelhandel geschafft. Dennoch ist sie für Geschäftsführer Martin Heil ein Nischenprodukt, das nur einen kleinen Teil zum Gesamtabsatz beitrage. Es wachse kontinuierlich, obwohl "null Werbebudget" dafür verfügbar sei.
Das Augenmerk von Jörg Stier, der in Maintal eine breites Sortiment aus Äpfeln keltert, gilt vor allem der Vielfalt des "faszinierenden Getränks". Dazu gehört auch sein "Red Cider" nach nordamerikanischem Rezept .
"Cider spielt auf dem inländischen Markt eine untergeordnete Rolle", so Anke Gebhardt-Pielen, Sprecherin des Verbands der deutschen Fruchtwein- und Fruchtschaumwein-Industrie (Vdfw). Eine überregionale Wirkung sei aber vorstellbar. "Das ist im Vergleich zum Apfelwein eine andere Trinkkultur." Im vergangenen Jahr konnte bei den Mischgetränken der 134 Mitgliedsbetriebe eine Absatzsteigerung um fast 47 Prozent auf 19,6 Millionen Liter verbucht werden. Am gesamten Absatz der Branche sind die Mixturen mit 18,5 Prozent beteiligt. "Hier gewinnen die Keltereien neue Konsumenten."
Weg von der herben Säure des hessischen Nationaltrunks, hin zu einer milden Lieblichkeit, gepaart mit wenigen Alkoholprozenten - diese Kombination locke besonders Jüngere und Frauen, wie vom Verband der hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien zu hören ist. In Verbindung mit einem modernisierten Verpackungsdesign werde der Spagat zwischen Tradition und Moderne versucht, sagt Pressesprecherin Sonja Slezacek. Der Imagewechsel sei auch dem aktuellen Wellness-Trend geschuldet.
In Hessen erwirtschafteten die 53 Verbandskeltereien im vergangenen Jahr rund 55 Millionen Euro. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch im Hessenland liegt aktuell bei sechs Litern pro Jahr - und ist damit zehn Mal so hoch wie im gesamten Bundesgebiet. Obwohl keiner der großen Produzenten ohne die Mix-Sorten ins Marktgefecht ziehen will, bleiben die Umsatzanteile gering. Der normale Apfelwein gehe "noch immer am besten", so Renate Ruf von Rapp´s. Bei Müller in Butzbach beträgt der Anteil am Gesamterlös nur ein Prozent. Sprecherin Birgit Müller-Lindenau: "Die Zuwächse liegen aber je nach Produkt zwischen 10 und 45 Prozent."
Ob die kommende Saison für die Branche einen entscheidenden Schub nach vorne bringt, ist ungewiss. "Man kämpft jedes Jahr", sagt von Falkenhausen.

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