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Kliniken in der Krise: Kooperation als letzte Chance

Die kommunalen Krankenhäuser in Offenbach und Wiesbaden wollen gemeinsam überleben. Sollte das Vorhaben scheitern, droht die Privatisierung. Von Jutta Rippegather

In Offenbach arbeiten künftig auch Wiesbadener Ärzte, und umgekehrt. So stellen sich die Manager die künftige Zusammenarbeit vor.
In Offenbach arbeiten künftig auch Wiesbadener Ärzte, und umgekehrt. So stellen sich die Manager die künftige Zusammenarbeit vor.
Foto: Andreas Arnold

Im Herbst wollen die kommunalen Kliniken von Offenbach und Wiesbaden fusionieren. Die Kommunalpolitiker sind grundsätzlich einverstanden. Derzeit werden die Details und die medizinische Strategie geklärt. "Der Zeitplan ist ehrgeizig", räumt Hans-Ulrich Schmidt, Geschäftsführer des Klinikums Offenbach, ein. Seit Jahren kämpft das 900-Betten-Haus ums wirtschaftliche Überleben. Ähnlich die Situation bei den etwa gleich großen Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) in Wiesbaden. Deren Manager Horst Strehlau gibt sich im Gespräch mit der FR optimistisch.

Der erste Zusammenschluss von Häusern der Maximalversorgung im Rhein-Main-Gebiet werde Erfolg zeigen: "Wenn uns die Politik keine weiteren Knüppel zwischen die Beine wirft, schreiben wir in drei Jahren schwarze Zahlen." Wenn nicht, bleibe als Alternative einzig der Verkauf an einen privaten Betreiber. Der Rhön-Konzern habe "mit Sicherheit" Interesse. "Die Fusion", sagt Strehlau, "ist unsere letzte Chance." Das Gutachten der BDO Treuhand habe ergeben, dass sie pro Jahr 15 Millionen Euro bringe.

Teure Versorgung

Hessens Krankenhäuser gaben 2008 mehr als fünf Milliarden Euro aus, 4,8 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Es war der höchste Anstieg seit sechs Jahren, so das Statistische Landesamt.

Für Pflegepersonal sind die Ausgaben von einem Höchststand von 1,05 Milliarden Euro 2003 auf zuletzt 984 Millionen Euro gesunken. Dagegen sind in der Statistik seit 2001 die Ausgaben für ärztliches Personal ständig gestiegen, zuletzt auf 781 Millionen Euro. Die Personalkosten sind mit knapp zwei Dritteln Anteil pro Jahr größter Batzen in den Etats.

Pro Patient wendeten die Hospitäler 2008 im Tagesdurchschnitt 455 Euro auf (2007: 438 Euro). Die durchschnittlichen Kosten für einen Krankenhaus-aufenthalt lagen bei 3700 Euro (2007: 3600 Euro). Kostentreiber im vergan-genen Jahr waren vor allem die Sach-kosten. Allein für Wasser, Energie und Brennstoffe mussten die Kliniken im vergangenen Jahr 15 Prozent mehr zahlen als 2007. (dpa/jur)

Das Thema ist brandaktuell. Wie viel Potenzial steckt in der Kooperation von Kliniken? Diese Frage steht im Mittelpunkt des 4. Rhein-Main Zukunftskongresses, der am Donnerstag in Offenbach beginnt. Fachleute aus ganz Deutschland diskutieren dort zwei Tage über Wege aus der Krise der Krankenhäuser.

Für Offenbach und Wiesbaden glaubt Georg Schulze-Ziehaus von der Gewerkschaft Verdi Hessen die Antwort zu kennen: "Der Zusammenschluss kann nur ein Anfang sein." Das Rhein-Main-Gebiet zeichne sich durch eine große Dichte von Kliniken hoher Versorgungsstufen aus. Entweder nähmen sie sich weiter gegenseitig die Patienten weg oder sie positionierten sich als Großmacht gegen übernahmehungrige Privatkonzerne. Der Verdi-Mann setzt auf die zweite Variante: Frankfurt-Höchst, Hanau, Darmstadt seien geeignete Beitrittskandidaten für die Holding, die im Herbst an den Start gehen soll.

Offenbach und Wiesbaden verstehen sich denn auch als Vorreiter: "Wir sind das Fundament", sagt Strehlau. Die Kollegen aus Darmstadt begleiteten die Beratungen, Hanau hatte sich zum Jahresende "Bedenkzeit" erbeten. Als Verbund würden die vier Kliniken dem BDO-Gutachten zufolge knapp 140000 Patienten pro Jahr versorgen, einen Marktanteil von 25 Prozent abdecken. Höchst war schon abgesprungen, bevor das Gutachten in Auftrag gegeben worden war.

"Wirtschaftliche Stärken ausbauen, Synergien nutzen" - das sind die Schlagworte, mit denen die beiden Krankenhausmanager ihre Kooperation beschreiben. Wiesbaden könne die vakante Stelle der IT-Leitung übernehmen, wird Strehlau konkreter, HSK-Ärzte in Offenbach fehlende Abteilungen für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Dermatologie oder Augenheilkunde aufbauen. Umgekehrt soll Wiesbaden von der Strahlentherapie in Offenbach profitieren. "Entscheidend ist der Blick weg vom eigenen Kirchturm." Vom gemeinsame Logistikzentrum für Arzneimittelkauf, an dem sich auch das Klinikum Höchst beteiligt, verspricht sich Schmidt ebenfalls einen Spareffekt. Auch kann er sich gut vorstellen, dass künftig ein Chefarzt für beide Standorte zuständig ist.

Der Manager gehört zu den großen Fans von Kooperationen. Sein bislang größter Wurf ist die Gourmet-Werkstatt Rhein-Main/Wetterau, die das Klinikum Offenbach mit dem Gesundheitszentrum Wetterau betreibt. Die Großküche versorgt Krankenhäuser, Betriebe, Schulen und Kitas mit Essen. Die Wetterauer gelten auch als Aspiranten für das Logistikzentrum.

Das Geschäft mit der Gesundheit ist knallhart. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Häuser fusionieren: "Offenbach und Wiesbaden sind die beiden, denen es wirtschaftlich am schlechtesten geht", sagt Schulze-Ziehaus. Sollten die Kommunalpolitiker das öffentliche Gesundheitswesen aufrechterhalten wollen, müssten sie endlich aufwachen. "Es ist eine Illusion, dass alles so bleibt." Wenn jeder weiter sein eigenes Süppchen koche, würden immer mehr Häuser verkauft - mit Folgen: "Die Privaten beherrschen die Strukturen. Sie sagen, was wo wie geleistet wird - nämlich das mit der höchsten Gewinnmöglichkeiten."

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Autor:  Jutta Rippegather
Datum:  16 | 2 | 2010
Seiten:  1 2
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