kalaydo.de Anzeigen

Tanzverbot an Feiertagen: Krach um Stille

Das Frankfurter Ordnungsamt hatte der Stadt am Karfreitag Ruhe verordnet. Recht oder Unrecht? Beim Stadtgespräch im Depot der Frankfurter Rundschau gingen die Meinungen darüber auseinander.

Mehr als 100 Menschen verfolgten die Diskussion um das Tanzverbot im FR-Depot.
Mehr als 100 Menschen verfolgten die Diskussion um das Tanzverbot im FR-Depot.
Foto: Christoph Boeckheler

Kommt da wirklich der Muff der 50er Jahre hoch, wie es der Clubbetreiber Matthias Morgenstern formuliert? Bestimmt gar die Kirche darüber, wie die Menschen zu leben haben, Fromme ebenso wie Nicht-Fromme? Oder geht es bei einem Streit wie dem um das Tanzverbot an Karfreitag vor allem darum, wenigstens ab und an einmal innezuhalten, die Welt ein wenig zur Ruhe kommen zu lassen, als Gesellschaft einig zu werden, wie stille Feiertage begangen werden sollten?

Das sind Fragen, die offenbar viele Menschen berühren, wie die Beteiligung an dem Stadtgespräch zeigt, zu dem die Frankfurter Rundschau gemeinsam mit der Landtagsfraktionen der Grünen eingeladen hatte. Mehr als 100 Menschen waren am Freitagabend ins FR-Depot Sachsenhausen gekommen und suchten beinahe zwei Stunden lang nach Antworten auf die Fragen, die die Oster-Aufregung um das karfreitägliche Tanzverbot in Frankfurt aufgeworfen hatten.

Stimmen zum Tanzverbot
Sarah Sorge, Landtagsabgeordnete der Grünen: „Es ist o.k., wenn es keinen Halli-Galli im öffentlichen Raum gibt. Aber warum soll man auch in einer Disko nicht tanzen?“

Sarah Sorge, Landtagsabgeordnete der Grünen: „Es ist o.k., wenn es keinen Halli-Galli im öffentlichen Raum gibt. Aber warum soll man auch in einer Disko nicht tanzen?“

Darum geht es

Das hessische Feiertagsgesetz stammt aus dem Jahr 1952. Es wurde inzwischen mehrmals geändert.

Öffentliche Tanzveranstaltungen sind an gesetzlichen Feiertagen von 4 Uhr bis 12 Uhr verboten.

Betroffen sind Neujahr, Karfreitag, Ostermontag, Himmelfahrt, Pfingstmontag sowie erster und zweiter Weihnachtstag. An Karfreitag vor Ostern sind außerdem Sportveranstaltungen verboten sowie Auf- und Umzüge, sofern diese nicht dem Ernst des Tages angemessen erscheinen.

Einschränkungen gibt es auch an weiteren Tagen im Jahr. Dazu zählt das Gesetz den Gründonnerstag, den Karsamstag, den Volkstrauertag und den Totensonntag. (pit/pgh)

„Ich kann ja verstehen, dass es an solchen Feiertagen kein Halligalli im öffentlichen Raum geben muss“, sagte die designierte Frankfurter Schuldezernentin und Grünen-Landtagsabgeordnete Sarah Sorge, deren Fraktion die öffentliche Diskussionsrunde angestoßen hatte, um bei der Entscheidungsfindung zu einer gemeinsamen politischen Position voran zu kommen. „Aber ich kann nicht verstehen, warum an solchen Feiertagen das Tanzen auch in einer Diskothek verboten sein soll. Wer nicht möchte, muss da ja nicht hingehen“, sagte Sorge weiter.

Auf gleicher Linie argumentierte auch der Betreiber des Tanzhauses West, Matthias Morgenstern. „Wir stören niemanden, wir machen keinen Lärm, den man draußen oder gar in einer benachbarten Kirche hören könnte“, sagte er. Dass in Frankfurt dieses Jahr das Tanzverbot an Ostern rigoros durchgesetzt worden sei, „da lacht man doch in Offenbach, Gießen oder in Berlin über uns.“ Seiner Ansicht nach entspricht ein solches Verbot „nicht mehr der Lebenswirklichkeit der Menschen“ und gehört vollständig abgeschafft. „Wir brauchen auch keine Religionspolizei, die dem Individuum bestimmte Verhaltensweisen aufoktruiert“, kritisierte Morgenstern.

„Es geht nicht darum und es kann auch gar nicht darum gehen, dass wir als Kirche bestimmen, wie eine Gesellschaft zu leben hat“, entgegnete Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Der Vorwurf, es gebe eine Religionspolizei, sei deshalb auch „völlig daneben“. Die Ruhe der Sonn- und Feiertage aber sei auch ein Ausdruck von Freiheit, „der Freiheit, ruhige Tage zu verleben, die in der Regel auch arbeitsfrei sein sollen“, sagte Jung. „Ein Tanzverbot ist dem Charakter eines Tages wie dem Karfreitag angemessen, wenn es darum geht, ihn als stillen Tag zu begehen“, sagte Jung. Als Jugendlicher habe er den besonderen Charakter dieses Tages durch das Rundfunkprogramm wahrgenommen, „das ruhiger daherkam“. „Ich habe dann verstanden, dass es ein Tag ist, an dem man Tod, Leid und Sterben in der Welt gedenkt.“

„Kirche und feiern, das schließt sich nicht aus“, sagte der katholische Laie Christoph Hefter, Vorsitzender der Stadtversammlung der Frankfurter Katholiken. Wenn man aber keine Feiertage mit christlicher Prägung mehr will, dann könne man diese auch ganz abschaffen und zu Arbeitstagen machen. Er sieht den Charakter dieser Feiertage in Gefahr, wenn etwa die Ladenöffnungszeiten immer weiter ausgeweitet werden, Videotheken an Sonntagen geöffnet sein dürften oder auch an Adventssonntagen vor allem Shopping angesagt sei.

