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Konzert: Angriff auf die Gegenwart

Fehlfarben, immer noch gut, aber grandios unterschätzt, sind wieder auf Tour. Von Tim Gorbauch

Was das Schwerste war bei diesem Comeback nach mehr als 20 Jahren Pause, wurde Peter Hein einmal gefragt. Er antwortete: "Den Leuten klar zu machen, dass es uns ums Jetzt geht und nicht um irgendeine Erinnerung. Das war das Kernproblem. Und ist es auch immer noch."

Das Comeback begann vor sieben Jahren. Im Januar 2003 sorgten ihre ersten großen Auftritte für gewaltiges Aufsehen. Der Punk war gerade wieder in aller Munde, und jeder wollte wissen, was der Mann, der als sein relevantester Vertreter in Deutschland galt, noch zu sagen hat.

Peter Hein war berühmt, weil er schon ausgestiegen war, als alles noch gar nicht wirklich begonnen hatte. Zwei Tage vor der ersten großen Tour der Fehlfarben ging er wieder zu Rank Xerox. Gut möglich, dass er ahnte, was kommen würde. Ina Deter, die neue Deutsche Welle.

2003, Hamburg. Fehlfarben verkauften die Große Freiheit aus. Hein kämpfte schon darum, nicht bloß als Fossil angegafft zu werden, sondern als ein Stück Gegenwart. Das Publikum tat ihm den Gefallen nicht. Man wollte in Erinnerung schwelgen und alte Punk-Gesten proben. Bierbecher flogen. Hein antwortete mit gekonnter Verweigerung. Er ging irgendwann von der Bühne und rief den Mittvierzigern ins Gesicht: "Es tut mir leid, dass ich euer Abi-Treffen gestört habe."

Die Auftritte danach erregten weniger Aufsehen, genauso wie die Platten, die Fehlfarben nun wieder einigermaßen regelmäßig aufnahmen. Das lag einerseits daran, dass der Hype genauso schnell verschwand, wie er gekommen war, anderseits aber auch an der noch immer gepflegten uralten Punk-Tradition, selten überprobt auf die Bühne zu gehen.

Zudem machten es sich die Fehlfarben nicht einfach. Sie warben um ihre neuen Songs und spielten sie mit Euphorie und sturer Kraft. Hätten sie einfach die Songs ihres Debütalbums "Monarchie und Alltag" runtergerissen, der Erfolg wäre ihnen sicher gewesen. Man muss sich nur mal dran erinnern. Das Buch des Jahres, hieß es damals vor 30 Jahren, war eine LP - so wichtig wird Musik selten.

Widerborstiger Gesang

Dagegen der Angriff auf die Gegenwart. Mit jedem Album neu. Und vieles, was Fehlfarben im Studio ersannen, war oft schlicht grandios. Das ist auf dem neuen Album, das "Glücksmaschinen" heißt und auf dem Label Tapete Records erschien, nicht anders. Okay, über die Synthesizer in der "Stadt der 1000 Tränen" kann man streiten, aber die Präsenz, die Heins charakteristischer, widerborstiger Gesang hat - das ist nicht Geschichte, das ist pures Jetzt. Man muss sich nur den Titelsong anhören. Große, druckvolle, berstende Musik. "Wir leben, wir sind Glücksmaschinen. Wir sind noch lange nicht ausgeschieden."

Dass noch immer viel zu wenige davon wissen wollen, nimmt Hein ihnen nicht übel. "Ich bin doch ein großartiger Glashaus-Steine-Schmeißer", erzählt er. "Die neue Stooges, nach 30 Jahren das erste Album, hab ich mir noch nicht angehört - und zwar mit dem gleichen Argument, mit dem man uns auch niederbügeln könnte: Will ich denn das alles überhaupt noch wissen? Wenn ich mir die Platte in fünf Jahren dann auflege, finde ich sie wahrscheinlich ganz klasse."

Fehlfarben, 6.4, 20.30 Uhr, Das Rind, Rüsselsheim, Mainstraße 11, Telefon 06142/82191

Datum:  6 | 4 | 2010
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