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Geschlossenes Heim: Kinder hinter Mauern

In Hessen wird ein geschlossenes Heim für Kinder bis 13 Jahren gebaut– erstmals seit Jahrzehnten. Im Oktober eröffnet der katholische Träger die Einrichtung im Main-Kinzig-Kreis. Dabei hatte der Landtag geschlossene Heime einstimmig abgelehnt.

In Sinntal eröffnet ein geschlossenes Heim für Jungen.
In Sinntal eröffnet ein geschlossenes Heim für Jungen.
Foto: dpa/dpaweb

Erstmals seit Jahrzehnten schafft Hessen wieder ein geschlossenes Heim für Kinder. Am 1. Oktober wollen die katholischen „Salesianer Don Boscos“ das Haus mit der 3,50 Meter hohen Mauer in Sinntal (Main-Kinzig-Kreis) eröffnen, wie Einrichtungsleiter Franz Harings der Frankfurter Rundschau am Freitag bestätigte.

Aufgenommen werden könnten bis zu acht Jungen von zehn bis 13 Jahren. Dabei könne es um Kinder gehen, die von zu Hause abgehauen sind, nicht zur Schule gehen und sich „jeglichem pädagogischen Einfluss verweigern“, erläuterte Harings. Voraussetzung für die Unterbringung sei immer ein richterlicher Beschluss.

DON-BOSCO-Heim

1,3 Millionen Euro gibt das Land als Zuschuss für den Ausbau der Jugendeinrichtung der Salesianer Don Boscos im Main-Kinzig-Kreis. Insgesamt kostet der Ausbau nach Angaben der Salesianer 4,7 Millionen Euro. Davon werden neben dem Neubau für die geschlossene Einrichtung auch weitere Arbeiten auf dem Gelände bezahlt.

3,50 Meter hoch ist die Mauer, die den Innenhof des neuen Heims umgibt.

Acht Jungen von zehn bis 13 Jahren können im neuen „geschützten Kinderheim“ unterkommen. Für sie sollen elf Betreuer zur Verfügung stehen.

Im Jugendhilfezentrum Sinntal-Sannerz leben heute 48 junge Männer zwischen 14 und 21 Jahren. Weitere 66 Jugendliche, darunter auch Mädchen, machen bei Don Bosco eine berufliche Ausbildung. Eine Schule gehört ebenfalls zu der Einrichtung. (pit.)

Geschlossene Heime wurden in Hessen schon lange aus pädagogischen Gründen abgeschafft. Nach Angaben der Grünen war das 1978. Kinder auf der schiefen Bahn wurden jedoch vereinzelt in solche Institutionen in anderen Bundesländern geschickt. Nach Angaben des Sozialministeriums von Minister Stefan Grüttner (CDU) betraf das seit 2005 mehr als 40 Kinder. „Solche geschützte Unterbringung moderner Prägung hat mit der geschlossenen Unterbringung vergangener Zeiten nichts gemein“, betonte das Ministerium.

Die Grünen mahnten eine breite Debatte über die Notwendigkeit und das Konzept einer solchen Einrichtung an. Ihr Sozialpolitiker Marcus Bocklet sagte am Freitag in Wiesbaden, die geplante Eröffnung des Heims sei ein „Paradigmenwechsel“. Im Fachausschuss des Landtags habe die Regierung „blankgezogen“ und auf Nachfrage keinerlei Konzepte für die Einrichtung vorlegen können.

Zudem steht das Vorgehen nach Ansicht des Grünen im Widerspruch zu einem einstimmigen Beschluss des Landtags aus dem vorigen Jahr, der von CDU und FDP angeregt worden war. Darin heißt es: „Eine geschlossene Unterbringung von Kindern und Jugendlichen außerhalb des Jugendstrafvollzugs ist abzulehnen.“ Vorangegangen waren ausführliche Debatten über die Missstände in Kinder- und Jugendheimen in der Nachkriegszeit bis in die 70er Jahre.

Die CDU entgegnete, das neue Heim widerspreche dem damaligen Beschluss nicht. „Die geschützte Unterbringung dient einer intensiven pädagogischen Betreuung und ist mit den Kinderheimen der 50er und 60er Jahre nicht zu vergleichen, die mit Entwürdigung und Repressalien verbunden waren“, sagte der sozialpolitische Sprecher der CDU, Ralf-Norbert Bartelt.

Sein FDP-Kollege René Rock unterstützte die Einrichtung, um „hochgradig delinquenten, noch strafunmündigen Kindern“ gerecht zu werden, „die durch erhebliche Selbst- und Fremdgefährdung sowie durch gravierende Verhaltensauffälligkeiten in Erscheinung treten“.

Trotz ihrer Kritik an der Regierung lehnten die Grünen eine geschlossene Unterbringung nicht vollends ab. Sie sei als allerletzte Möglichkeit denkbar, sagte Bocklet. Dies gelte aber nur „unter klaren Bedingungen“ und wenn geklärt sei, wie es für die Kinder nach der Entlassung aus dem Heim bis zur Volljährigkeit weitergehe.

SPD und Linke wandten sich hingegen grundsätzlich gegen geschlossene Heime. Sie funktionierten „auch als allerletztes Mittel nicht“, urteilte der SPD-Familienpolitiker Gerhard Merz. Die Linken-Abgeordnete Marjana Schott sagte: „Anstatt Kindern durch solche Maßnahmen Perspektivlosigkeit und Ablehnung auf eine der härtesten Weisen zu vermitteln, sollte das Land für eine langfristige und frühzeitige Jugendhilfe sorgen.“

Don-Bosco-Pater Harings sagte, es gehe nicht um eine „gefängnisähnliche“ Unterbringung. „Wir sind eine Jugendhilfeeinrichtung.“ Auch wenn der Richter die Kinder für sechs Monate einweise, dürften sie in dieser Zeit stufenweise wieder hinaus, etwa für erlebnispädagogische Aktivitäten.

„Ich glaube, dass es junge Menschen gibt, die diese Hilfe brauchen“, betonte Einrichtungsleiter Harings. Nur habe man die bisher „in andere Bundesländer abgeschoben“. Das könne sich nun ändern.

Autor:  Pitt von Bebenburg
Datum:  20 | 8 | 2011
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