Offen gestanden, sagt Michael Endres, mache er gelegentlich drei Kreuze, dass seine Stiftung keine Anteile mehr hält an dem Unternehmen, aus dessen Kapital sie einst hervorgegangen ist. Er sei darüber ausgesprochen froh, setzt der Vorstandsvorsitzende der Hertie-Stiftung am Mittwoch bei der Präsentation der Jahresbilanz der Einrichtung hinzu. Denn in den USA zeige sich in der Finanzkrise, dass dortige, oft an das Unternehmenskapital gekoppelte Stiftungen schwer getroffen seien, sich in einer ausgesprochen dramatischen Lage befänden.
An von der Hertie-Stiftung geförderten bundesrepublikanischen Hochschulen lasse sich derzeit beobachten, dass sich frühere Entwicklungen in ihr Gegenteil verkehrten: Aus den USA kommen Wissenschaftler an hiesige Universitäten zurück, weil die von Stiftungen gestützten Mittel an ihren Lehrstühlen zusammengeschrumpft seien.
Die 1974 gegründete gemeinnützige Einrichtung, die seit zehn Jahren keine Unternehmensbeteiligungen mehr hat, hat seit dem Jahr 2000 nach eigenen Angaben 36,5 Millionen Euro allein für Förderprojekte in Hessen vergeben. In Hessen ist die Einrichtung die größte Stiftung. Projekt in Schulen und Hochschulen stehen im Mittelpunkt der Aktivitäten der Stiftung.
So fördert die Stiftung vor allem Forschungen der Neurowissenschaften, etwa am Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen. Von besonderer Bedeutung ist die Hertie-School of Governance, die im vorigen Jahr vom Wissenschaftsrat als Hochschule mit universitärem Anspruch anerkannt wurde.
So drastisch habe es deutsche Stiftungen bislang nicht getroffen, berichtet der Vorstandschef. Das hänge auch damit zusammen, dass die Hertie-Stiftung inzwischen nicht mehr als neun Prozent ihrer Mittel in Aktien angelegt habe, 21 Prozent dagegen in Immobilien und 52 Prozent in festverzinslichen Wertpapieren. Die Erträge aus Wertpapieranlagen seien im vergangenen Jahr zwar von gut 23 Millionen Euro auf reichlich 26 Millionen Euro gestiegen. Doch wegen Kursverlusten hätten sich die Gesamterträge um gut 32 Millionen auf elf Millionen Euro verringert. Dadurch habe es dann "den einen oder anderen Kratzer am Lack" der Stiftung gegeben.
Neue Projekte
Und doch müsse seine Stiftung nicht an stille Reserven, um bestehende Projekte weiterhin bedienen zu können, sagt Endres: Auf dem finanziellen Niveau des vergangenen Jahres halte die Stiftung an den bestehenden Projekten fest, sei allerdings "sehr vorsichtig" im Hinblick auf neue Vorhaben.
Zu den neuen Projekten gehört "Verantwortung für Deine Zukunft", das sich an Hauptschüler richtet, um Perspektiven jenseits von Hartz IV zu entwickeln: "Die sollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen", betont Vorstandschef Endres. Während die Carl-Friedrich-Zelter-Schule in Berlin bereits an dem Projekt mit individuellen Bildungsplänen und gezielter Betreuung teilnehme, sei man in Mannheim und Frankfurt im Augenblick noch im Auswahlverfahren. Zu den positiven Entwicklungen im Bildungsbereich zählte Endres auch den Wettbewerb "Starke Schule", an dem sich in diesem Jahr mehr als 600 Schulen beteiligen würden.
Wissenschaftlich begleiten ließ die Stiftung das seit 2002 laufende Stipendium für begabte Kinder aus Zuwandererfamilien. Diese Studie habe "Überraschendes" zum Bildungserfolg von Migranten zu Tage gefördert, der vor allem an drei Voraussetzungen hänge: der Dauer des Kindergartenbesuchs, den Sprachkenntnissen und dem Zeitpunkt, von dem an diese Kinder eine Schule in Deutschland besuchen.
Von den inzwischen 800 Stipendiaten hätten alle das Abitur gemacht, 90 Prozent ein Studium begonnen und rund ein Drittel könne mit der Unterstützung durch ein Studienwerk rechnen. Was für diese Stipendiaten selbst zur Integration gehöre, habe die Untersuchung der Universität Osnabrück ebenfalls ermittelt: Sie zählten den eigenen sozialen Aufstieg durch Bildung und beruflichen Erfolg dazu, die Anerkennung durch die Mehrheitsgesellschaft und das eigene Loyalitätsbekenntnis zur bundesrepublikanischen Rechtsordnung.

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