Rosarot. Das Schulmäppchen auf dem Schreibtisch, die Plastikpferdchen auf dem Fensterbrett, der Glitzerpulli im kleinen Schrank - alles in Pink. Ein Mädchenzimmer mit Elefantenposter an der Wand und einer Kuscheltier-Parade auf dem Kopfkissen. Die Bewohnerin Marie ist gerade nicht da, weil sie sich eine Prinzessinnen-CD bei einer Freundin ausleihen will.
Rund. Alles rollt. Lenny (alle Namen geändert, d. Red.) kickt den Ball gegen die Wand, bückt sich, um den Miniatur-Lastwagen vorwärts zu schieben, schnappt sich wieder den Ball und wirft ihn in die Luft. Lacht. Morgen hat er ein Fußballspiel. Die Brust des achtjährigen Super-Fans von Eintracht Frankfurt schiebt sich nach vorne. "Wir gewinnen. Und die Eintracht siegt nächstes Mal bestimmt auch." In seinem E-Jugend-Team, erklärt der Mittelfeld-Star ernst, habe er auch schon als Tormann manchen Sieg der gegnerischen Mannschaft zu verhindern gewusst. Er gluckst und wippt in den Sportschuhen. "Ganz bestimmt gewinnen wir alle."
Reich. Leonie schwitzt fast, als sie die Riesen-Plastiktüte die vielen Treppen hinaufschleppt. Eine Riesen-Riesentüte, wahrlich, fast größer als die Sechsjährige. "Da ist auch ein Adventskalender drin." Schnauft aufgeregt. "Von meiner Mama." Strahlt. "Und hinter jedem Fensterchen ist gaaaanz viel Schokolade." Stapft weiter treppauf und klingelt an der roten Tür im dritten Stock.
Robust. Mirko und Maja, die zarten Zwillinge, wissen mit ihren zwei Jahren schon einiges übers Leben. Zum Beispiel, dass die Fischstäbchen, die liebevoll und mit Kartoffelsalat angerichtet auf den Tellern des Kiefernholz-Küchentisches liegen, viel besser schmecken als die Tapetenreste, die sie zu Hause oft herunterpressen mussten. "Lecker!" Es erklingt im Chor. Ebenfalls im Duett nippen sie an ihren bunten Trinkbechern. Dann steht Mirko auf, rennt zum Klo. Dafür, dass er das Laufen derart spät nachlernen musste, ist der kleine Mann ziemlich flott unterwegs. Ein Aufholer.
Unverdächtiges Schmusen kennen die Kinder nicht
Es sind Kinder, zu deren Lebenswelt in der eigenen Familie mitunter gehörte, dass Zärtlichkeit zum Beispiel bedeutet, einem erwachsenen Mann eine Hand auf den Penis legen zu müssen oder einer Frau die Finger auf die Brust. Oft sind sie dabei auch fotografiert worden, weshalb der Auslöser-Klick einer Kamera sie nach wie vor ziemlich verschreckt. "Sexualisierte Atmosphäre" nennen Experten das. Unverdächtiges Schmusen kennen diese Kleinen vielfach nicht. Und das wie auch allen anderen Ballast ihres kurzen Lebens bringen sie mit. Mit ins Kinderheim.
Es sind Kinder, deren Eltern es als angemessene Erziehungsmaßnahme wie auch im Umgang miteinander für gut erachten, fest zuzuschlagen. Ganz fest. Lenny, der heute so fröhliche Kicker und Eintracht-Frankfurt-Anhänger, hat es zum Beispiel oft mit Rohrstäben aus Metall abbekommen. Er hielt es nicht mehr aus, ging selbst zur Polizei. Er hängt an seinen Eltern wie alle Kinder, einerseits. Aber anderseits wollte er von einem Punkt an nur noch raus. Es tat zu weh. Er wollte weg, weg, weg. Fast verlegen sagt er in seinem Zimmer, seinem eigenen Heimzimmer: "Hier finde ich es schön."
Im Aufnahme- und Übergangsheim Rödelheim der Stadt Frankfurt nehmen sie Kinder vom ersten bis zum vollendeten elften Lebensjahr in drei Gruppen auf. Rund um die Uhr. Im Hort sind Blutergüsse oder Wunden aufgefallen. Nachbarn haben laute Schmerzensschreie gehört und die Kripo verständigt. Das Jugendamt hat Hinweise bekommen, dass Eltern ihre Kinder im November mit Badeschlappen und ohne Jacke in die Schule schicken und auch ansonsten hochgradig vernachlässigen. Diese und andere Notlagen bedingen: Hier sind Mädchen und Jungen zu retten.
Aber auch Kinder in Not, die sich selbst melden so wie Lenny, bekommen Schutz, Sicherheit und Geborgenheit in der Heim-Notaufnahme. Die 20 Plätze auf drei Etagen für die altersgetrennten Gruppen reichen kaum mehr aus. Unten, im Turn- und Toberaum mit der Spielball-Grube und den Kletterwänden, ist Platz für alle. Draußen auch. Spender haben geholfen, das Gelände noch schöner zu gestalten. Die Heimkinder bleiben zwischen einigen Wochen und einem Jahr. Manchmal auch länger. Es ist nicht leicht fürs Personal, da den Abstand zwischen Vertrautheit und Distanz zu halten.
"Seit Kevin ist alles noch extremer", befindet die stellvertretende Heimleiterin Gabriele Heck und meint damit den Fall des zweijährigen Bremer Jungen, der vor drei Jahren halb verwest und mit unzähligen Knochenbrüchen tot in den Kühlschrank gestopft wurde und damit zur landesweiten, schrecklichen Ikone dessen geworden ist, was Eltern ihren Kindern anzutun vermögen. Nicht nur, was die glücklicherweise gewachsene Aufmerksamkeit für die misshandelten, missbrauchten, vernachlässigten Jessicas, Leons und anderen Opfer der familiären Höllen betreffe, sondern auch den ebenso wichtigen Blick auf Jugendämter, den Sozialdienst, Gerichte und andere Behörden.
Im Frankfurter Heim jedenfalls sind sie seither noch voller als schon ohnehin. Und nach der vielbeachteten kürzlichen Anhörung im Sozialausschuss des hessischen Landtags zu den mörderischen, Nazi-Methoden ähnlichen Praktiken der Kinderheime in den deutschen Nachkriegs-Jahrzehnten können sie trotz und allem ernsthaft sagen: Heute läuft es ganz und gar anders. Es läuft gut, so schlimm die Vorgeschichten der Kinder auch sind.

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