Kommt da wirklich der Muff der 50er Jahre hoch, wie es der Clubbetreiber Matthias Morgenstern formuliert? Bestimmt gar die Kirche darüber, wie die Menschen zu leben haben, Fromme ebenso wie Nicht-Fromme? Oder geht es bei einem Streit wie dem um das Tanzverbot an Karfreitag vor allem darum, wenigstens ab und an einmal innezuhalten, die Welt ein wenig zur Ruhe kommen zu lassen, als Gesellschaft einig zu werden, wie stille Feiertage begangen werden sollten?
Das sind Fragen, die offenbar viele Menschen berühren, wie die Beteiligung an dem Stadtgespräch zeigt, zu dem die Frankfurter Rundschau gemeinsam mit der Landtagsfraktionen der Grünen eingeladen hatte. Mehr als 100 Menschen waren am Freitagabend ins FR-Depot Sachsenhausen gekommen und suchten beinahe zwei Stunden lang nach Antworten auf die Fragen, die die Oster-Aufregung um das karfreitägliche Tanzverbot in Frankfurt aufgeworfen hatten.
Sarah Sorge, Landtagsabgeordnete der Grünen: „Es ist o.k., wenn es keinen Halli-Galli im öffentlichen Raum gibt. Aber warum soll man auch in einer Disko nicht tanzen?“
Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau: „Ein Tanzverbot ist sinnvoll, wenn es darum geht, einen stillen Feiertag auch still zu begehen.“
Volker Stein (FDP), Frankfurter Ordnungsdezernent: „Jeder Gaststättenbetreiber muss die Gesetze beachten, geht es nun um Hygiene, Nichtraucherschutz oder Tanzverbot.“
Christoph Hefter, Vorsitzender der Stadtversammlung der Frankfurter Katholiken: „Karfreitag darf nicht zum lauten Happeningtag werden, dann lieber zum Arbeitstag.“
Matthias Morgenstern, Clubbetreiber Tanzhaus West: „Da kommt der Muff der fünfziger Jahre hoch.“
Gisela Kögler, Mörfelden-Walldorf: Persönlich tendiere ich dazu, das Sonn- und Feiertagsgesetz so beizubehalten, wie es ist. Wobei man Regelungen, wie das Tanzverbot an Sonntagen, zur Diskussion stellen kann. An den stillen Feiertagen bin ich nach wie vor für eine Beibehaltung des Tanzverbots. Es geht hier um eine Frage des Respekts, den ich für mich als Christin reklamiere.
Katharina Peter, Karben: Diese ganze Diskussion ist ein Indiz für den Werteverfall in unserem Land. Alte Traditionen sind nichts mehr wert, alles soll abgeschafft werden. Ich bin empört über dieses Geschehen. Gewisse Werte müssen einfach eingehalten werden. Ist es denn gut für eine Gesellschaft, wenn sie allen Traditionen entsagt? Ich glaube nicht.
Jasmin Meister, Vorsitzende der evangelischen Jugend in Hessen und Nassau: Der Karfreitag stellt eine Provokation für die Gesellschaft dar, weil es um Themen wie Tod, Leid und Trauer geht. Es ist Aufgabe der Kirche, das den Menschen nahe zu bringen. Die Angebote müssen da sein. Ob jemand sie nutzt oder lieber feiert, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Jörg Dantscher, Pfarrer in Frankfurt: Ich denke, wir müssen Konsens darüber herstellen, ob wir Regeln, die aus den 50ern stammen, über Bord werfen können, weil sich das Verständnis gewandelt hat. Ich würde aber davor warnen, das Sonn- und Feiertagsgesetz in Gänze in Frage zu stellen. Die Diskussion über Ladenöffnungen am Sonntag etwa, finde ich gefährlich.
Andreas Jürgens, Landtagsabgeordneter der Grünen: Ich bin der festen Überzeugung, dass der Staat gesetzliche Feiertage als solche auch schützen muss, auch in ihren Grundlagen. Das heißt, dass etwa die Stadt dafür sorgen muss, dass stille Feiertage auch wirklich still sind und nicht zu lauten Feiertagen werden. Ein Tanzverbot an allen Feiertagen, wie es zurzeit in unserem Gesetz steht, ist etwas, worüber man diskutieren können muss.
Das hessische Feiertagsgesetz stammt aus dem Jahr 1952. Es wurde inzwischen mehrmals geändert.
Öffentliche Tanzveranstaltungen sind an gesetzlichen Feiertagen von 4 Uhr bis 12 Uhr verboten.
Betroffen sind Neujahr, Karfreitag, Ostermontag, Himmelfahrt, Pfingstmontag sowie erster und zweiter Weihnachtstag. An Karfreitag vor Ostern sind außerdem Sportveranstaltungen verboten sowie Auf- und Umzüge, sofern diese nicht dem Ernst des Tages angemessen erscheinen.
