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Kindesmissbrauch-Prozess: Ortstermin im Dorf des Schweigens

Im osthessischen Eiterfeld spaltet ein Prozess um Kindesmissbrauch eine 200-Seelen-Gemeinde. Beschuldigt ist ein 68 Jahre alter ehemaliger Kirchenorganist.

Im Prozess um einen 68 Jahre alten, ehemaligen Kirchenorganisten, der eine heute 29-Jährige zwischen 1987 und 2003 mindestens siebenmal sexuell missbraucht haben soll, besichtigt das Gericht die mutmaßlichen Tatorte.
Im Prozess um einen 68 Jahre alten, ehemaligen Kirchenorganisten, der eine heute 29-Jährige zwischen 1987 und 2003 mindestens siebenmal sexuell missbraucht haben soll, besichtigt das Gericht die mutmaßlichen Tatorte.
Foto: dpa

Für das mutmaßliche Missbrauchsopfer ist es ein Trip zurück in eine grausame Vergangenheit. Sonja W. ringt sichtlich um Fassung und schüttelt immer wieder den gesenkten Kopf. Doch die 29-Jährige bleibt stark und absolviert jede Station des Ortstermins in der osthessischen Gemeinde Eiterfeld. Das Landgericht Fulda hat den sechsten Verhandlungstag an die bezeichneten Tatorte verlegt. Die Beteiligten begutachten die Sakristei der katholischen Kirche, eine Freizeithütte, in der der Chor feierte, eine im Wald gelegene Holzlagerhütte und die Garage am Wohnhaus des Angeklagten.

Beschuldigt ist ein 68 Jahre alter ehemaliger Kirchenorganist. Er soll die Frau zwischen 1987 und 2003 mindestens siebenmal sexuell missbraucht haben - das erste Mal, als sie sechs Jahre alt war. Laut Anklage soll der Mann sie auch mit glühenden Eisen und Holzstöcken brutal verletzt haben. Im Prozess hat der Rentner bislang keine Angaben zu den Vorwürfen gemacht. In den Vernehmungen durch die Polizei habe er lediglich sexuelle Übergriffe in Form von "Tatschereien" eingeräumt, sagt Staatsanwalt Stephan Müller-Odenwald. Sollte er schuldig gesprochen werden, drohen ihm mindestens zwei Jahre Haft. Doch bislang gibt es keine Beweise, nur belastende Zeugenaussagen und Indizien.

Sieben Persönlichkeiten

Schwierig macht den Fall auch die Verfassung des mutmaßlichen Opfers. Die Frau leidet unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung, einer seltenen psychischen Krankheit. Laut Vorsitzender Richterin Michaela Kilian-Bock hat es so einen Fall am Landgericht Fulda noch nicht gegeben. Die Frau habe sieben verschiedene Persönlichkeiten. Deswegen soll noch ein Glaubwürdigkeitsgutachten erstellt werden.

Der Angeklagte hat weißes schütteres Haar, trägt eine Trainingsjacke und wirkt wie ein Unbeteiligter. Bei Besichtigungen auf seinen Grundstücken sperrt er Journalisten und Neugierige aus. Er galt als angesehener Mann in dem 200-Seelen-Ortsteil. Mit der Familie des Opfers war er gut befreundet. Lange Zeit ahnten die Eltern nicht, was er mit ihrer Tochter anstellte, wenn er sie zum Spazierengehen mit dem Hund abholte. Auch das Opfer erduldete ihr Martyrium jahrelang. Erst im Mai 2006 fand sie den Mut, Anzeige zu erstatten. Staatsanwalt Müller-Odenwald wundert sich: "In solch einer kleinen Ortschaft hätte eigentlich irgendjemand irgendwann etwas bemerken müssen." Doch offenbar übten sich die Dorfbewohner im Wegsehen und Verschweigen.

Geschwiegen hat auch der Geistliche, der zwischen 1996 und 2008 die Pfarrei betreute. Im Jahr 2001 erfuhr er von dem Vater der jungen Frau, die als Küsterin arbeitete, dass der Organist sie sexuell belästigt habe - und zwar seit Jahren. Vor Gericht dazu befragt, gab der 47 Jahre alte Priester an, er habe dem Vater gesagt, man könne den "Weg des Versöhnens oder den der Anwälte gehen" - doch das sei in solch einem kleinen Dorf problematisch. Letztlich schwieg der Pfarrer den Fall tot, weil er sich nach eigenem Bekunden überfordert fühlte. Eigentlich hätte er das Bistum Fulda informieren müssen.

Eine Dorfbewohnerin, die den Ortstermin mit den Tränen kämpfend verfolgt, sagt: "Dieser Schweinehund ist mit dem halben Dorf verwandt. Das Dorf ist jetzt gespalten." 20 Jahre habe sie mit ihm gesungen. "Jetzt kommt mir alles hoch. Da kommt man nicht darüber hinweg. Wir haben so einen Brass. Manche möchten ihn totschlagen."

Nur die wenigsten der zwei Dutzend Neugierigen, die den Ortstermin verfolgen, offenbaren so deutlich ihre Gefühle. Der Prozess wird am 28. Oktober fortgesetzt. Mit einem Urteil sei nicht vor Dezember zu rechnen, sagt die Richterin. (dpa)

Datum:  12 | 10 | 2009
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