Geplant war nur eine Weihnachtsaktion. Geschenke für bedürftige Kinder aus Rüsselsheim. Ein Dreivierteljahr später organisiert Bianca Heinz einen Hilfsdienst für Kinder aus mittellosen Familien. Die Hilfsbereitschaft der Bürger wollte nach der Aktion einer Lokalzeitung auch weit nach Weihnachten 2007 kein Ende nehmen. Noch im Januar, Februar, März riefen Leute bei Bianca Heinz an, die für arme Kinder in der Stadt Geld, Kleider und Möbel spenden wollten. "Plötzlich hatten wir 20 000 Euro zusammen", erzählt sie.
Der Platz in den von der Stadt bereitgestellten Lagerräumen reicht schon nicht mehr. In Regalen türmen sich Kinderkleider vom Strampler bis zur Jeans, Spielzeug und Bücher. "Wir sind überwältigt worden von der Großzügigkeit", sagt sie. Und überwältigt von der Armut in den Familien. "Wir hätten nicht gedacht, dass es bei so vielen Menschen am Nötigsten fehlt", sagt Gabi Gocht, die den inzwischen gegründeten Verein Mainkinderkram mit Bianca Heinz und Ilse Jenkner leitet.
Als arm gilt nach offizieller Lesart, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat.
Der Betrag wird für verschiedene Haushaltsgrößen ermittelt. Der "Armutsatlas" des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zeigt den Stand von 2007: Single 764 Euro Alleinerziehende - mit einem Kind 994 Euro - mit 2 Kindern 1223 Euro Paar ohne Kind 1376 Euro Paar mit - 1 Kind 1605 Euro - 2 Kindern 1835 Euro - 3 Kindern 2064 Euro
Auch regionale Unterschiede werden im Armutsbericht berücksichtigt. Die Armutsquote in Prozent beträgt danach für das Jahr 2007: Nordhessen: 14,9 Osthessen 12,8 Mittelhessen: 14,4 Region Rhein-Main: 10,5 Südhessen: 10,7
Seit November lieferte der Verein rund 35 Familien Möbel. Kinderbetten, weil die Kinder auf Matratzen auf dem Boden schlafen; Kinderschreibtische, weil es keinen Platz für Schulaufgaben gibt; Schränke, weil der alte auseinander fällt. Im November stattete er weitere 35 Kinder mit Winterkleidung aus. Allein in den beiden Wochen vor Ostern fuhren die Frauen fünf Transporter voll Material aus; mehrere Erstlingsausstattungen, Kinderwagen, Wickelkommoden, Bettwäsche, Babybetten.
Marion Loose vom Fachbereich Jugend und Soziales bei der Stadt, die den Kontakt zu Bedürftigen vermittelt, freut sich über die Initiative. "Der Fokus auf die Kinder, das ist klasse", sagt sie, "wir sehen viele glänzenden Kinderaugen. Die Spenden helfen, im Moment die Löcher zu stopfen", sagt sie. "Daran, dass es Hartz-IV-Empfängern an allen Ecken und Enden fehlt, ändern sie nichts. "
Oft sind die Empfänger Alleinerziehende. Häufig kommt ein Familienhelfer mit einem Bedürftigen vorbei, um die Sachen auszusuchen. "Wir wissen nicht, warum jemand arm ist, wir bilden uns kein Urteil darüber", sagt Ilse Jenkner. Sollten die Helferinnen feststellen, dass Eltern andere Prioritäten im Umgang mit Geld setzen als sie selbst es tun würden - es ist ihnen egal. "Die Kinder können nichts dafür", sagt Gocht. Kein Empfänger bekommt Geld in die Hand. Ist das Benötigte nicht vorhanden, wird es gekauft. Neuerdings zahlt der Verein auch Beiträge für den Sportverein.
Seitdem die Arbeit des Vereins bekannt ist, stellen die Frauen einen Bewusstseinswandel fest. Viele Menschen seien schockiert darüber, dass es auch in Deutschland Armut gebe und die Behörden nicht automatisch für Ersatz beschädigter Möbel sorgten, sagen die Frauen. Sie spürten, dass der Sozialstaat nicht mehr für alles aufkomme. Das mache die Leute sensibler, wenn etwa ein Kind im November noch mit leichten Schuhen herumlaufe. Ob es gut ist, dass jetzt mehr Bürger Geld für Arme in Deutschland spenden, sehen sie mit gemischten Gefühlen: "Die Leute sagen, sie geben weniger für Afrika".

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