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Koma-Trinken: Bis zum Limit

Saufende Kinder Alkohol und Koma-Trinken werden auch in Frankfurt zunehmend Bestandteile der Jugendkultur. Die Trinker kommen ins Bürgerhospital und zur Nachsorge in die Suchtberatung. Von Anita Strecker

Süß und fies: Alkoholika mit Gummibärchengeschmack.
Süß und fies: Alkoholika mit Gummibärchengeschmack.
Foto: Oliver Stratmann/ddp

Eine Flasche Wodka, sechs Flaschen Bier: Zu dritt haben sie den Stoff am Kiosk besorgt und im Bockenheimer Bernuspark gefeiert, zwei 13-jährige Mädchen und ein 15 Jahre alter Kumpel. Eines der Mädchen hat die Polizei mit 2,03 Promille in die Klinik für Abhängigkeitserkrankungen des Bürgerhospitals eingeliefert. Dort kommen sie alle hin, Jugendliche, die sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken, manchmal gar bis zur "Todeszone", wie Joachim Messer, Psychologe und Leiter der Jugendberatung und Suchthilfe Am Merianplatz, es ausdrückt. Die 13-Jährige aus Bockenheim ist kein Einzelfall. 2008 wurden 61 Jugendliche zwischen elf und 20 ins Bürgerhospital eingeliefert, 2009 werden es mehr sein.

Mit ihren rund zwei Promille Alkohol im Blut zählt die 13-Jährige auch nicht einmal zu den krassesten Fällen. Eine 15 Jahre alte Frankfurterin wurde dieses Jahr binnen sechs Wochen gleich zweimal besinnungslos ins Bürgerhospital eingeliefert. Einmal mit 2,2 Promille im Blut, das zweite Mal mit lebensbedrohlichen vier Promille.

Seit 2004 reagieren Stadt, Bürgerhospital und die Suchthilfe am Merianplatz mit dem Projekt "Hart am Limit" (Halt) auf die "gefährlichen neuen Trinkmuster unter jungen Menschen", vor denen auch Sabine Bätzing, Drogenbeauftragte des Bundes, warnt und die vor Jahren mit der Welle der Alko-Pops zum Massenphänomen wurden. "Alle Jugendlichen mit Alkoholvergiftungen werden seither zentral ins Bürgerhospital gebracht", sagt Gabriele Dyckmans, Referentin im Stadtgesundheitsamt. Nach Ausnüchterung und Entgiftung werde den Jugendlichen ein umfangreicher, standardisierter Fragekatalog zu Hintergründen und Motiven des Besäufnisses vorgelegt, danach werden sie zur Nachbetreuung an die Suchthilfe am Merianplatz weiter verwiesen. Das Projekt funktioniert, sagt Dykmans. 2004 war es als dreijähriges Bundesmodell gestartet, seit 2008 finanziert es die Stadt alleine, im laufenden Haushalt stehen 21000 Euro dafür bereit.

Etwa 60 Prozent der eingelieferten jugendlichen Koma-Trinker nehmen das Angebot an, sagt Joachim Messer. Die übrigen würden oft "fluchtartig" die Klinik verlassen, viele, weil sie sich "furchtbar schämen", andere, weil sie ihre Alkoholvergiftung als einmalige Entgleisung abhaken. Die, die kommen, sitzen dann wie ein Häuflein Elend vor ihm, sagt Messer. "Die meisten sind total geschockt." Toll finde es jedenfalls niemand - sich mit Schläuchen überall, möglicherweise noch verschmiert von Erbrochenem, im Klinikbett wiederzufinden.

In den Gesprächen mit den Suchtberatern geht es dann darum, Konsequenzen zu formulieren, was sie aus der Situation lernen, oder dass sie sich auch bewusst werden über die Risiken ihres Tuns. "Nicht nur, dass die Alkoholvergiftung selbst lebensgefährlich sein kann, es geht auch um Unfallgefahren, Verletzungen oder sexuelle Übergriffe, die im Rausch passieren können", sagt Messer. "Wer so betrunken ist, mit dem kann man alles machen."

Fehlende Risikokompetenz

Solche Gedanken macht sich kaum ein Jugendlicher, sagt Messer. Überhaupt sei auffällig, dass Jugendlichen generell eine "Risikokompetenz" fehle. "Sie unterschätzen auch Gefahren im Sport oder Freizeitverhalten." Das gelte für alle, sagt er, gleich ob Gymnasiast oder Hauptschüler und unabhängig von sozialer Schicht. Ähnlich gemischt sind auch die Kandidaten, die sturzbetrunken im Bürgerhospital landen. Und die Zahlen steigen seit dem Jahr 2000 stetig: Alkoholkonsum von Jugendlichen ist ein ernstes Problem, bestätigt Messer. "Er gehört inzwischen zum Freizeitverhalten vieler Jugendlicher dazu."

Sei Alkohol noch vor Jahren in der Techno-Szene total verpönt gewesen, gehöre der Spirituosen-Mix inzwischen auch dort dazu, sagt Messer - und zum Disko-Besuch ohnehin. Blogs von Jugendlichen im Internet bestätigen es. Dort werden nicht nur die einschlägigen Diskos in der Stadt weiterempfohlen, in die man nicht nur locker nur mit dem "Mama-Schein" - der Einverständniserklärung der Eltern - reinkommt, sondern sich auch ohne lästige Aufpasser bis zur Hutschnur mit Wodka und Red Bull volllaufen lassen kann. Wobei die meisten Saufgelage laut Messer irgendwo im Freien oder in sturmfreien Buden zu Hause ablaufen. "Die Jugendlichen besorgen sich ihre Spirituosen, Red Bull-Verschnitt oder den neuen Modestoff Jägermeister lieber billiger im Discounter." Wobei nach seiner Beobachtung große Märkte darauf achten, harte Sachen nicht an Jugendliche zu verkaufen und im Zweifel den Ausweis verlangen. "Kleine Läden, Tankstellen oder Kioske sind eher ein Problem."

Zu Beginn des Halt-Projekts sind Messer und Kollegen zu Kiosken und Läden getingelt, haben Plakate verteilt und für Problembewusstsein in Sachen Alkohol und Jugendliche geworben. Nach zwei Jahren Pause werden sie diesen "pro-aktiven Teil von Halt" wieder starten, sagt Messer. "Das ist mal wieder nötig." Kommentar R4

Autor:  Anita Strecker
Datum:  30 | 12 | 2009
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