Einschränkungen gibt es auch an weiteren Tagen im Jahr. Dazu zählt das Gesetz den Gründonnerstag, den Karsamstag, den Volkstrauertag und den Totensonntag. (pit/pgh)
„Ich kann ja verstehen, dass es an solchen Feiertagen kein Halligalli im öffentlichen Raum geben muss“, sagte die designierte Frankfurter Schuldezernentin und Grünen-Landtagsabgeordnete Sarah Sorge, deren Fraktion die öffentliche Diskussionsrunde angestoßen hatte, um bei der Entscheidungsfindung zu einer gemeinsamen politischen Position voran zu kommen. „Aber ich kann nicht verstehen, warum an solchen Feiertagen das Tanzen auch in einer Diskothek verboten sein soll. Wer nicht möchte, muss da ja nicht hingehen“, sagte Sorge weiter.
Auf gleicher Linie argumentierte auch der Betreiber des Tanzhauses West, Matthias Morgenstern. „Wir stören niemanden, wir machen keinen Lärm, den man draußen oder gar in einer benachbarten Kirche hören könnte“, sagte er. Dass in Frankfurt dieses Jahr das Tanzverbot an Ostern rigoros durchgesetzt worden sei, „da lacht man doch in Offenbach, Gießen oder in Berlin über uns.“ Seiner Ansicht nach entspricht ein solches Verbot „nicht mehr der Lebenswirklichkeit der Menschen“ und gehört vollständig abgeschafft. „Wir brauchen auch keine Religionspolizei, die dem Individuum bestimmte Verhaltensweisen aufoktruiert“, kritisierte Morgenstern.
„Es geht nicht darum und es kann auch gar nicht darum gehen, dass wir als Kirche bestimmen, wie eine Gesellschaft zu leben hat“, entgegnete Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Der Vorwurf, es gebe eine Religionspolizei, sei deshalb auch „völlig daneben“. Die Ruhe der Sonn- und Feiertage aber sei auch ein Ausdruck von Freiheit, „der Freiheit, ruhige Tage zu verleben, die in der Regel auch arbeitsfrei sein sollen“, sagte Jung. „Ein Tanzverbot ist dem Charakter eines Tages wie dem Karfreitag angemessen, wenn es darum geht, ihn als stillen Tag zu begehen“, sagte Jung. Als Jugendlicher habe er den besonderen Charakter dieses Tages durch das Rundfunkprogramm wahrgenommen, „das ruhiger daherkam“. „Ich habe dann verstanden, dass es ein Tag ist, an dem man Tod, Leid und Sterben in der Welt gedenkt.“
„Kirche und feiern, das schließt sich nicht aus“, sagte der katholische Laie Christoph Hefter, Vorsitzender der Stadtversammlung der Frankfurter Katholiken. Wenn man aber keine Feiertage mit christlicher Prägung mehr will, dann könne man diese auch ganz abschaffen und zu Arbeitstagen machen. Er sieht den Charakter dieser Feiertage in Gefahr, wenn etwa die Ladenöffnungszeiten immer weiter ausgeweitet werden, Videotheken an Sonntagen geöffnet sein dürften oder auch an Adventssonntagen vor allem Shopping angesagt sei.
„Wir können gerne darüber diskutieren, wie sinnhaft bestimmte Gesetze wie etwa das Feiertagsgesetz ist“, sagte Volker Stein, Frankfurter Ordnungsdezernent, der zu Osten auf die Einhaltung des Tanzverbots gedrängt hatte. „Es gab Anzeigen, da mussten wir dem nachgehen“, verteidigte Stein sein Vorgehen. Wer aber daran denke, Regelungen wie das Tanzverbot zu Tagen wie dem Totensonntag, dem Volkstrauertag oder Ostern zu kippen, „der muss auch wissen, dass diese Feiertage dann ganz schnell abgeschafft werden.“
Wie eine Gesellschaft ihre gemeinsamen Feiertage begehen will, welche Tage dies überhaupt sein sollen und ob vielleicht künftig auch ein muslimischer Feiertag dazu zählen sollte, blieb am Schluss der von FR-Landtagskorrespondent Pitt von Bebenburg moderierten Diskussionsrunde unbeantwortet.
Dass nicht alles so bleiben solle, wie es ist, darüber waren sich Podium und Zuhörer einig. Ein Drittel stimmte am Ende dafür, das Tanzverbot vollständig zu kippen. Zwei Drittel aber wollen es an bestimmten Tagen erhalten – wenn dies auch deutlich weniger sein sollen als heute, wo noch jeder normale Sonntagvormittag unter das Tanzverbot fällt.

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Facebook | Twitter überregional | Google+
Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.