Wer als sechste von fünf deutlich älteren Schwestern aufwächst, lernt sich durchzusetzen. Notfalls auch, alleine sein Ding zu machen und für sich selbst gerade zu stehen. "Ich hab von zu Hause einiges an Rückgrat mitbekommen", sagt Katharina Maucher, die Buchhändler-Tochter aus Freiburg, und lacht ihr Spitzbubenlachen. Aber auch Kindheit als einen eigenen Wert zu begreifen, den es zu verteidigen gilt. Standfestigkeit und Widerständigkeit sind wohl auch das letzte, was man der Frau absprechen würde, die in Frankfurt die bundesweit einmalige Fachstelle für Kinderschutz und Koordination für Hilfen (kuk) aufgebaut hat.
Widerständigkeit, sofern es um Schutz und Wohl von Kindern und um professionelle Qualität geht - der Zusatz ist Katharina Maucher wichtig. Sie weiß, dass sie mit ihrer unbeugsamen, sperrigen Haltung oft aneckt, als Störenfried gilt und im Laufe der Jahre manche ihrer Vorgesetzten im Jugend- und Sozialamt zur Weißglut gebracht hat. Mitte der 80er schreckte sie auch nicht davor zurück, die Stadt zu verklagen, um für ihre Überzeugungen zu streiten.
Ende der 70er hatte die Psychologin und promovierte Erziehungswissenschaftlerin als absolutes Novum einen psychologischen Dienst für neuen Kitas entwickelt, die aus den antiautoritären und frauenbewegten 68-ern entstanden waren. Nach getaner Arbeit wurde sie den Erziehungsberatungsstellen zugeteilt. Abgestellt, sagt sie - und zog vor Gericht. Mit Erfolg: Sie bekam freie Hand, einen psychologischen Dienst im Adoptions- und Pflegekinderwesen aufzubauen, um Familien, aber auch Jugendamtsmitarbeiter zu qualifizieren, mit den oft schwierigen Situationen umzugehen. "Dabei kam oft das Thema sexueller Missbrauch und Gewalt gegen Kinder auf."
Ausgeklügelte Interdisziplinarität
Für die Frau mit dem kurzgeschorenen Bubikopf war es also "logische Konsequenz", ein eigenes Kinderschutz-Konzept zu entwickeln. 1992 beginnt die Eine-Frau-Fachstelle unter dem Markenzeichen kuk mit der Arbeit: als niedrigschwellige Beratungsstelle für Kinder, Bürger, Kitas, Schulen und Institutionen, als Anlaufstelle für Jugendamtsmitarbeiter, die sich über schwierige Fälle austauschen wollen, fachlichen Rat, Fortbildungen, Begleitung bei Gericht oder bei Konfrontationsgesprächen mit Tätern suchen oder zum Coaching kommen, um mit der vom Fall unabhängigen Expertin verschiedene Perspektiven und Wahrnehmungen von Wirklichkeit eines Falls zu diskutieren.
Nicht zuletzt hat Katharina Maucher dabei ausgeklügelte, interdisziplinäre Verfahren entwickelt, um den Verdacht auf Gewalt gegen Kinder oder sexuellen Missbrauch abzuklären. Verfahren, die seit Jahren verbindlich sind in der Stadt und bundesweit als Vorbild gelten.
"Menschen stärken - Prävention durch Interaktion" ist Thema ihrer Doktorarbeit und bis heute Leitmotiv. Beharrlich hat sie immer Neues angepackt und sich als unabhängige Expertin im Amt durchgesetzt. Ein exotischer Posten, der die Frau, die auf Hierarchien pfeift, oft in Verruf brachte, Besserwisserin zu sein, die Fälle an sich ziehen und Sozialdienstmitarbeitern sagen wolle, wo es lang geht. Sie hat das ausgehalten, allein das Konstrukt ihrer Stelle als Gegenbeweis angeführt: ohne Weisungsbefugnis, ohne Recht, Fälle an sich zu ziehen. "Ich muss für alle meine Positionen argumentieren und überzeugen. Alles ist Angebot. Die Sozialdienstmitarbeiter entscheiden, was sie wollen und inwieweit ich mich einschalten soll."
Freier Satelit in der Behörde
Sie hat Anwürfe auch nie persönlich genommen, sagt sie, sondern als Zielscheibe immer die Fachstelle gesehen, die als freier Satellit innerhalb der Behörde per se Misstrauen errege. "Ich bin in der glücklichen Lage bin, nicht geliebt werden zu müssen." Professionelle Distanz, nennt sie das, ohne die sie auch die erschütternden Fälle ihres Arbeitsalltags wohl aufgezehrt hätten.
Für heute hat Katharina Maucher, die privat mit ihrer Partnerin gerne lange Reisen unternimmt, Kollegen und Wegbegleiter zur Abschiedsparty in ihr Büro im Jugendamt geladen. Ins Büro, in dem Spielsachen rumliegen, die Schreibtischlampe einen Entenkopf trägt und der Grundrechtsatz an der Wand hängt, "jedes Kind hat ein Recht auf ein unversehrtes Leben".
Die bald 65-Jährige feiert Abschied, obwohl sie bis Juni im Amt ist. Auch das ist typisch. "Man soll zu kuk kommen, ehe man am Ende ist", zitiert sie grinsend ein Motto ihrer Arbeit. Den wesentlichen Grund spricht sie nicht aus, wer sie kennt, versteht den Wink des Zeitpunkts: als Signal, dass ihre Arbeit absehbar endet, höchste Zeit also, die Form der Nachfolge zu diskutieren. "Das Unmögliche ist oft nur das unversucht Gebliebene", steht als Sinnspruch auf Mauchers Schreibtisch. Sie lässt nichts unversucht.

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