„Wir können gerne darüber diskutieren, wie sinnhaft bestimmte Gesetze wie etwa das Feiertagsgesetz ist“, sagte Volker Stein, Frankfurter Ordnungsdezernent, der zu Osten auf die Einhaltung des Tanzverbots gedrängt hatte. „Es gab Anzeigen, da mussten wir dem nachgehen“, verteidigte Stein sein Vorgehen. Wer aber daran denke, Regelungen wie das Tanzverbot zu Tagen wie dem Totensonntag, dem Volkstrauertag oder Ostern zu kippen, „der muss auch wissen, dass diese Feiertage dann ganz schnell abgeschafft werden.“

Wie eine Gesellschaft ihre gemeinsamen Feiertage begehen will, welche Tage dies überhaupt sein sollen und ob vielleicht künftig auch ein muslimischer Feiertag dazu zählen sollte, blieb am Schluss der von FR-Landtagskorrespondent Pitt von Bebenburg moderierten Diskussionsrunde unbeantwortet.

Dass nicht alles so bleiben solle, wie es ist, darüber waren sich Podium und Zuhörer einig. Ein Drittel stimmte am Ende dafür, das Tanzverbot vollständig zu kippen. Zwei Drittel aber wollen es an bestimmten Tagen erhalten – wenn dies auch deutlich weniger sein sollen als heute, wo noch jeder normale Sonntagvormittag unter das Tanzverbot fällt.

Autor:  Peter Hanack
Datum:  16 | 5 | 2011
Kommentare:  18
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Twitter im Landtag
 

Nachrichten aus Frankfurt und Rhein-Main

Anzeige

Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!

Anzeige

Frage des Tages: Sollte man härter gegen Graffiti-Sprayer vorgehen?

Frankfurts Fassaden sind voll von Graffiti. Die Verursacher sind meistens nicht festzustellen. Die Polizei will nun härter gegen Graffiti-Sprayer vorgehen. Was halten Sie davon?

 

OB-Stichwahl in Frankfurt
Wahlergebnis Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frage des Tages: Welches Thema sollte der neue OB Peter Feldmann zuerst angehen?

Peter Feldmann wird Frankfurts neuer Oberbürgermeister. Welches Thema sollte der Sozialdemokrat in seinem neuen Amt als erstes angehen?

OB-Wahl in Frankfurt
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Machtkampf nach OB-Wahl in Frankfurt 
        

Zählt die Tage bis zum Amtsantritt: Peter Feldmann.
Neuer Oberbürgermeister Frankfurt 
Der neue Oberbürgermeister Peter Feldmann bringt ein neues Team mit.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Prinz Asfa-Wossen Asserate.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Spezial: Frankfurt Flughafen

Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.


Spezial: Der Flughafen wächst weiter
Manche Menschen freuen sich über den Klang von Glocken, andere fühlen sich gestört. (Symbolbild)
Fluglärm in Frankfurt 
        

Für diejenigen Menschen, die unter dem Fluglärm leiden, ist Frankfurt bei weitem nicht „grün“ genug.
Fluglärm in Frankfurt 
        

Wohnen in der Region: Lärm, aber noch kein Schallschutz.
Schleppende Antragsbearbeitung 
        

Nach Sonnenuntergang sollen auch die Flieger unten bleiben.
Nachtflugverbot 

Anzeige

Spezial

Auch dieses Jahr dürfte beim Schulwechsel der Sturm auf die Gymnasien ungebrochen anhalten. Doch welche Schulen passen eigentlich zu welchen Kindern? Die FR bietet einen Überblick.

Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

 

Anzeige

 
Frankfurter Stadtteil-Porträts
Fragt man in Frankfurt die Leute, was denn die Hauptwache sei, bekommt man viele Antworten. Die einen haben einen Platz vor Augen, andere verwechseln die Hauptwache mit der Zeil. Wieder andere gehen davon aus, mit der Verabredung sei das Café Hauptwache gemeint. Oder auch die Standuhr dahinter.
Frankfurter Innenstadt 
..die Villa Meister. Das prachtvolle und heute denkmalgeschützte Gebäude hatte Herbert von Meister,der  Sohn von Carl Friedrich Wilhelm Meister, einem der Begründer der Farbwerke Hoechst, im Jahr 1902 erworben.
Frankfurt-Sindlingen 
        

Schon schön: Ein Blick in     die Grillparzerstraße im Dichterviertel.
Frankfurt-Dornbusch 
Auf den fruchtbaren Äckern im Frankfurter Norden wird immer noch Landwirtschaft betrieben. Und manch ein Erzeuger vermarktet seine Produkte immer noch selbst.
Frankfurt-Nieder-Eschbach 
Weblog

Seit vielen, vielen Jahren ist "kit" Eishockey-Berichterstatter. Im Blog berichtet er über die Löwen Frankfurt - "in your face".